Es gibt Beziehungen, die beginnen ganz unspektakulär und halten Jahrzehnte. Sie brauchen weder Trauschein noch Verwandtschaft, niemand unterschreibt einen Vertrag, niemand schwört Treue. Und doch gibt es Menschen, die auch nachts das Telefon abheben würden, wenn man sie braucht. Freundschaften sind völlig freiwillig und zählen vielleicht zu den verlässlichsten Beziehungen. Seit 2011 ist der 30. Juli als internationaler Tag der Freundschaft gewidmet, zwischen Ländern und zwischen Menschen.
"Menschen sind Beziehungswesen", sagt Johanna Graf, Leitende Psychologin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart, dem Evangelischen Pressedienst. Freundschaften vermittelten Zugehörigkeit, stärkten den Selbstwert und gäben das Gefühl, "so akzeptiert zu werden, wie wir sind". Gerade in schwierigen Lebensphasen seien Freunde oft die Menschen, die Sicherheit und Zuversicht vermittelten - unabhängig von Familie oder Partnerschaft.
Umfragen bestätigen das. Laut einer Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse aus dem Jahr 2022, aus der "ARD alpha" zitiert, nehmen gute Freunde und enge Beziehungen mit knapp 85 Prozent die Spitzenreiterposition ein unter den Dingen, die Menschen für wichtig und erstrebenswert halten. Zum Vergleich: Eine glückliche Partnerschaft war nur für knapp 75 Prozent besonders wichtig.
Was zählt für die Freundschaft
Und was zählt in einer Freundschaft? Laut einer repräsentativen Befragung von Sinus-Institut und YouGov sind besonders drei Dinge bedeutend: Jeweils 70 Prozent der Befragten nannten Ehrlichkeit, dass man mit Freunden über alles reden könne und dass man füreinander da sei.
Allerdings haben die meisten Erwachsenen in Deutschland nur wenige enge Freunde, also vertraute Personen, die ihnen nahestehen. In der YouGov-Befragung erklärten zwei Drittel, sie hätten einen besten Freund oder eine beste Freundin. Im Schnitt hätten die Deutschen 3,7 enge Freunde.
Bei Freundschaften gehe es aber auch nicht um möglichst viele Kontakte, sagt Johanna Graf. Entscheidend sei ihre Qualität. Wer Menschen habe, denen er vertraue, lebe nicht nur zufriedener. Er sei häufig auch gesünder. Einsamkeit erhöhe die Gefahr von Bluthochdruck, Schlaganfällen und anderen chronischen Erkrankungen. Gut funktionierende Beziehungen - Freundschaften ebenso wie Partnerschaften - seien deshalb "von großer Bedeutung für die körperliche und psychische Gesundheit".
Jeder Zehnte fühlt sich einsam
Das erlebt auch Hans-Christoph Friederich, Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg. Etwa jeder zehnte Mensch fühle sich einsam. Dabei sei Einsamkeit nicht mit dem Alleinsein zu verwechseln. "Wir fühlen uns immer dann einsam, wenn entweder die gewünschten sozialen Kontakte fehlen oder die vorhandenen Beziehungskontakte als nicht befriedigend erlebt werden", sagt Friederich. Der Körper reagiere darauf mit dauerhaftem Stress. Hormonsystem, Immunsystem und Herz-Kreislauf-System gerieten aus dem Gleichgewicht.
Doch wenn Freundschaften so wichtig sind, was unterscheidet sie von einer Partnerschaft? Für Michael Herbst, emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Universität Greifswald, liegt die Antwort in ihrer Freiheit. Partnerschaften seien umfassend, exklusiv und "hoffentlich jedenfalls" lebenslang, sagte er dem epd: "Partner sind einander Gefährten, sie stehen einander bei, sorgen füreinander." Freundschaften dagegen lebten von einer anderen Qualität: Niemand müsse Freund sein. Gerade deshalb seien sie so kostbar.
Gute, stabile und belastbare Beziehungen seien eine wichtige Säule fürs Wohlbefinden, das habe die Forschung bestätigt, sagte Herbst: "Testfrage: Wen könnte ich, wenn es sein muss, auch nachts um zwei anrufen?"
Was die Bibel über Freundschaften sagt
Dass Freundschaft den Menschen trägt, erzählen nach Herbsts Überzeugung schon die biblischen Geschichten. Da sei Jonathan, der seinem Freund David treu geblieben sei, obwohl er sich damit gegen seinen eigenen Vater stelle. Für Herbst zeigt diese Geschichte, dass Freundschaft "eine stärkere Bindung und Loyalität auslösen kann als das, was man früher Blutsbande nannte". Und das Buch Jesus Sirach im Alten Testament habe die Bedeutung der Freundschaft vor mehr als 2.000 Jahren in einem Satz beschrieben, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren habe: "Ein treuer Freund ist ein starker Schutz; wer den findet, der findet einen großen Schatz."



