Alle Menschen haben Träume, aber in der Regel hat das Schicksal andere Pläne. Die meisten beugen sich der normativen Kraft des Faktischen. Manche halten jedoch unbeirrt an ihren Hoffnungen fest und erschaffen auf diese Weise eine Lebenslüge, die fortan ihr Dasein bestimmt; mitunter, jedenfalls im Krimi, bis zum Mord, und darum geht es in dieser wie stets famos gespielten Episode aus der ZDF-Reihe "München Mord".
"Die Stadt, die es nicht gibt" ist eine der letzten Arbeiten des im Mai verstorbenen Hauptdarstellers Alexander Held. Die Handlung beginnt mit zwei zur gleichen Zeit stattfindenden Festen: Im Präsidium hat Rechtsmediziner Laicher (Michele Cuciuffo) zum Umtrunk geladen, er wird fünfzig und kredenzt im Stil der Achtzigerjahre Kir Royal und Mett-Igel. In einem Vorort wird derweil eine rauschende Motto-Party gefeiert, ebenfalls als Hommage an jenes Jahrzehnt.
Schlag Mitternacht, als es Bowle gibt, fallen die Gäste wie in "Dornröschen" in einen tiefen Schlaf, am nächsten Tag haben alle einen Filmriss: Jemand hat K.o.-Tropfen ins Mischgetränk geschüttet. Die Gastgeberin wird jedoch nie wieder aufwachen: Ihr wurde eine Spritze mit Kaliumchlorid verabreicht. Als erstes machen sich Angelika Flierl und Harald Neuhauser (Bernadette Heerwagen, Marcus Mittermeier) ein Bild vom Opfer.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Nora Plötz war eine überaus begeisterungsfähige und entsprechend umtriebige Frau, die ständig neue Projekte begonnen, aber ebenso rasch wieder beendet hat. Das hat den Menschen, die sich auf ihre Unterstützung verlassen haben, natürlich nicht gefallen. Viele von ihnen waren zu Gast, sie hätten alle ein Motiv. Gänzlich unverdächtig ist allein Rentnerin Thekla (Beatrice Richter).
Sie hat zwar die Bowle zubereitet, ist aber gleich wieder gegangen, damit die jungen Leute unter sich sind. Gemeinsam mit Thekla wollte Nora, die das großzügige Anwesen erst kürzlich von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hat, aus der Villa eine Begegnungsstätte für Seniorinnen und Senioren machen, sehr zum Unmut eines älteren Herrn, der sich als Lebensgefährte der Mutter entpuppt und nun obdachlos ist.
Abgesehen von den leicht skurrilen Ermittlungsmethoden des kriminalistischen Trios ist "Die Stadt, die es nicht gibt" bis zu diesem Punkt zwar gewohnt unterhaltsam, aber als Krimi zumindest im Rahmen der Reihe nicht weiter ungewöhnlich (Buch: Matthias Kiefersauer, Alexander Liegl). Das ändert sich, als sich Fräulein Flierl näher mit der alleinstehenden Thekla beschäftigt, und nun klärt sich auch das Titelrätsel: Er bezieht sich auf die Mitte der Achtziger, als München, die selbsternannte "Weltstadt mit Herz", tatsächlich Stars und Sternchen aus aller Herren Länder anlockte.
In Noras Nachlass entdeckt Ludwig Schaller (Held) einen Stadtplan mit diversen Markierungen. Sie bezeichnen die wichtigsten und heute größtenteils nicht mehr existenten Spuren, die Freddy Mercury hinterlassen hat. Die bayerische Landeshauptstadt war von 1979 bis 1985 tatsächlich der Lebensmittelpunkt des 1991 verstorbenen Queen-Sängers, und nun nimmt der Film eine gänzlich unerwartete Kurve: Womöglich hat er damals einen Sohn gezeugt.
Welche Rolle die vermeintliche Vaterschaft und nicht zuletzt auch Mercurys markante Schneidezähne fortan für die Ermittlungen spielen, ist famos ausgedacht und kurzweilig umgesetzt (Regie: Eva Spreitzhofer), zumal die Mitwirkenden ganz offenkundig großen Spaß an dieser originellen Geschichte hatten. Während Schaller trocken feststellt, wer sich noch an die Achtziger erinnern könne, sei nicht dabei gewesen, wird Neuhauser spätestens durch die Begegnung mit Jugendbekanntschaft Carola aus Kolbermoor (Carin C. Tietze) von nostalgischen Erinnerungen übermannt.
Er hat die Freitagabende seiner späten Teenager-Jahre regelmäßig in der Alabama-Halle verbracht, bekleidet mit Lederjacke, Boots und einer Jeans, die perfekt passte, weil er sich vorher damit in die Wanne gelegt hat. Um rauszufinden, wie viel vom einstigen Harald noch in ihm steckt, holt er die alten Klamotten aus dem Schrank, aber Carola macht ihm unmissverständlich klar, dass die alten Zeiten unwiederbringlich vorüber sind.
Witzig sind auch die kleinen Scharmützel mit der neuen Chefin. Das Trio hat Doktor Hösl (Eva Karl Faltermeier) zunächst fälschlicherweise für eine Kollegin von Laicher gehalten. Kein Wunder, dass die Kriminaloberrätin aus der Oberpfalz erheblich bezweifelt, dass Schaller und seine Getreuen dem Fall gewachsen sind. Selbstredend wird sie eines Besseren belehrt, und am Ende verhindert "Bohemian Rhapsody", dass es zu einer Tragödie kommt.



