Das "Ermutigungstelefon" als Oase des Trostes

Eine Frau telefoniert, im Hintergrund ist ein Kreuz zu sehen
Tobias Frick/Fundus
Das "Ermutigungstelefon" punktet ohne Druck und Ablenkung. (Symbolbild)
Schon 100.000 Mal genutzt
Das "Ermutigungstelefon" als Oase des Trostes
Keine Feeds, kein Swipen, keine Ablenkung: Während die digitale Welt um unsere ständige Aufmerksamkeit buhlt, bietet das Aidlinger "Ermutigungstelefon" eine bewusste Oase der Ruhe. Ein Anruf genügt und es bringt eine verlässliche Stimme direkt ans Ohr, die in hektischen Zeiten Orientierung schenkt.

Wer diese Woche das sogenannte Ermutigungstelefon in Aidlingen anruft, hört die auf Tonband gesprochene Andacht von Schwester Heidemarie. Mit ruhiger Stimme erzählt sie mehrere Minuten aus dem Lukasevangelium (Lukas 7,36–50) von der Sünderin, die an den Füßen Jesu bei einem Abendessen weint und die Tränen mit ihren Haaren aufwischt. "Komm Jesus, sei unser Gast. Klingt harmlos, kann aber unglaublich große Wirkung haben", sagt die Schwester zum Schluss.

Unter der Nummer 0821 / 26841259 läuft dafür rund um die Uhr eine etwa fünfminütige Andacht; jeden Samstag wird die Aufnahme aktualisiert. Was zu Beginn der Corona-Pandemie als pragmatisches Notangebot startete, hat sich bis Mitte 2026 zu einer festen Anlaufstelle entwickelt. Nun hat das "Ermutigungstelefon" der Aidlinger Schwestern die Marke von 100.000 Anrufen geknackt.

In einer Zeit von Social Media und allgegenwärtiger Digitalisierung wirkt diese Andacht auf der Festnetzleitung zunächst wie aus der Zeit gefallen. Die lineare Botschaft bietet keine Möglichkeit der Interaktion, kein Swipen und Ähnliches. Dennoch ist die Nachfrage groß. Etwa 700 Menschen rufen im Durchschnitt jede Woche an, berichtet Martin Haug, der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Diakonissenmutterhauses Aidlingen. "Es gibt ein großes Bedürfnis nach klarer Orientierung und Gottes Wort", sagt Haug. Das Verlangen nach reizarmen, verlässlichen Impulsen im Alltag sei hoch.

Dass ausgerechnet das Telefon diesen Zulauf erfährt, hat gute Gründe. Während digitale Nachrichtenströme Aufmerksamkeit einfordern und Bildschirme ablenken, reduziert das Telefonat das Angebot auf das Wesentliche, eine Stimme direkt am Ohr. Es gibt keine Kommentare zu lesen, keine Benachrichtigungen, die aufploppen, und keinen Druck zu antworten. Vor allem für ältere Menschen, die mit wenig Aufwand von überall her anrufen können, sei das Telefon eine gute Wahl. "Das ist die einfachste Möglichkeit, zur Ermutigung zu kommen", so Haug.

Auf Wunsch auch zum Seelsorgegespräch

Gleichzeitig zeigt die Nutzung, dass ganz unterschiedliche Menschen gezielt nach kurzen, geschützten Unterbrechungen im Alltag suchen, unabhängig davon, ob sie Einsamkeit überbrücken wollen, Orientierung suchen oder einfach einen geistlichen Impuls für den Tag brauchen. "Wir bekommen viele Zuschriften von Menschen, die sich bedanken", sagt Martin Haug. Das Angebot sei deshalb für alle da, nicht nur für Senior:innen. "Auch junge Menschen oder Singles, die im Alltag Unterstützung erfahren wollen, können anrufen." Manche Anrufenden ließen sich nach der Andacht sogar noch zu einer bestimmten Schwester verbinden, um sich seelsorgerisch beraten zu lassen.

Ein weiterer Faktor für den Erfolg ist die Regelmäßigkeit. Anders als bei ständig wechselnden Inhalten auf Social-Media-Plattformen bietet das Angebot eine feste Struktur. Die Verlässlichkeit, rund um die Uhr eine Stimme zu hören, die Trost oder Hoffnung zuspricht, schafft Vertrauen.

Geschrieben und eingesprochen werden die wöchentlichen Andachten von den Schwestern der Gemeinschaft selbst. Für sie ist die Resonanz Bestätigung und Motivation zugleich, den Dienst weiterzuführen. Das Ermutigungstelefon bleibt daher rund um die Uhr erreichbar, für Anrufende fallen lediglich die üblichen Festnetzgebühren an.