Jedes Jahr treten Tausende Gläubige aus den Kirchen in Deutschland aus. Auch in den anderen Ländern Europas sieht es nicht viel besser aus. Selbst die hohen Taufzahlen, die zum Beispiel die katholische Bischofskonferenz in Frankreich für dieses Jahr meldet, dürften der metaphorische Tropfen auf den heißen Stein sein.
Mit dem Verlust an Gläubigen gehen auch viele traditionsreiche Gebäude und andere Kulturgüter verloren. Anfang März wurde gemeldet, dass das Kloster La Trappe in Frankreich, Gründungskloster des Trappistenordens vor dem Aus steht. Grund dürfte, wie in vielen Klöstern, die Überalterung des Konvents und ein gravierender Nachwuchsmangel sein.
Die Zukunft der Trappisten, die außerhalb der kirchlichen Welt vor allem für ihr Bier bekannt sind, liegt angesichts der Größe der Konvente wohl in Asien und Afrika. Doch was bedeutet das für die Lage der Kirchen insgesamt und für ihre Gläubigen?
Mats Nowak arbeitet seit 2021 in der Social Media Redaktion von evangelisch.de. Nach einem Studium der Musikwissenschaft studiert er Evangelische Theologie in Hamburg und arbeitet in der "Arbeitsstelle für Geschichte der Militärseelsorge". Derzeit studiert Mats Nowak am Centro Melantone in Rom.
Der ehemalige Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, sagte in einem Interview, das durchschnittliche Mitglied der Anglikanischen Gemeinschaft sei eine alleinerziehende Mutter Anfang dreißig, die mit weniger als zwei US-Dollar am Tag in Afrika lebt. Der Lutherische Weltbund liefert hingegen keine konkreten Angaben. Angesichts des großen Zuwachses in den lutherischen Kirchen in Äthiopien und Tansania dürfte aber auch hier Tatsache sein, dass der/die durchschnittliche lutherische Gläubige in Afrika lebt, oder dass zumindest die Entwicklung in diese Richtung geht.
Auch die katholische Kirche entwickelt sich stärker im globalen Süden. Hier liegt das Zentrum allerdings in Latein- und Südamerika. Hier leben knapp 32 Prozent der Gläubigen. Durch zurückgehende Tauf- und die hohen Austrittszahlen fehlt es auch am Nachwuchs für geistliche Berufe. In katholischen Pfarreien helfen daher schon seit Jahren Priester aus dem Ausland, zum Beispiel aus Afrika oder Indien, aus.
Einer der ersten Missionare der Neuzeit in Europa
Mission hing in der Vergangenheit oft an Ordensgemeinschaften und einzelnen Klöstern. Die Benediktiner kennen eine eigene Kongregation, die sich bis heute mit der Evangelisierung beschäftigt, die Missionsbenediktiner von St. Ottilien. Die Kongregation hat in der ganzen Welt Klöster gegründet, um das Evangelium zu den Menschen zu bringen.
Im Jahr 2022 erhielt die Geschichte der Missionsbenediktiner aber ein neues, etwas ungewöhnliches, Kapitel. Im April 2022 wurde Br. Justus Mwalemba OSB nach Tirol geschickt. Der Mönch kommt ursprünglich aus Tansania und lebte im Kloster Mvimwa. 2022 erhielt er dann seine feierliche Missionsaussendung und lebt seit dem im Kloster St. Georgenberg in Österreich.
Boom der Freikirchen auch im Globalen Süden
Gleichzeitig boomen auch im Globalen Süden andere christliche Konfessionen. In Brasilien, noch immer das Land mit den meisten Katholiken weltweit, wenden sich im Schnitt jedes Jahr ca. eine Million Gläubige von der katholischen Kirche ab und Freikirchen, vor allem pfingstlicher Prägung, zu. Doch was macht diese Gemeinschaften so attraktiv?
Die charismatischen und pfingstlichen Bewegungen bieten oft Hoffnung in wirtschaftlich und/oder politisch unsicheren Zeiten an. Gleichzeitig sind sie mit ihrer Betonung der Wirkkraft des Heiligen Geistes, durch den zum Beispiel Menschen von Krankheiten geheilt oder von Sucht befreit werden, oft den vor Ort verwurzelten Kulturen und Religionen näher.
Diese Integration der nicht-christlichen Tradition zeigt sich auch im Gottesdienst, in dem zum Beispiel traditionelle Lieder oder Tänze in die Liturgie integriert werden. Durch persönliche Glaubenszeugnisse und spontane Gebete werden die Gottesdienste auch partizipativer gestaltet.
Auch sind die Gemeinden durch weniger Institutionalisierung für die Gläubigen niedrigschwelliger und flexibler im Umgang mit lokalen Herausforderungen. Durch die starke Emotionalisierung und die dadurch entstehende enge Bindung an eine Gemeinde oder eine Person können die Erfahrungen aber auch schnell ins Negative kippen, da in solchen Strukturen verletzliche Menschen in starke Abhängigkeiten verfallen können.
Lerneffekt für Europa
Wenn das Christsein keine Selbstverständlichkeit mehr ist, weil volkskirchliche Strukturen immer stärker verschwinden, muss die Kirche sich neu orientieren. Kirche soll erfahrbar sein, Menschen sollen spüren, was der Glaube im Alltag auslösen kann. Dabei kann und sollte auch die persönliche Spiritualität einen größeren Raum einnehmen. Gemeinden und insbesondere Gemeinschaft kann auch im kleinen Rahmen entstehen.
Hauskreise für verschiedene Gruppen von Menschen können zum Beispiel die Spiritualität, weg von der großen Institution Kirche hin zum Einzelnen bringen, und für ihn oder sie erfahrbar machen. Außerdem sind kleinere Gemeinden oft eine Spielwiese für persönliche Begabungen. Statt dass jemand sein Engagement in einen Rahmen einfügen muss, gibt es mehr Raum für die persönliche Entfaltung. so kann Gemeinde in vielen Bereichen vielfältiger gestaltet werden.



