Wer auch immer einst den Begriff "Sommermärchen" geprägt hat: Bis heute haben vermutlich alle, die damals alt genug waren, den Sommer 2006 in rundum guter Erinnerung. Das hatte in erster Linie mit dem unerwarteten Erfolg der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Heim-WM zu tun, aber das schönste an diesen gut vier Wochen im Juni und im Juli war die unbeschwerte Stimmung im Land.
Das Wetter war prächtig, die Leute waren gut drauf und frönten einem fröhlichen Party-Patriotismus; das Turnier wurde seinem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" vollauf gerecht. Nun zeigt das ZDF eine Dokumentation, die laut Ankündigung des Senders mehr als bloß eine reine Sportdoku sein will: "Es ist die Geschichte eines Umbruchs und eines Landes, das 2006 die Freude an sich selbst wiederentdeckt." Interviews mit den wichtigsten Beteiligten und bislang unveröffentlichtes Archivmaterial ließen "ein vielschichtiges Bild dieser Zeit" entstehen.
Der Begriff "Umbruch" ist in der Tat angebracht, aber er bezieht sich ausschließlich auf den Fußball: weil der 2004 nach dem Rücktritt Rudi Völlers und einigen Absagen zum neuen Bundestrainer ernannte frühere Stürmer Jürgen Klinsmann beim Deutschen Fußballbund keinen Stein auf dem anderen ließ und mit seinen innovativen Ideen für eine mittlere Palastrevolution sorgte; darauf konzentriert sich "Mission Sommermärchen".
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Sehenswert sind die abwechslungsreich gestalteten und entsprechend kurzweiligen drei Teile daher in erster Linie für Fußballfans. Wirklich Neues haben Florian Nöthe und Simone Schillinger nicht zu bieten, schließlich haben sich diverse Bücher und TV-Sendungen mit dem Ereignis beschäftigt. Mit seinem dokumentarischen Werk "Deutschland. Ein Sommermärchen" hat Sönke Wortmann dem Turnier ohnehin ein kaum zu übertreffendes Denkmal gesetzt.
Der Film hatte im Dezember 2006 bei seiner TV-Premiere im "Ersten" eine Traumquote, zumal er auch die Begeisterung im Land dokumentierte. Das tut "Mission Sommermärchen" zwar auch, aber im Grunde und so richtig erst gegen Ende, als Klinsmanns Team schon vor dem Spiel um Platz drei in Stuttgart empfangen wird, als sei die Mannschaft soeben Weltmeister geworden; nach dem Sieg gegen Portugal war die Euphorie in der Stadt dann erst recht grenzenlos.
Zu behaupten, damit sei wenige Monate zuvor nur bedingt zu rechnen gewesen, wäre eine unsachgemäße Untertreibung. Neben der fußballerischen Ebene ist die Dokumentation vor allem ein Lehrstück über den Einfluss der Boulevardpresse. In dieser Hinsicht knüpft das ZDF an seine eigene Doku-Serie "FC Hollywood" an (2025, ebenfalls von Nöthe und Schillinger), als der FC Bayern in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre dafür sorgte, dass Fußball zum Showbusiness wurde.
Weil Querkopf Klinsmann schon als Spieler mit den Publikationen des Springer-Verlags auf Kriegsfuß stand und als Trainer erst recht keine Lust hatte, dass "Internas" Tags drauf in der "Bild"-Zeitung stehen, saß die früher zuverlässig von Lothar Matthäus versorgte Springer-Presse auf dem Trockenen. Auf diese Form von Majestätsbeleidigung konnte es nur eine Antwort geben. Als die Nationalmannschaft im Frühjahr 2006 ein Vorbereitungsspiel in Italien 1:4 verlor, erlebte die Anti-Klinsmann-Kampagne mit Schlagzeilen vom "Grinsi-Klinsi" ihren negativen Höhepunkt. Das änderte sich erst, als Bundeskanzlerin Angela Merkel zwischen den verfeindeten Parteien vermittelte.
Teil zwei der Reihe konzentriert sich auf das Duell zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann. Da Letzterer offenbar nicht mitwirken wollte, dreht sich gut dreißig Minuten lang alles um den Werdegang des Torwart-Titans, der nicht zuletzt dank seiner Leistung bei der WM 2002 in Japan und Südkorea als weltbester Torhüter galt, seinen Meriten zum Trotz jedoch kurz vor der WM als Kapitän abgesetzt und zur Nummer zwei degradiert wurde. Kahn gibt tiefe Einblicke in sein damaliges Seelenleben und springt mit seinem zwanzig Jahre jüngeren Alter Ego recht kritisch um. Neben den nostalgischen Anwandlungen sind es ohnehin vor allem die Aussagen der Beteiligten, die "Mission Sommermärchen" interessant machen.
Am ausführlichsten kommt, ergänzt um Aussagen von Joachim Löw, Klinsmann zu Wort, auch Kahn ist sehr präsent. Die Schilderungen von Spielern wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski oder Philipp Lahm haben eher anekdotischen Charakter, sind aber sehr sympathisch. Der Rest besteht größtenteils aus zeitgenössischen TV-Ausschnitten, darunter neben Spielberichten auch Talkshow-Schnipsel, in denen sich altgediente Fahrensleute über die von Klinsmann eingeführten neue Trainingsmethoden aus den USA mokieren. Das ZDF zeigt die Folgen eins und zwei im Anschluss ans Champions-League-Finale, Teil drei allerdings erst um erst um 1.20 Uhr. Alle Episoden stehen im ZDF-Streamingportal.



