Moschee vs. Kirche: Überraschende Zahlen

Korane und Gebet in Assadaka-Moschee im hessischen Raunheim
epd-bild/Peter Juelich
Korane und Gebet in Assadaka-Moschee im hessischen Raunheim.
Stuttgarter Islamstudie
Moschee vs. Kirche: Überraschende Zahlen
Mehr Besucher beim Freitagsgebet als in der Kirche? Die Stuttgarter Islamstudie liefert überraschende Zahlen. Prof. Tobias Schuckert erklärt im Interview Phänomene wie "Ramadan-Muslime" und warum krampfhafte Harmonie im Dialog der falsche Weg ist.

Die Stuttgarter Islamstudie, die vor einigen Wochen veröffentlicht wurde, gibt Einblicke in Stuttgarts Moscheegemeinden. Als Macher der Studie spricht Tobias Schuckert, Professor für Interkulturelle Theologie und Religionswissenschaft an der Internationalen Hochschule Liebenzell, mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) über die erhobenen Zahlen.

epd: Herr Professor Schuckert, gemeinsam mit Studierenden haben Sie erstmals belastbare empirische Daten und Besucherzahlen von 66 der 117 islamischen Gemeinden in der inneren Metropolregion Stuttgart (iMS) erhoben. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

Tobias Schuckert: Die untersuchten Gemeinden sind sehr unterschiedlich, aber die meisten Gemeinden haben eines gemeinsam: das Freitagsgebet. Von den 66 besuchten Gemeinden nannten 57 das Freitagsgebet als wichtigste wöchentliche Versammlung.

Insgesamt gaben die Gemeinden an, dass 13.445 Besucher zum Freitagsgebet kommen. Auf die 117 Gemeinden der inneren Metropolregion Stuttgart hochgerechnet finden sich damit freitags etwa 26.395 Menschen zum Gebet ein, das sind durchschnittlich 226 Personen pro Gemeinde beziehungsweise ein Prozent der rund 2,7 Millionen Menschen in der iMS.

In der Stuttgarter Gottesdienst- und Gemeindestudie von 2020 hat die IHL herausgefunden, dass durchschnittlich 95 Menschen in der iMS einen Sonntagsgottesdienst in einer christlichen Gemeinde besuchen. Wie erklären Sie sich, dass Freitagsgebete oft deutlich besser besucht sind als christliche Gottesdienste?

Schuckert: Dies liegt vor allem daran, dass es in der iMS deutlich weniger Moscheen als christliche Gemeinden gibt. In unserer Gottesdienststudie haben wir zehnmal mehr christliche Gemeinden identifiziert als Moscheegemeinden. Das Einzugsgebiet einer Moschee ist also wesentlich größer.

Zudem ist das religiöse Pflichtbewusstsein zur Teilnahme am Freitagsgebet, insbesondere bei Männern, sehr hoch. Entscheidend ist aber auch die soziale Funktion in der Diaspora: Die Moschee ist ein Ort, an dem man unter Gleichgesinnten ist, die die eigenen Erfahrungen teilen. Das bietet einen wichtigen Ausgleich zum oft als anstrengend empfundenen Alltag in einem säkularen deutschen Umfeld.

Professor Tobias Schuckert verantwortet die Stuttgarter Islamstudie.

Und doch gibt es auch viele Muslime, die nicht jeden Freitag die Moschee besuchen, ebenso wie es viel mehr Kirchenmitglieder gibt als Gottesdienstbesucher. Wie erklären Sie sich das?

Schuckert: In Stuttgart gibt es auch, wie ich es nennen würde, "Ramadan-Muslime". Sie sind vergleichbar mit den "Weihnachtschristen". Ein Großteil der Menschen aus muslimischen Ländern lebt im Alltag eher säkular. Sie kommen vielleicht zum Fastenbrechen im Ramadan in die Moschee oder zum Opferfest, weil es ein schönes gemeinschaftliches und kulturelles Event ist, besuchen aber nicht regelmäßig das Freitagsgebet.

Unsere Zahlen zeigen deutlich, dass weit weniger Menschen die Moscheen regelmäßig besuchen, als es die Gesamtzahl der Menschen mit muslimischem Hintergrund vermuten ließe. Die religiöse Mobilisierung ist zwar höher als in den christlichen Gemeinden, aber auch bei Muslimen gibt es einen spürbaren Trend zur kulturellen Identität bei abnehmender religiöser Praxis.

Wie sieht Jugendarbeit in den Moscheegemeinden aus? Ist sie mit der in christlichen Kirchen vergleichbar?

Schuckert: Ja. Ein faszinierendes Beispiel ist die sogenannte "Kindermoschee", die stark an die klassische Kinderkirche angelehnt ist. Sogar die religionspädagogischen Materialien ähneln denen christlicher Jugendverbände. Statt Jugendreferenten oder Diakoninnen gibt es in den größeren Gemeinden deutschsprachige Religionsbeauftragte speziell für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Die Gemeinden investieren viel Geld in attraktive Räumlichkeiten und bieten Programme an, die über das Religiöse hinausgehen, wie Sport oder Ausflüge. Das Ziel ist es, den Jugendlichen ein attraktives Umfeld zu bieten, um sie an die Gemeinde zu binden. Hochgerechnete erreichen die islamischen Gemeinden in der Woche 11.700 Kinder, also durchschnittlich ungefähr 100 Kinder pro Gemeinde, das ist schon beachtlich.

Die Jugendarbeit in den Gemeinden wurde inzwischen größtenteils auf Deutsch umgestellt, da dies die Sprache ist, in der die Jugendlichen denken und sich unterhalten. Allerdings gibt es Spannungen: Während die örtlichen Gemeinden die Notwendigkeit der deutschen Sprache erkennen, versuchen einige Dachverbände vermutlich aus politischen Gründen an der Herkunftssprache festzuhalten. Hier prallt die Lebensrealität der Kinder und der örtlichen Gemeinde mit den Zielen der Verbände aufeinander.

"Von dieser selbstbewussten und überzeugten Art, vom eigenen Glauben zu sprechen, können sich meiner Meinung nach auch Christen inspirieren lassen"

Was waren weitere Erkenntnisse der Studie?

Schuckert: Bemerkenswert war auch, dass die Gemeinden sich durch nichtreligiöse Feste für ihre Nachbarschaft öffnen: Sei es ein Frühlings- oder Sommerfest, ein "Sardellenfest", Kermes oder der Tag der offenen Moschee. Dies zeigt, dass eine große Anzahl islamischer Gemeinden sich als Teil der Gesellschaft versteht und als solcher wahrgenommen werden will.

Wie nehmen die Gemeinden ihre eigene Rolle beim Thema Integration wahr?

Schuckert: Das war eines der überraschendsten Ergebnisse: Muslime und ihre Gemeinden verstehen sich nicht als Objekte, sondern als aktive Akteure der Integration, weil sie praktische Hilfe beim Ankommen in Deutschland leisten, etwa durch Unterstützung bei Behördengängen. Gute Integration machten die Befragten an beruflichem Erfolg und der Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten fest, wie etwa das Steuerzahlen. Allerdings besitzen viele die doppelte Staatsbürgerschaft und die Frage wäre, mit wem sie sich letztendlich dann auch wirklich identifizieren würden - mit Deutschland oder ihrem Herkunftsland?

Sie hatten viele Gespräche mit Muslimen: Was glauben Sie, können Christen von Muslimen lernen?

Schuckert: In unseren Begegnungen waren wir oft beeindruckt, wie gerne und stolz die Befragten über ihren Glauben reden. Von dieser selbstbewussten und überzeugten Art, vom eigenen Glauben zu sprechen, können sich meiner Meinung nach auch Christen inspirieren lassen.

Ich spreche mich für einen ehrlichen Dialog aus: Wir müssen nicht so tun, als sei alles gleich. Muslime respektieren es oft mehr, wenn Christen ihren eigenen Standpunkt klar und fröhlich vertreten. Statt sich in einem unverbindlichen Konsens zu verlieren, wünsche ich mir, dass sich Christen klar zu Jesus Christus bekennen. Ein respektvolles Aushalten von Unterschieden stärkt die Beziehung meist mehr als krampfhafte Harmonie.