Schulnoten sind Gott "egal"

Zeugnis mit Stempel  "Gott schreibt DICH groß"
epd-Nord/Julika Youzbachi
Ein Zeugnis ohne die üblichen Bewertungen wartet auf Schüler:innen in Eidelstedt.
Zeugnisse am Schuljahrsende
Schulnoten sind Gott "egal"
Zeugnisse ohne Noten: Die Pop Up-Aktion der Kirchengemeinde Eidelstedt will ein Gegengewicht zum Schulstress schaffen. Aufmunternde Worte sollen den unbeschwerten Start in die Sommerferien erleichtern.

Eigentlich sieht der Zettel in Imke Sanders Hand genauso aus wie ein ganz normales Hamburger Schulzeugnis - wäre da nicht der große rote Stempel mit der Aufschrift: "Gott schreibt DICH groß". Beim genaueren Hinschauen fällt auf, dass hinter den typischen Schulfächern wie Deutsch und Mathe statt Zensuren nur "egal" steht. "Denn Gott ist es ganz egal, welche Noten Kinder in der Schule bekommen", sagt Sander, Pastorin der Kirchengemeinde Hamburg-Eidelstedt. "Er schätzt und liebt ihre Eigenheiten, und ihm ist viel wichtiger, wer sie persönlich sind. Das wollen wir den Schülerinnen und Schülern mitteilen."

Die Idee zur Pop Up-Aktion "Zeugnisse für alle" kommt aus dem Pfarrteam. Ähnliche Aktionen finden hin und wieder zu verschiedenen Themen statt. Gemeinsam haben sie alle, dass Kirche im Alltag der Menschen auftaucht. "Die sind zuerst immer ganz überrascht, wenn sie uns im Talar auf der Straße sehen, aber dann ist die Reaktion oft sehr positiv."

Diesmal haben sie etwas ganz Besonderes geplant: Am Tag der Zeugnisvergabe (8. Juli) möchten sie in der Nähe des Gymnasiums Dörpsweg in Eidelstedt auf dem Schulweg stehen und den Jugendlichen ein zweites Zeugnis ohne Noten, aber mit aufmunternden Worten überreichen. Die Kirche will damit ein Gegengewicht zum Leistungsdruck schaffen, der in der Schule erzeugt wird, und einen leichteren Start in die Sommerferien ermöglichen.
Inspiriert wurde die Pastorin vor allem durch ihre Konfirmandinnen und Konfirmanden. "Ich merke schon, dass Schule ein großer Stressor und Druckmacher für sie ist, weil das auch immer zu Vergleichen untereinander führt."

Pastorin Imke Sander verteilt mit ihrem Pfarrteam die Zeugnisse auf dem Schulweg.

Sander selbst habe zum Glück nie besonders große Probleme in der Schule gehabt. Dabei sei ein großer Faktor gewesen, dass ihre Eltern keinen Druck ausgeübt hätten. "Wenn Kinder diesen aber verspüren, empfehle ich, sich an Personen zu wenden, bei denen sie sich öffnen können, ohne verurteilt zu werden."

Zeigen, dass Kirche Heimat bieten kann

Das könnten beispielsweise Pastorinnen und Pastoren sein, schließlich müssten diese sich ans Beichtgeheimnis halten. Das heißt, sie dürften nicht einmal der Familie von den Gesprächen erzählen. Wer sich lieber anonym und in schriftlicher Form jemandem anvertrauen möchte, könne auch über die Chat-Seelsorge der Nordkirche Rat holen. "Oft hilft es, über seine Sorgen zu sprechen, denn der Spruch 'Mach dir keinen Stress' ist immer leicht gesagt. Unser Schulsystem funktioniert nun mal über Noten, und das macht einfach immer Druck."

Vielleicht könne die Aktion sogar dazu beitragen, mehr junge Menschen für religiöse Themen zu begeistern, sagt Imke Sander. "Das hängt ganz davon ab, ob es uns gelingt, ihnen zu zeigen, dass Kirche ein Stück Heimat bieten kann. Ich glaube, dass auch viele Jugendliche ein Bedürfnis nach Spiritualität haben. Wenn sie merken, dass sie sich in der Religion wiederfinden können, dann nehmen sie Kirche vielleicht als hilfreichen, wertvollen Ort wahr."

Dass bereits Interesse besteht, sieht sie an den vielen jungen Mitgliedern, die in der Gemeinde aktiv sind. "Da kommen ganz oft Schülerinnen und Schüler in der Freistunde zu uns, um sich in der Gemeinde zu engagieren."



Einen Rat hat sie noch für Eltern und Großeltern: "Es ist ganz wichtig, den Kindern und Enkeln deutlich zu machen: Auch wenn du eine schlechte Mathenote hast, bist du trotzdem ein guter und wertvoller Mensch. Du hast ganz viele tolle Eigenschaften, die nicht auf diesem Zettel stehen." Dies sei gerade dann entscheidend, wenn die Jugendlichen niedergeschlagen über eine schlechte Beurteilung sind, "denn das ist schon schlimm genug, das muss man zu Hause nicht noch schlimmer machen".

Schließlich schreibe niemand absichtlich schlechte Noten, sagt sie, dafür gebe es immer Gründe. Und genau das ist auch die Botschaft der Aktion: Noten sagen nichts über den Wert eines Menschen aus - für Gott sind alle gut - genau so, wie sie sind.