Streit um Attestpflicht ab erstem Krankheitstag

Krankenkassen-Karten
Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa/Jens Kalaene
Der Streit um die Attestpflicht ab dem 1. Tag geht weiter. Für Grünen-Chef Felix Banaszak ist sie ein Dorn im Auge, weil sie u.a. die Kosten im Gesundheitssystem steigere.
Reformvorhaben von SPD und CDU
Streit um Attestpflicht ab erstem Krankheitstag
Das Reformvorhaben der schwarz-roten Bundesregierung ist unter Politikern umstritten. Arbeitsministerin und SPD-Co-Chefin Bas geht auf Distanz, sie stellt etwa die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag in Frage und plädiert für den Erhalt von Minijobs für Studierende.

Bundesarbeitsministerin und SPD-Co-Chefin Bärbel Bas (SPD) geht auf Distanz zu mehreren Reformvorhaben der schwarz-roten Bundesregierung. Im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Samstag) stellt sie etwa die umstrittene Neuregelung zur Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag in Frage. Zudem wendet sie sich gegen die ebenfalls geplante, komplette Abschaffung von Minijobs.

"Ich bin koalitionstreu", betont Bas zur Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag," aber wir sollten uns schon nochmal fragen, ob das sinnvoll ist". Die SPD-Chefin äußerte die Sorge, "dass dann Menschen mit einem leichten Infekt am ersten Tag zum Arzt gehen und aus einem kurzen Ausfall am Ende eine ganze Woche Krankschreibung wird".

Sie kritisiert außerdem: "Wenn ich eine Pflicht einführe und anschließend 95 Ausnahmen reinschreibe, stellt sich die Frage, ob man das überhaupt noch braucht." Die SPD-Co-Chefin plädiert jedoch dafür, eine Ausnahme für tarifgebundene Unternehmen zu machen.

Wirtschaftsforschungsinstitut ist skeptisch

Skeptisch zeigt sich zu diesem Reformvorhaben auch das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. In einer am Samstag veröffentlichten Studie zur Entwicklung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall schreibt das Institut, es sei "kaum damit zu rechnen", dass Arbeitgeber von der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag "flächendeckend Gebrauch machen" würden. Eine strenge Regelauslegung könne hingegen "das vertrauensvolle Miteinander" im Betrieb belasten. Zudem kritisierte das IW den zusätzlichen Verwaltungsaufwand der neuen Regelung.

Ähnlich kritisch wie Bas selbst äußert sich DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Die neue Regelung "macht keinen Sinn", teilt sie am Samstag mit. Es drohe eine Überlastung der Praxen in Infektionswellen und zudem, dass sich noch mehr Beschäftigte als jetzt schon krank zur Arbeit schleppten, um dort unkonzentriert und fehleranfällig zu arbeiten sowie das übrige Team anzustecken. "Das hilft weder Beschäftigten noch Arbeitgebern und für die Produktivität nützt es rein gar nichts", unterstreicht Piel.

CDU-Arbeitnehmerflügel und Grüne: "Kakophonie"

Kritik an Bas äußert hingegen der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels, Dennis Radtke. Der Chef der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) nennt Bas' Distanzierung von geschlossenen Kompromissen im "Kölner Stadt-Anzeiger" (Samstag) "fragwürdig". "Dauerkakophonie bringt weder das Land noch die Koalition nach vorne", wirft er der Arbeitsministerin vor, räumt jedoch ein, selbst "auch nicht von allen Verabredungen der Koalition restlos begeistert zu sein". Radtke deutet außerdem an, im Gesetzgebungsverfahren noch Details zu regeln, "die einem inhaltlich wichtig sind".

Auch Grünen-Chef Felix Banaszak spricht im "Tagesspiegel" von "Kakophonie", stimmt Bas' Kritik inhaltlich allerdings zu. Die Krankschreibung ab dem ersten Tag sei "eine Schnapsidee", weil sie die Beschäftigten "unter Generalverdacht" stelle, Ärzte belaste und die Kosten im Gesundheitssystem steigere.

Ministerin stellt Bedingungen

Die Arbeitsministerin kündigt in dem Funke-Interview zudem an, keinen Vorschlag zur Umsetzung der Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag zu machen, solange Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) nicht weitere Regelungen zur Termingarantie bei Ärzten und der Schlaganfallvorsorge vorlege. Diese Punkte seien als Kompromiss im "Gesamtpaket" gekoppelt, erläutert Bas.

"Wir wollten keine Karenztage und keine Kürzung der Lohnfortzahlung. Beides wollte die Union." Im Gegenzug habe die SPD "zähneknirschend der Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag zugestimmt, obwohl wir sie inhaltlich für falsch halten". Minijobs möchte die Ministerin für Studierende erhalten, "weil viele neben dem Studium arbeiten müssen". Bas plädiert dafür, sie rentenversicherungspflichtig zu machen, um Altersarmut zu verhindern.