Schleswig-Holstein führt als erstes Bundesland die Reerdigung als dritte Bestattungsform ein. Der Landtag hat am Donnerstag die dahingehende Gesetzesänderung einstimmig beschlossen. Das beschleunigte Verfahren zur Verwesung eines Leichnams steht nach einer vierjährigen Pilotphase nun gleichberechtigt neben der Erd- und Feuerbestattung.
Justizministerin Kerstin von der Decken (CDU) betonte in ihrer Rede im Landtag die Unbedenklichkeit des Verfahrens für Mensch und Umwelt. Die Universität Leipzig hatte die Pilotphase durch engmaschige Probengewinnung begleitet.
Schwermetall- und Schadstoffwerte hätten durchgehend unter den maßgeblichen Grenzwerten gelegen, sagte von der Decken. Sie freue sich, dass Schleswig-Holstein auf dieser wissenschaftlichen Grundlage mit einer neuen Bestattungsart dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trage.
Besonders ökologische Form der Bestattung
Bei der Reerdigung wird der Körper der verstorbenen Person in einem sargähnlichen Kokon in 40 Tagen zu Erde transformiert, die dann in einem Sarg oder Tuch auf Friedhöfen in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg beigesetzt werden kann. Übrig gebliebene Knochen- und Zahnreste werden gemahlen und der Erde wieder zugefügt.
Der Anbieter dieser Bestattungsform, das Berliner Unternehmen "Meine Erde", wirbt damit, dass es sich um eine besonders ökologische Form der Bestattung handele. Natürliche Mikroorganismen bewirkten, dass der Körper sich schnell in organische Erde verwandele.
"Meine Erde"-Geschäftsführer Pablo Metz sprach nach dem Landtagsbeschluss von einem "historischen Moment für die deutsche Bestattungskultur" und fügte hinzu: "Wir hoffen, dass andere Bundesländer dies als Einladung verstehen, diesen Weg ebenfalls zu öffnen."
Der Gesetzesänderung war eine mehrjährige Pilotphase vorangegangen. Im Februar 2022 war die Bestattungsform mit einer behördlichen Duldung auf dem Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde in Mölln (Kreis Herzogtum Lauenburg) an den Start gegangen. Ein Jahr später kam eine Kapelle auf dem Kieler Parkfriedhof Eichhof als Standort hinzu.
Pilotphase ging am 7. Juni zu Ende
Mehr als 80 Verstorbene aus 14 Bundesländern wurden inzwischen in Mölln und Kiel reerdigt. Am 7. Juni war die Pilotphase zu Ende gegangen. Die Bischöfin der evangelischen Nordkirche für Schleswig-Holstein, Nora Steen, bezeichnete die Reerdigung am Donnerstag als "eine würdige und verantwortbare Form des Abschieds". Entscheidend sei für die Kirche allerdings, dass die entstehende Erde auf den Friedhöfen beigesetzt werde.
"Friedhöfe sind Orte des Gedenkens und der Trauer, an denen die Würde der Verstorbenen sichtbar gewahrt bleibt und Hinterbliebene einen verlässlichen Ort des Erinnerns finden", erklärte Steen. Auch die Pröpstin des Kirchenkreises Altholstein, Almut Witt, begrüßte die Entscheidung des Landtags. "Die bisher gemachten Erfahrungen mit der Reerdigung zeigen, dass sich die Erwartungen nach einer klimafreundlichen Bestattungsart erfüllen. Ich freue mich, dass wir damit den Menschen eine dem Trauerprozess angemessene Abschiedsform ermöglichen."




