Mit einem Instagram-Video fängt alles an: Kinderärztin Bea Merscher aus Hannover spricht Ende Juni wütend in ihre Handy-Kamera: "Wir sind an einem Punkt angelangt, wo gesetzlich versicherte Kinder keine U-Untersuchungen mehr bekommen werden."
Das Video zu den ersten Vorsorgeuntersuchungen wird von Hunderttausenden gesehen. Hintergrund ist das sogenannte GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. Merscher, selbst alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, belässt es nicht bei dem Online-Auftritt und beginnt eine Demonstration zu organisieren.
Weil künftig auch bei Kinderärzten eine Budgetierung ist, könne der Arzt ihrer Kinder 16 Prozent seiner Patienten künftig nicht mehr behandeln, wenn er das ganze Quartal über kostendeckend arbeiten wolle, sagt sie. "Es ist ein Skandal und es muss einen Alternativ-Vorschlag geben."
Fehlende Lobby für Kinder
Anfangs wollte Merscher sich mit Mikrofon und Lautsprecher in Berlin vor den Reichstag stellen und protestieren. Inzwischen hat die Influencerin, die selbst mehr als 300.000 Follower zählt, für die geplante Kundgebung am 5. September mehr als 53.000 Euro an Spendengeldern gesammelt. Redner kommen aus dem ganzen Bundesgebiet, darunter weitere Influencer wie Pfleger Ricardo Lange, der als "Kids.Doc" bekannte Kinderarzt Vitor Gatinho und der Bundesvorsitzende des Allgemeinen Behindertenverbands, Marcus Graubner.
Zusammen haben die 28 Influencer, die auf der großen Bühne in Berlin sprechen wollen, eine Reichweite in den sozialen Medien von mehr als 3,5 Millionen Menschen. Merscher hat außerdem bei der Berliner Punk-Band ROSA eigens eine Hymne in Auftrag gegeben: "Es ist nicht fünf vor 12, sondern Punkt 12" lautet der Refrain. "Kinder haben keine Lobby, sie haben kein Mandat und jetzt sind wir ihre Stimme", sagt Merscher. Zwar stehen Kinder und Jugendliche bei der Demo im Mittelpunkt stehen, doch die Organisatorin will möglichst allen eine Stimme geben, die von den beschlossenen Kürzungen im Sozial- und Gesundheitssystem betroffen sind.
Gemeinsam mit ihren Mitstreitern hat Merscher einen Forderungskatalog mit 31 Punkten entworfen. "Eine Gesellschaft muss man daran messen, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht, nicht mit den stärksten", sagt die 39-Jährige. Auf der Bühne sind unter anderem hauptberuflich und privat Pflegende, Vertreter der Heilmittelberufe, der Psychotherapie, Lehrer oder Hebammenhilfe zu Gast.
Nicht bei Menschen sparen
Der Staat finanziere beispielsweise die gesundheitliche Versorgung von Bürgergeld-Empfängern nicht ausreichend, kritisiert Merscher. Die monatlichen Kosten bei den Krankenkassen beliefen sich pro Fall auf mehr als 310 Euro, der Staat zahle nur 144 in die Kasse ein. "Die Lücke von mehr als 10 Milliarden Euro jährlich tragen ausschließlich die gesetzlich Krankenversicherten."
Statt weniger auszuzahlen und zu kürzen, könnte dieses Defizit auf anderem Wege eingeholt werden, fordert die Medizinerin. So brauche es nicht 90 Krankenkassen mit jeweils eigener Verwaltung. Und auch die Pharmaindustrie könnte in die Pflicht genommen werden, die Mehrwertsteuer auf Medikamente gesenkt werden.
In ihren Videos wählt die Mutter teils drastische Bilder. Sie legt großen Wert darauf, als politisch unabhängig zu sein. "Wir wollen verhindern, dass die medizinische Versorgung katastrophal wird und in dieser Situation, in der so eine Politik gemacht wird, hilft nichts anderes." Protest soll es nicht nur vor Ort in Berlin geben: Für die Online-Teilnahme an der Demonstration haben bislang mehr als 12.000 Menschen zugesagt.
Social Media sieht Merscher dabei als große Chance: "Vor 30 Jahren hätte ich vielleicht beim Kartoffelschneiden in der Küche gestanden und hätte geschimpft und das wäre es dann gewesen." Heute erreiche sie allein mit ihrem Handy in der Hand mehr als 30 Millionen Menschen im Monat.



