Wo warst du, Gott, als meine Eltern starben?

Frau sitzt alleine auf Friedhof
Getty Images/iStockphoto/sauletas
Der plötzliche Tod eines Angehörigen ist sehr belastend.(Symbolbild)
Autorin Wemmer und ihr Glaube
Wo warst du, Gott, als meine Eltern starben?
Zwei Schicksalsschläge erschütterten ihre heile Welt: Ihre Mutter nimmt sich das Leben, ihr Vater stirbt an Krebs. Gianna Wemmer erzählt ehrlich, was das mit ihrem Glauben gemacht hat und warum sie trotz allem immer noch an Gott festhält.

"Es gibt einen Gott, und der ist gut" - das war viele Jahre lang die Überzeugung von Gianna Wemmer. Die 29-Jährige wuchs in einer liebevollen, christlichen Familie auf."Ich hatte tolle Eltern. Ich habe keinen Mangel erlebt - vor allem keinen Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit", sagt Wemmer, die Grundschullehrerin an der Freien Evangelischen Schule in Böblingen ist. Und auch von Gott fühlte sie sich geliebt. Mit 13 Jahren ließ sie sich taufen und war überzeugt: "Es gibt einen Gott und dieser Gott ist gut."

Mit einem Schlag zerbricht  Familie und Gottesbild

Doch diese Grundüberzeugungen gerieten ins Wanken, als ihre Mutter schwer erkrankte. Nach einer Routineoperation erholte sie sich nicht mehr richtig, wurde körperlich schwächer und litt zunehmend auch seelisch. Die Familie suchte Hilfe bei Ärzten, in der Seelsorge und im Gebet - doch nichts schien zu helfen. Trotzdem hielt Gianna an ihrer Hoffnung fest: "Ich war mir so sicher, dass dieser Gott, von dem ich mein Leben lang gehört habe, meine Mama gesund machen wird."

Am 31. August 2012 veränderte sich ihr Leben für immer. Gianna war damals 16 Jahre alt. Die Nachricht ihres Vaters erschütterte sie zutiefst: "Die Mama ist tot. Sie hat sich umgebracht." Mit einem Schlag zerbrach nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr bisheriges Gottesbild. "Ich konnte nicht mehr glauben, dass Gott gut ist", sagt sie. "Alles, was ich mein Leben lang geglaubt habe, ist in diesem Moment kaputtgegangen."

"Ich habe geklagt und ich habe gefragt"

In den Monaten und Jahren danach kämpfte sie mit Schuldgefühlen, Wut und unzähligen Fragen. "Wo warst du, Gott?", fragte sie immer wieder. Trotz aller Trauer hatte sie das Gefühl, dass Gott sie nicht losließ. Obwohl sie keine Antworten fand, begann sie weiterzusuchen. "Ich habe geklagt und ich habe gefragt", erzählt sie.

Miriam Wemmer

Über Jahre hinweg las sie weiterhin in der Bibel, betete und sprach mit anderen Menschen über ihre Zweifel. Dabei entstand Schritt für Schritt ein neues Verständnis von Glauben. "Ich habe begriffen, dass auf die Liebe und Allmacht Gottes zu vertrauen, eine Entscheidung ist und kein Gefühl."

Lieber kein Gebet, als ein unerhörtes Gebet

Doch 2019 wurde ihr Glaube erneut erschüttert. Kurz nach ihrer Hochzeit erhielt ihr Vater die Diagnose Krebs. Die Krankheit breitete sich aggressiv aus und es war sehr schmerzhaft für Gianna Wemmer, ihn leiden zu sehen. Aus Angst vor erneuter Enttäuschung hörte sie zunächst sogar auf zu beten. "Lieber gar kein Gebet sprechen, als wieder ein unerhörtes Gebet verkraften zu müssen", dachte sie.

In einer Nacht im Krankenhaus kniete sie sich schließlich an das Bett ihres Vaters und betete erneut verzweifelt um Heilung. "Du sagst, du kannst Wunder tun", flehte sie. "Bitte mach ihn gesund." Die erhoffte Antwort blieb aus. Wenige Monate später starb ihr Vater.

Verlust, aber auch Hoffnung auf ein Leben danach

Kurz vor seinem Tod sagte ihr Vater zu ihr und ihren beiden Geschwistern: "Ihr seid meine Familie und habt mir Halt gegeben, aber am Ende kann mir nur Jesus Halt geben." Für sie wurde dieser Moment und die Erfahrung von Gottes Nähe nach dem Tod des Vaters zu einem Wendepunkt. Sie begann, den Tod ihres Vaters nicht nur als Verlust zu sehen, sondern auch mit der Hoffnung auf ein ewiges Leben nach dem Tod. Nun, nach seinem Tod, war er endlich von aller Krankheit geheilt und bei Gott.

Als im Mai 2025 ihre Tochter direkt nach der Geburt auf die Intensivstation kam und beatmet werden musste, weil sie ein Frühchen war, stiegen wieder Verlustängste in ihr auf, auch wenn dieses Mal alles gut lief. "Ich habe gemerkt, dass Glaube etwas unglaublich Dynamisches ist und es keinen Endpunkt gibt, bei dem wir alles begriffen haben."

 

Als jemand, der Trauer selbst erleben musste, rät sie anderen, Menschen in Trauer nicht mit Sprüchen wie "Gott hat einen Plan" zu überfordern. Oft sei es wichtig, da zu sein, zuzuhören und bereit zu sein, diese Situation der Trauer auszuhalten. Wichtig sei auch, wenn Zeit vergangen ist, immer wieder bei der trauernden Person nachzufragen: "Was brauchst du jetzt in diesem Moment?", sagt sie.

Heute spricht Gianna Wemmer offen über Leid, Zweifel und Glaubenskämpfe. Und hat ihre Geschichte auch in dem Buch "Wenn das Wunder ausbleibt" (Hänssler-Verlag, Holzgerlingen) verarbeitet. Trotz allem hält sie an der Überzeugung fest: "Das größte Wunder meines Lebens ist Jesu Liebe und seine Auferstehung." 

Buchhinweis:

Gianna Wemmer: "Wenn das Wunder ausbleibt. Mein Weg durch Verlust und Zweifel zur Hoffnung." Hänssler Verlag, Holzgerlingen, 182 Seiten, 18 Euro.