Die "Bravo" wird 70

Exemplare des Jugendmagazins "Bravo"
epd-bild/Mika Preller-Pieroth
Ob jung oder alt: Fast jede:r hat eine Anekdote zur Bravo.
"Dr. Sommer" und "Starschnitt"
Die "Bravo" wird 70
Mit Sexualaufklärung durch "Dr. Sommer" und den "Starschnitt"-Postern wurde die "Bravo" in den 1970er Jahren legendär. Zum 70. Geburtstag ist die gedruckte Zeitschrift nur noch wenig gefragt, erreicht auf Social Media aber ein Millionenpublikum.

Das "Starschnitt"-Poster des Lieblingsstars über dem Jugendbett und "Dr. Sommer" heimlich unter der Bettdecke lesen: Das ist für viele Babyboomer und Angehörige der "Generation Golf" eine markante Erinnerung. Beides gehörte in den 1970er und 80er Jahren zu den prägenden Sparten in der Zeitschrift "Bravo", die am 26. August 1956 zum ersten Mal erschien.

Das Archiv der Jugendkulturen in Berlin bescheinigt der "Bravo", die erste Zeitschrift in Deutschland gewesen zu sein, "die sich direkt an Jugendliche richtete". Vom einstigen Kultstatus ist zum 70. Geburtstag allerdings nicht mehr viel übrig. Die Auflage der gedruckten "Bravo" sank von Spitzenwerten von weit über einer Million verkaufter Exemplare auf unter 45.000 heute. Seit 1968 gibt der Hamburger Bauer-Medienverlag die Zeitschrift heraus.

Aufreger Sexualaufklärung

Mitgründer war der spätere Regierungssprecher Helmut Kohls, Peter Boenisch. Auf dem ersten Titelbild waren Marilyn Monroe und der Untertitel "Die Zeitschrift für Film und Fernsehen" zu sehen.

Gabriele Rohmann vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin erläutert im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Die Verantwortlichen haben sie gegründet, weil sie mit dem Aufkommen des Kinos und der Stars aus den USA einen neuen Markt erkannt hatten." Als "unbürgerlich" habe die "Bravo" erst gegolten, nachdem sie ihren Untertitel abgelegt habe "und sich immer mehr in Richtung Popstars und Sternchen orientierte".

Größter Aufreger war nach Rohmanns Worten ab den späten 1960er Jahren die Sexualaufklärung unter dem Pseudonym Dr. Jochen Sommer. Jugendliche hätten erstmals ihre Fragen zu Sexualität und Liebe offen und ohne Wissen der Eltern stellen können. "Dadurch wurde die Zeitschrift in konservativen Kreisen zunehmend verpönt", sagt die Co-Leiterin des Archivs. Für den Verlag sei die Sparte "eine willkommene Gelegenheit zur Auflagensteigerung" gewesen.

Dr. Sommer offenbarte sich fast 80-jährig

Als die "Bravo" 50 Jahre alt wurde, veranstaltete das Archiv der Jugendkulturen eine Jubiläumsausstellung, in dessen Begleitprogramm der Arzt Martin Goldstein im Alter von fast 80 Jahren öffentlich machte, dass er lange hinter dem Pseudonym "Dr. Sommer" stand. Goldstein habe die Aufklärungsseiten von 1969 bis in die 80er Jahre hinein betreut, sagt Rohmann. Als er in der prüden Nachkriegszeit Medizin studiert habe, sei Sexualaufklärung Sache von Behörden und konservativen Ärzten gewesen, die den Jugendlichen reaktionäre Ansichten vermittelt hätten: "Das fand er furchtbar."

Der Mediziner, der auch als Psychotherapeut, Autor und evangelischer Religionslehrer tätig war, starb 2012. Er habe belastende Mythen entkräften wollen, sagt Rohmann. "Er hat diese Aufgabe sehr ernst genommen und über einen langen Zeitraum die Briefe persönlich beantwortet."

Zwei Ausgaben 1972 indiziert

Seine Arbeit führte allerdings auch zu Konflikten: Zwei Ausgaben der "Bravo" wurden 1972 als jugendgefährdend eingestuft. Goldstein selbst erinnerte sich in einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung 2008 an die beiden Hefte: "Ich habe darin die Selbstbefriedigung von Jungen und Mädchen beschrieben und dazu gesagt: 'Macht euch erstens keine Sorgen, es ist nicht schädlich. Im Gegenteil!'" Zweitens habe er die Jugendlichen darauf hingewiesen, "dass eure Eltern und Lehrer nicht dieser freien Meinung sind", und drittens, dass auch Erwachsene onanierten. Das reichte für die Indizierung. Begründung: Geschlechtsreife allein berechtige "noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane".

Rohmann bescheinigt der Zeitschrift, dass ihr Konzept lange gut funktioniert habe. Denn der Verlag habe viel investiert, um exklusive Informationen zu erhalten. Eine letzte Blüte erlebte die gedruckte "Bravo" nach der Wiedervereinigung 1990.

Das Aufkommen von Musikfernsehen und Internet sowie später der sozialen Medien läutete jedoch den Niedergang der Zeitschrift ein. Der Verlag reagierte, tauschte Führungskräfte aus, stellte erst auf zweiwöchentliche, dann monatliche Erscheinungsweise um.

"Von der technischen Entwicklung überrollt"

Die Macher hätten sich vielleicht "ein bisschen auf dem Kultstatus ausgeruht" und seien von der technischen Entwicklung überrollt worden, vermutet "Bravo"-Expertin Rohmann. Der Bauer-Verlag entgegnet auf epd-Anfrage, angesichts von rund vier Stunden täglicher Smartphone-Nutzung Jugendlicher biete die Zeitschrift "einen bewussten Raum zum Lesen, Einordnen und Vertiefen". Neu sei etwa ein Faktencheck, der Jugendliche dabei unterstütze, "Informationen aus sozialen Medien faktenbasiert einzuordnen".

"Unser Anspruch ist seit 70 Jahren derselbe geblieben: junge Menschen ernst zu nehmen und ihnen verlässliche Orientierung zu geben", erklärt Sprecherin Katrin Hienzsch. Bei Themen wie Freundschaft, Liebe, Körper oder Identität setze die Redaktion "auf journalistische Einordnung statt schneller Antworten". "Dr. Sommer" ist nach ihrer Darstellung bis heute "eine vertrauenswürdige Anlaufstelle".

Auch (Mega-)Poster seien nach wie vor wichtig. Doch das Sammeln von Starschnitten über mehrere Ausgaben passe "heute nicht mehr zur Lebensrealität der jungen Zielgruppe". Dass ein großer Teil dieser Lebensrealität sich im Digitalen abspielt, weiß man auch bei der "Bravo": Über Social-Media-Kanäle, sagt die Sprecherin, erreiche sie knapp zwei Millionen User, die meisten davon mit rund 868.000 auf Instagram.