Vielleicht ist es die Vase, an der man scheitert. Diese bauchige Vase, die bei Familienfesten aus dem Schrank geholt wurde und dann mit einem bunten Blumenstrauß in der Mitte des runden Tisches stand. Jetzt hält man sie wieder in der Hand. Aber es gibt kein Familienfest mehr. Mutter und Vater sind gestorben und das Elternhaus muss ausgeräumt werden. Was macht man nun mit dieser Vase? Warum fällt es so schwer, sie einfach wegzuschmeißen?
"Die Vase ist in diesem Fall ja nicht irgendein Objekt. Es geht um eine Geschichte, um die Kindheit. Mit jedem Teil, das Sie beim Ausräumen Ihres Elternhauses in die Hand nehmen, wird eine Erinnerung und damit eine Emotion aktiviert", sagt Markus Bernhard, Psychologe und Leiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung beim Evangelischen Beratungszentrum in München. Schwierigkeiten, mit dem Abschied vom Elternhaus umzugehen, begegnen ihm immer wieder in seinen Beratungsgesprächen.
Ein Übergang im Leben"Die Dinge sind ein Spiegel für die ganze Beziehung zu den Eltern", sagt Bernhard. "Das kann man nicht einfach trennen." Waren die Kindheit und die Beziehung gut und überwiegen schöne Erinnerungen, dann bedeutet das Ausräumen des Elternhauses ein Gefühl von Verlust, von Unwiederbringlichkeit.
War das Verhältnis schwierig, macht das die Sache mit dem Ausräumen nicht unbedingt leichter, erklärt Bernhard: "In dem Moment geht dann auch die Hoffnung, dass das Verhältnis zu den Eltern vielleicht doch nochmal besser geworden wäre. Dass man noch etwas hätte klären oder lösen können."
Pro: Erst aufräumen- dann sterben?
Contra: Erst aufräumen- dann sterben?
Der Tod der Eltern und das Ausräumen der elterlichen Wohnung seien Übergänge im Leben - so wie die Pubertät, die Hochzeit, die Geburt eigener Kinder, sagt Bernhard. "Und Übergänge sind immer mit Stress verbunden." Zum einen werde man sich der eigenen Sterblichkeit deutlich bewusst. Zum anderen komme auch vieles an die Oberfläche, was vielleicht lange unterdrückt worden sei: alte familiäre Konflikte, Geschwister, die sich als Kinder benachteiligt gefühlt oder die bei der Pflege der Eltern mehr geleistet haben als andere.
Zeit für den Abschied nehmen und Fotos machen
Wenn möglich, sollten alle Beteiligten gemeinsam über ihre Wünsche und Bedürfnisse sprechen. "Das Ausräumen des Elternhauses ist wie ein Ritual", sagt Bernhard. "Es ist gut, sich aktiv Gedanken darüber zu machen, wie ich das gestalten will." Eine Möglichkeit könnte es sein, noch einmal mit allen Geschwistern im Haus Weihnachten zu feiern, eine letzte Nacht dort zu verbringen oder zumindest nochmal einen Kaffee auf der Terrasse zu trinken. Falls die Eltern noch lebten, sollte man vor dem Auszug versuchen, gemeinsam möglichst offen über die Zukunft des Hauses und die Gegenstände darin zu sprechen.
"Abschied ist ein Prozess", sagt Bernhard. Wer kann, sollte sich Zeit dafür nehmen. Sich in Ruhe überlegen, welche Dinge man wirklich mitnehmen will und kann, welche einen Wert für einen selbst haben und welche man vielleicht auch weitergeben möchte, an die eigenen Kinder, damit sie in der Familie bleiben. Gleichzeitig sollte niemand seine Wohnung zum Museum seiner Eltern machen. Bernhard rät, Fotos zu machen, vom Haus, von den Räumen und Gegenständen. Das könne helfen, die Erinnerung zu bewahren, aber gleichzeitig weniger Dinge mitzunehmen.
Aber wohin mit den Möbeln, dem Geschirr, den Büchern oder Kleidungsstücken, die niemand aus der Familie mehr haben will? In vielen Regionen gibt es Sozial-Kaufhäuser oder gemeinnützige Initiativen, die Gebrauchtes weitergeben, auf Internetportalen wie kleinanzeigen.de kann man Möbel und Hausrat anbieten, auch unter der Rubrik "Zu verschenken". Gegen Bezahlung lässt sich auch ein Dienstleister für Haushaltsauflösungen beauftragen.
In Würzburg haben Claudia Hahn und Liane Batea das Unternehmen "Wertvoll-Haushaltsauflösungen" gegründet. Sie transportieren die Dinge nach Rumänien, in das Heimatland von Batea. Dort, im Banater Bergland, einer strukturschwachen Gegend, könnten die Menschen im Grunde alles gebrauchen, sagt Hahn. Und so wandern Schlafsofas, Regale, Tische, aber auch Geschirr, Besteck und Dekoartikel aus Deutschland regelmäßig per Lkw nach Rumänien. "Und das hilft nicht nur den Menschen dort, sondern ist auch für viele Menschen hier ein Trost, wenn sie wissen: Ihre Möbel, Tassen und Teller landen nicht im Müllcontainer, sondern es freut sich noch jemand darüber", sagt Hahn. Die Dinge bekommen wieder einen "Wert".
Rechtzeitig anfangen und aussortieren
Bei ihrer Arbeit tauchen sie und Batea tief in die Leben ihrer Auftraggeber ein. Ein Rat liegt Hahn deshalb besonders am Herzen: "Benutze die Dinge, die du hast! Zieh das schöne Abendkleid an, geh in die Oper oder lade eine Freundin zum Kaffee ein und hol das Goldrandgeschirr raus." Oft finden sie in den Häusern noch originalverpackte Gegenstände, nie benutzt und wahrscheinlich "für später" aufgehoben. "Aber du weißt nie, ob es ein 'später' geben wird. Freu dich jetzt an den Dingen!", sagt Hahn.
Und vielleicht könne man ja auch selbst schon anfangen, ein bisschen Ordnung zu schaffen und Dinge auszusortieren, solange man noch körperlich und geistig fit genug sei, rät Hahn. "Das erleichtert das eigene Leben und das der Nachkommen oft sehr."
Literatur zum Thema: Ursula Ott, "Das Haus meiner Eltern hat viele Räume - Vom Loslassen, Ausräumen und Bewahren", btb Verlag 2019, 10 Euro. Susanne Mayer: "Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen", Berlin Verlag, Berlin/München 2019, 20 Euro. Christina Erdmann, "Adieu Elternhaus", Rowohlt Taschenbuch, 2023, 16 Euro.
Weitere Tipps im Internet:
https://wertvoll-haushaltsaufloesungen.de/ Evangelisches Beratungszentrum
https://www.ebz-muenchen.de/ Viele Informationen und Tipps rund um das Thema "Elternhaus auflösen" gibt die Autorin und Coachin Christina
https://s.epd.de/3vr8 Professionelle Fotos von Elternhäusern im Raum München sowie bundesweit macht Jörg Egerer:
https://elternhausfotografie.de/
Tipps zum Ausräumen des Elternhauses
Schränke ausräumen, Möbel tragen - und dann fällt einem zwischendurch auch noch ein besonderer Brief in die Hände oder ein Duft weckt Erinnerungen. Wer das Elternhaus leerräumt, braucht Zeit und praktische Unterstützung. Ein paar
Tipps:
Wenn die elterliche Wohnung ausgeräumt werden muss, steht man zunächst einmal vor vielen Erinnerungen und einem Berg an Dingen. Wer die Möglichkeit hat, sollte Freunde, Verwandte oder Nachbarn um Hilfe bitten. Sie können emotional unterstützen, beim Tragen helfen und vielleicht selbst Dinge gebrauchen. Zum Tragen helfen kann man auch auf Nachbarschaftsplattformen oder über Kleinanzeigen jemanden suchen.
Wo kann ich gut erhaltenen Hausrat und Kleidung abgeben?
Vielleicht gibt es Enkelkinder oder andere jüngere Leute im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft, die gerade selbst einen eigenen Hausstand gründen und Bedarf an Möbeln oder Geschirr haben. Auch ein Hausflohmarkt, bei dem sich Interessenten direkt umschauen können, kann eine gute Idee sein. Sozialkaufhäuser sind gute Anlaufstellen etwa für Möbel, Elektrogeräte oder Bücher, die zu schade für den Müll sind. Doch sie nehmen teilweise nicht mehr alles an, auch Altkleider-Container werden derzeit in vielen Regionen abgebaut. Alternativen können Plattformen im Internet wie Vinted, Momox, nebenan.de oder Kleinanzeigen sein.
Wohin mit dem Rest?
Gegen Bezahlung lösen Dienstleister einen Haushalt auf. Wer mit mehreren spricht und sich Angebote einholt, kann nicht nur nach dem Preis schauen, sondern auch, bei wem die zwischenmenschliche Ebene gut passt. Als letzten Schritt kann man sich bei einem Containerdienst einen Container bestellen, in den der Rest geworfen und anschließend entsorgt wird.
Wie kann ich die Erinnerung an mein Elternhaus bewahren?
Um die Erinnerung zu bewahren, kann man die Wohnung oder das Haus, die Zimmer und Gegenstände vor der Haushaltsauflösung noch einmal fotografieren. Aufnahmen mit einer speziellen 360-Grad-Kamera ermöglichen es sogar, die Räume später mit einer VR-Brille anzusehen. Es gibt auch professionelle Fotografen, die letzte Bilder vom Elternhaus machen. Und wie wäre es mit einer Tonaufnahme von der knarzenden Kellertür?
Wo finde ich emotionale Unterstützung?
Psychologische Beratungsstellen, Trauergruppen oder die Kirchengemeinde können Anlaufstellen sein. Vor allem, wenn die Trauer nach einem Todesfall auch nach einem Jahr noch unverändert stark ist, sollte man sich professionelle Hilfe holen. Bei Streitigkeiten rund ums Erbe kann eine juristische Beratung oder Mediation zwischen den Angehörigen sinnvoll sein.




