Viele Menschen betrachten die Vorstellung, vermeintlich als tot zu gelten und lebendig bestattet zu werden, als größtes individuelles Unheil; so schreibt es Edgar Allan Poe in der Einleitung seiner Kurzgeschichte "Das vorzeitige Begräbnis" (1844). Die Hauptfigur trifft allerlei Vorkehrungen, um ein derart fatales Ereignis zu verhindern. Am Ende widerfährt ihr selbstredend exakt dieses Schicksal, wenn auch zum Glück nur scheinbar.
Der Tod im Sarg, ein qualvolles Ersticken, ist spätestens seit Poe ein beliebtes Thrillermotiv, zumal die fieberhafte Suche nach der vermissten Person, mit der diese Krimis für gewöhnlich enden, für erhebliche Spannung sorgt, und selbstredend hat sich auch Niels Holle dieses Stilmittels bedient: "Das dritte Grab", die dreißigste Episode der von Holger Karsten Schmidt erdachten ARD-Reihe "Nord bei Nordwest", mündet schließlich in einen Wettlauf mit dem Tod.
Wie immer beginnt der Film ganz anders.
Die idyllischen Bilder zum Auftakt lassen nicht erahnen, dass im Verlauf der Handlung vier vermeintlich unbescholtene Menschen sterben werden. Die Todesart der ersten beiden Opfer deutet allerdings an, dass jemand eine alte Rechnung begleichen will: Auf dem Friedhof von Schwanitz wird ein frisches Grab entdeckt, darauf steht ein schiefes Holzkreuz mit der roten Inschrift "Mörder". In der aus groben Brettern zusammengenagelten Kiste findet sich die Leiche eines Mannes, dessen blutige Fingerspitzen keinen Zweifel lassen: Er ist lebendig begraben worden. Später kommt ein weiteres Grab hinzu, der Modus operandi ist der gleiche, und weil diese Form der Tötung als eine der schlimmsten Bestrafungen überhaupt gilt, mutmaßt Hauke Jacobs, dass das Motiv für die Taten irgendwo in der Vergangenheit liegen muss.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Holle wechselt sich mit Schmidt seit geraumer Zeit bei den Büchern für die 2014 gestartete Reihe ab und bedient die Erwartungen mittlerweile auf ähnlich hohem Niveau wie der Erfolgsautor. Der besondere Reiz der Filme liegt in ihrer personellen Konstellation: "Nord bei Nordwest" war von Anfang an eine Romanze zu dritt, weil Jacobs (Hinnerk Schönemann) hin und her gerissen ist zwischen seiner Kollegin im Polizeirevier (anfangs Henny Reents, seit Folge zwölf Jana Klinge) und der Partnerin in der Tierarztpraxis (Marleen Lohse). Diesmal darf er gleich zweimal von den beiden Frauen träumen, aber der zweite Traum droht sein letzter zu werden.
Es ist wie stets ein großes Vergnügen, diesem Trio zuzuschauen, zumal alle drei ihre Rollen mit einem subtilen Humor versehen. Die Nebenfiguren sind dagegen mit etwas gröberen Strichen gezeichnet. Das gilt diesmal vor allem für den weinerlichen Friedhofsverwalter Eilers, der von Trauer über Verzweiflung bis hin zur Wut alle möglichen auch körpersprachlich erkennbaren Emotionen durchläuft, aber dank Arnd Klawitter dennoch nie zur Karikatur wird. Wo manch’ anderer übers Ziel hinausgeschossen wäre, bewahrt er seiner Figur, die in ihrer Todesangst schließlich die Flucht nach vorn antritt, stets eine gewisse Würde.
Ganz anders interpretiert dagegen Christian Beermann seine Gastrolle: Lorenz Hummel zitiert "Stufen" von Hermann Hesse ("Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein"), war einst Revierleiter in Schwanitz und taucht wie aus dem Nichts in dem beschaulichen Ostseedorf auf.
Den Polizisten treibt seit über zwanzig Jahren ein Fall um, den er nicht lösen konnte: Damals ist ein Mann nach einer Party spurlos verschwunden, und natürlich werden nicht nur Krimifans ahnen, dass es einen Zusammenhang zu den jüngsten Mordfällen gibt.
Regie führte Greta Benkelmann, "Das dritte Grab" ist nicht bloß ihr "Nord bei Nordwest"-Debüt, sondern nach einigen Serienfolgen auch ihr erster langer Fernsehfilm. Die Inszenierung ist überaus entspannt, aber das entspricht ebenso dem Stil der Reihe wie der beiläufige Humor und die stets liebevoll skurril gestalteten Figuren. Für Spannung sorgt zwischendurch und erst recht zum Finale die in diesen Momenten an die Arbeit von Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann erinnernde Musik von Stefan Hansen. Ähnlich bedeutsam sind die Anteile von Kamera (Philip Jestädt) und Szenenbild (Kay Anthony), weil sie ihren Teil zur Charakterisierung einiger Beteiligter sorgen.
Das viel zu kleine Büro des nervösen Friedhofchefs zum Beispiel ist ebenso wie seine Wohnung in farblos kühlen Tönen gehalten. Ähnlich eindrucksvoll wie Klawitter ist Oda Thormeyer, die ihre Rolle als Eilers’ höchst unsympathische herrische Vertraute mit einer klirrenden Kälte versieht. Die Atmosphäre ihres Eigenheims hat den Charme einer Gruft; ein früher Hinweis auf ihr Schicksal.



