Sekten-Experte warnt vor Scientology

Gebäude von Scientology in Berlin bei Nacht
epd-bild/Rolf Zöllner
Scientology arbeitet inzwischen vermehrt getarnt und gibt sich nicht direkt zu erkennen.
Nach Verfassungsschutz-Rückzug
Sekten-Experte warnt vor Scientology
Der Verfassungsschutz will Scientology künftig offenbar nicht mehr beobachten. Für den Sektenbeauftragten Matthias Pöhlmann ist dies ein falsches Signal. Er sieht antidemokratische Tendenzen und hält die Organisation für gefährlich.

Von Scientology geht nach Ansicht des evangelischen Sekten-Experten Matthias Pöhlmann nach wie vor eine Gefahr aus. Laut Medienberichten vom Freitag hat das Bundesamt für Verfassungsschutz jedoch die planmäßige Beobachtung der "Scientology Kirche Deutschland" eingestellt.

Die Behörde war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Das bayerische Innenministerium teilte auf Anfrage mit, dass das dortige Landesamt für Verfassungsschutz "bis auf Weiteres" an der Beobachtung festhält.

Sekten-Experte Pöhlmann sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), Scientology verfolge weiter totalitäre und verfassungsfeindliche Ziele. Das Ende der Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz sei angesichts der merklich gesunkenen öffentlichen Wahrnehmung von Scientology zwar erwartbar gewesen. Gleichwohl sei die "Scientology Kirche Deutschland", wie sich der eingetragene Verein offiziell nennt, nach wie vor gefährlich und antidemokratisch. Seinen Deutschland-Hauptsitz hat Scientology in München.

Experte: Scientology hat totalitäre Ziele

Pöhlmann sagte, bundesweit habe Scientology seit Jahren unverändert um die 3.600 Mitglieder, rund 1.300 davon in Bayern. Inzwischen trete die Organisation öffentlich nur noch selten unter ihrem eigentlichen Namen auf. Der Schwerpunkt der Arbeit liege inzwischen auf "Neben- und Tarnorganisationen", wie zum Beispiel die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" oder auch die beiden Kampagnen "Sag Nein zu Drogen, Sag ja zum Leben" oder "Der Weg zum Glücklichsein", erläuterte Pöhlmann.

Die Entscheidung des Bundesamtes für Verfassungsschutz erwecke "den gefährlichen Eindruck", als sei Scientology eine Weltanschauungsgemeinschaft wie andere, sagte Pöhlmann, der Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen bei der bayerischen evangelischen Landeskirche ist. Es sei aber nach wie vor so, dass Scientology viele seiner Mitglieder in enorme psychische und finanzielle Abhängigkeiten stürze: "Diese Organisation missachtet unter anderem das Grundrecht auf freie Meinungsäußerungen massiv."

Im bayerischen Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2025 heißt es dazu: "Die 'Scientology-Organisation' (SO) ist eine international agierende Organisation, die auf finanzielles Gewinnstreben ausgerichtet ist und ein weltweites, unumschränktes Herrschaftssystem nach eigenen Vorstellungen errichten möchte." Anstelle des Demokratieprinzips und der Grundrechte soll ein "auf Psychotechnologien und bedingungsloser Unterordnung der Individuen beruhendes totalitäres Herrschaftssystem unter scientologischer Führung treten".

Scientology nicht über Entscheidung informiert

Der evangelische Sekten-Experte Pöhlmann sagte, der gedankliche Überbau bei Scientology fuße auf der Idee eines "Übermenschentums". Auf der guten und richtigen Seite stünden die Scientologen, alle anderen seien Feinde, die bekämpft werden müssten. Es gelte nun sehr genau hinzuschauen, wie Scientology auf den Rückzug des Bundesamts für Verfassungsschutz reagiere: "Ich stelle mir schon die Frage: Wer schaut denn da jetzt noch genau drauf?"

Scientology teilte am Freitagabend mit, man begrüße die Einstellung der Beobachtung der eigenen Organisation durch das Bundesamt für Verfassungsschutz - auch wenn man selbst bisher nur aus den Medien davon wisse. "Andere Bundesländer wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hatten bereits im Jahr 2025 die Beobachtung eingestellt", erklärte die Organisation. Die Entscheidung sei ein "wichtiges Signal für eine sachlichere, differenziertere und rechtsstaatlich ausgewogene Bewertung" von Scientology.