Eine Kirche für die Toten

Innenraum der Kirche mit Regalen und Faechern für Urnen
epd-bild/Peter Juelich
Innenraum der Kirche mit Regalen und Faechern für Urnen.
Begräbniskirche in Frankfurt
Eine Kirche für die Toten
Immer mehr Menschen wollen nach dem Tod eingeäschert und in Urnen bestattet werden. Diesem Wunsch kommt in Frankfurt am Main eine nicht mehr benötigte Gemeindekirche nach.

Schon der Türknauf stimmt auf das Kommende ein: Wer die Holztür öffnen will, drückt die Schwanzfedern einer Pfauenfigur nach unten, Symbol der Auferstehung. Der Blick fällt in einen hohen, hellen Raum mit elliptischem Grundriss. Die Wände sind weiß verputzt, die Decke bläulich. Ein Band von Oberlichtern unter der Decke füllt den Raum mit Licht. Anstelle der alten Sitzbänke stehen zwölf runde Wände mit Urnen-Fächern im Kirchenschiff. Die katholische ehemalige Gemeindekirche St. Michael in Frankfurt am Main ist als erste in Hessen zur Begräbniskirche umgestaltet worden. Ab Mitte Juli werden hier Urnen beigesetzt.

Die 1953 bis 1954 durch den Architekten Rudolf Schwarz (1897-1961) errichtete Kirche ist auf Beschluss des Bistums Limburg 2025 bis 2026 für 3,1 Millionen Euro umgebaut worden. "Die Trauerkultur hat sich verändert", sagt die Leiterin des angeschlossenen Fachzentrums Trauerseelsorge des Bistums, Verena Maria Kitz. Immer mehr Menschen wollten, dass sie nach dem Tod eingeäschert werden und dass die Nachkommen kein Grab pflegen müssen. Die neue Begräbniskirche biete einen würdigen Platz für 2.500 Urnen.

Die außen und innen belegbaren Urnenwände bilden die Form eines "offenen Rings". Kirchenarchitekt Schwarz habe so die um den Altar versammelte Gemeinde genannt, die offen für andere und für Gott ist, erläutert Kitz. Die offenen Ringe der Urnenwände sind unterschiedlich groß. Sie tragen die Namen der Tugenden, besonders beliebt unter den Interessenten seien "Liebe" und "Eintracht". Die beleuchteten Fächer sind mit einer grünlich schimmernden Milchglasscheibe verschlossen, vor der der Name des Verstorbenen mit seinen Lebensdaten angebracht wird.

Begräbniskirche St. Michael in der Gellertstraße in Frankfurt am Main

Ein Platz hier kostet in Anlehnung an die Gebührensatzung der Stadt Frankfurt 2.900 Euro, Trauergespräche, Trauerfeier und Beisetzung eingeschlossen. Auch künftig sollen hier mit Trauernden schlichte Gottesdienste gefeiert werden, wie die Pastoralreferentin und Trauerbegleiterin erläutert. Ausdrücklich sei die Begräbniskirche aber als Beisetzungsort offen für jeden, der das wünscht, gleich welchen Glaubens. Die drei Seelsorgerinnen des Trauerzentrums führen ein Gespräch mit Interessenten und bieten darüber hinaus eine Trauerbegleitung an. Mehr als 200 Menschen hätten bereits Interesse bekundet.

Die Interessenten fänden den Raum architektonisch toll, der auch immer wieder Gruppen von Architekten anziehe, berichtet Kitz. Interessenten schätzten auch, dass hier viele Menschen in der Vergangenheit gebetet haben und auch in Zukunft beten werden. Manche hätten in der Gemeindekirche prägende Familienfeiern erlebt. Zudem biete die Begräbniskirche die Möglichkeit, mit anderen Besucherinnen und Besuchern in Kontakt zu kommen oder Gespräche mit Ehrenamtlichen zu führen.

In Deutschland gebe es zwar schon andere Begräbniskirchen, aber St. Michael sei in seiner Form und Art einzigartig, sagt Kitz. Die Begräbniskirche solle auch ein Ort des Lebens sein.

Zentrum für Abschied, Trauer und Hoffnung

Letzteres ist auch für den Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, ein wichtiges Kriterium. Andere Kirchen wie die katholische Maria Schutz in Kaiserslautern oder die evangelische St. Pauli in Soest hätten Kolumbarien in den Kirchraum integriert, in dem weiterhin die Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt. "So hat man die Toten wieder in die Gemeinde zurückgeholt." Mit diesem Konzept ersetze eine Begräbniskirche keine Gemeindekirche, sondern vertiefe deren Arbeit, lobt er.

Das Bistum Limburg verfolge bewusst "einen weitergehenden Ansatz", erläutert dessen Sprecher Stephan Schnelle. "Der gesamte Kirchenraum ist auf die Themen Abschied, Erinnerung, Trauer und christliche Hoffnung ausgerichtet. Dadurch entsteht ein besonderer Ort, an dem Beisetzung, Gedenken, Gottesdienst und Trauerbegleitung eine Einheit bilden."