Biografiearbeit hilft bei Demenz

Altenpflegerin Anika Amann von der Lohrer Sozialstation mit einer sogenannten Nesteldecke
Pat Christ / epd-bild
Altenpflegerin Anika Amann von der Lohrer Sozialstation mit einer sogenannten Nesteldecke, mit denen demente Senioren sich beschäftigen können.
Neue Zugänge in der Pflege
Biografiearbeit hilft bei Demenz
Kaum sieht der ältere Herr Anika Amann, schmettert er los: "Junge, komm bald wieder…" Die Altenpflegerin von der Caritas-Sozialstation im fränkischen Lohr stimmt ein. Längst weiß sie, was sie erwartet. "Hier wird bei der Pflege immer gesungen", sagt sie und lacht. Den demenziell veränderten Senior nicht nur zu pflegen, sondern mit ihm zu singen, bedeutet, seine Biografie ernst zu nehmen.

Lebenslang war der Mann sehr musikalisch gewesen. Das Verhalten eines an Demenz erkrankten Menschen wirkt oft skurril. Doch wer dessen Biografie kennt, weiß, woher das Verhalten rührt.

Biografiearbeit kann die Pflege erleichtern und demenziell veränderte Menschen aktivieren. Doch Leistungen, die Lebensqualität, Beziehungen und das Zwischenmenschliche fördern, stehen laut einer Expertin nicht im Vordergrund von Pflege.

Amann und ihre Kolleginnen von der Lohrer Sozialstation kümmern sich um einen Senior, der Zweiradmechaniker war. Bis heute braucht er immer etwas zu schrauben. Das sei sein Lebenselixier, erzählt die Pflegerin: "Wir sammeln deshalb defekte Apparate für ihn, zum Beispiel alte Rasierer, damit arbeitet er manchmal die ganze Nacht durch."

Biografiearbeit ist für Amann ein fortlaufender Prozess. Immer wieder ließen sich biografische Details entdecken. Zum Beispiel über ein Fotoalbum. Oder was fällt einer Seniorin ein, bringt Amann eine Kittelschürze mit? Da das Langzeitgedächtnis von an Demenz erkrankten Menschen meist gut funktioniert, lassen solche Objekte womöglich Erinnerungen an Backtage hochkommen.

Schwer eingeschränkte Menschen teilen sich mit

Biografiearbeit bedeutet nicht nur, den Beruf des demenziell veränderten Seniors sowie seine Vorlieben zu kennen. Wichtig ist es laut Amann auch, herauszufinden, ob es traumatische Erlebnisse gab. Die Altenpflegerin erinnert sich an eine Frau, die sie in Würzburg gepflegt hatte. Zum 16. März, dem Tag des großen Bombenangriffs Würzburg 1945, wurde die Frau zunehmend unruhiger, bis sie "Hilfe, Hilfe!" schrie.

Charlotte Berendonk begann vor mehr als zehn Jahren, sich wissenschaftlich mit Biografiearbeit zu beschäftigen, zunächst an der Uni Heidelberg. Aktuell forscht die Altenpflegerin und Pflegewirtin in Kanada. Bis heute komme Biografiearbeit nicht der Stellenwert zu, den sie verdient habe, sagt sie: "Der Care-Begriff ist zu sehr auf die körperliche Pflege fokussiert." Leistungen, die Lebensqualität, Beziehungen und das Zwischenmenschliche fördern, stünden nicht im Vordergrund.

Berendonk befasste sich zusammen mit Kolleginnen mit "Narrative Care Intervention". Pure Daten, etwa zum Beruf oder zur Anzahl der Kinder, sind fix erhoben. "Narrative Care" benötigt mehr Zeit. Hier wird versucht, herauszufinden, welche Gewohnheiten, Rituale, Präferenzen und alltägliche Routinen ein demenziell veränderter Senior hatte.

Plötzlich liebt der Senior Zoten

Biografie ist prinzipiell etwas, das sich permanent weiterentwickelt. Mal kontinuierlich, mal in Brüchen. Davon erzählen sowohl Anika Amann als auch Stefanie Goeken aus Dortmund. Amann berichtet von einer Seniorin, die niemals zuvor in ihrem Leben geraucht hat: Plötzlich begann sie, zu paffen.
Goeken, Betreuungskraft beim Ambulanten Betreuungsdienst "ZeitGut", erzählt von einem Senior, der früher immer ein feiner Gentleman war: "Er hat es gar nicht gemocht, haben seine Arbeitskollegen Zoten gerissen." Mit seiner Demenz schien sich sein Charakter ins Gegenteil zu verkehren. Plötzlich liebte er es, richtig zotig zu sein.

Die Dortmunderin arbeitet unter anderem mit Erinnerungskoffern. In so einem Koffer kann sich die Heiratsurkunde befinden oder das Schulzeugnis. Oder die alten Tanzschuhe, falls jemand früher getanzt hat. Über solche Objekte könne man zurückgezogene Senioren mit Demenz "aus ihrem Schneckenhaus kitzeln", sagt Goeken.

Würdevolle Betreuung nur mit biografischem Wissen

Ohne biografisches Wissen sei es letztlich nicht möglich, Senioren würdevoll zu betreuen, sagt Eva Sachs-Ortner, Demenzexpertin aus Österreich. Hier wird Biografiearbeit nach ihren Worten in der Pflegeausbildung unterrichtet. Allerdings hapere es an der Umsetzung in der Praxis.

In welchem Maß Biografiearbeit den Arbeitsalltag in der Pflege erleichtern kann, lässt sich nach Aussage der Expertin an der täglichen Körperpflege aufzeigen. Lasse man einen alten Menschen die Körperpflege so durchführen, wie er es in seiner Prägungszeit in den ersten 25 bis 30 Jahren gelernt hatte, gebe es bei dieser Prozedur wesentlich weniger Probleme.