Diskriminierung, Vernachlässigung, Beschämung - Gewalt gegen ältere Menschen ist ein Tabu. Am 15. Juni macht der Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen auf das Thema aufmerksam. "Gewalt ist außerordentlich vielschichtig", sagte Dagmar Hennings, Vorständin der Wilhelmshilfe Göppingen, dem größten Altenhilfeträger im Landkreis Göppingen und Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg.
"Bei der Arbeit in der Altenpflege gibt es viele ethisch herausfordernden Situationen", umreißt Hennings die Arbeit im Pflegeheim. Dazu zählt, dass der "Betrieb" 365 Tage im Jahr weiterlaufen muss, gleich wie hoch der Krankenstand der Mitarbeitenden ist. Außerdem stünden die Menschen und ihre Familien, die auf Pflege angewiesen sind, in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den Pflegenden. Herausforderung sei auch der ständige Kontakt mit Leiden, Sterben und Tod.
Die Stiftung für Qualität in der Pflege (ZQP) mit Sitz in Berlin schreibt auf ihrer Homepage, verbale Gewalt gehöre für 60 bis 80 Prozent der Pflegekräfte zum Berufsalltag, körperliche Gewalt für 20 bis 40 Prozent. Für Gewalt gegen Pflegebedürftige gebe es nur wenige wissenschaftliche Daten, da sich die Vorfälle im Dunkelfeld abspielten. "Die Forschungslage deutet darauf hin, dass psychische Misshandlung und Vernachlässigung die am stärksten verbreiteten Formen von Gewalt durch Pflegende an Pflegebedürftigen darstellen", teilt der Geschäftsleiter Forschung und Kommunikation des ZQP, Simon Eggert, auf Anfrage mit.
HIlferufe überhören, Menschen töten
Der Professor für Soziale Gerontologie, Eckart Hammer, spricht von rund 50 Prozent der Mitarbeitenden stationärer Einrichtungen, die sagten, sie hätten "etwas gesehen". "Auf Station reicht das von einem falschen Wort bis hin zur Tötung", weiß der Altersforscher. Wenn eine Pflegekraft einen Hilferuf überhöre, sei das ebenso Gewalt wie gegenseitige Beschimpfungen der Bewohnerinnen und Bewohner untereinander oder als "toxisch" wahrgenommenes Schweigen. Hammer betont jedoch: "Auch die Fachkräfte leiden darunter, wenn sie gewalttätig sind."
Überforderung ist ein Hauptgrund für Gewalt
Überforderung ist nach Einschätzung von Fachleuten der Hauptgrund, dass es in der Pflege zu Gewalt kommt. "Die knappe Personaldecke ist ein entscheidendes Moment für Stresssituationen", sagt Felix Hechtel, Leiter der Fachstelle Gewaltschutz bei der Diakonie Baden (Karlsruhe). "Bei Pflegegrad zwei kommt auf acht Bewohner eine Pflegekraft. Wünschenswert wäre ein Verhältnis 3:1 oder 4:1. Die Diakonie Baden gilt als Vorreiter bei der Prävention von Gewalt in der Pflege. Es gibt einen Verhaltenskodex für Mitarbeitende etwa für einen angemessenen Umgang mit Demenz, Hilfsangebote wurden vernetzt. Die Diakonie Baden bietet ihren Einrichtungen Mitarbeiterschulungen- digital und vor Ort.
Im Mittelpunkt stehe die Schulung der eigenen Wahrnehmung und die Reflexion einzelner Pflegesituationen. Es gehe darum zu erspüren, warum der Bewohner etwa den Gesichtsausdruck verändere, die Mundwinkel nach unten ziehe, so Hechtel. Unter dem Namen "Let’s talk about" richtet die Wilhelmshilfe einmal im Jahr ebenfalls ein Schulungsformat aus.
Personalmangel sei das eine, sagt Hennings. Rahmenbedingungen allein lässt sie jedoch nicht gelten, wenn es um Gewalt im Heim geht. Es gebe auch persönliche, kulturelle und religiös motivierte Gewalt. Sensibilisiert durch einen Vorfall 2019 gilt in den Einrichtungen der Wilhelmshilfe seither null Toleranz gegenüber Gewalt.
Warum kaum über Gewalt gesprochen wird
Im Rahmen des Präventionsprojekts "Haltung!" haben Hennings und ihre Kollegen unterschiedliche Facetten von Gewalt in der Pflege in den Blick genommen. Was tun, wenn der Verdacht auf Gewalt oder Mobbing im Raum steht? lautete eine Leitfrage. "Das größte Ziel ist, dass sich Menschen trauen zu sprechen", erklärt Hennings. Scham über eigenes Versagen, Scham selbst Opfer eines Übergriffs geworden zu sein, verhinderten, dass versehentliche oder beabsichtigte Gewalt ans Licht komme.
Gabriele Hönes ist im Vorstand des Landesseniorenrats Baden-Württemberg. Weil sie früher selbst in der Pflege tätig war, weiß sie, dass Pflegekräfte die Überforderung oft selbst nicht mehr erkennen. Anzeichen seien etwa, wenn "die Kommunikation lauter wird als notwendig oder die Wortwahl im Übergabeprotoll sich verändert".
Hönes hat gute Erfahrungen gemacht mit einem Rotationssystem: "Wenn die Pflege zu aufreibend war, wird jemand anderes geschickt", sagt sie. Denn "Wegsehen" sei furchtbar.



