TV-Tipp: "Die geschützten Männer"

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1. Mai, Arte, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Die geschützten Männer"
Ein Virus, das nur Männer tötet – und die Frauen übernehmen die Macht: "Die geschützten Männer" dreht die Geschlechterklischees ins Extrem und entfacht eine bissige, aber überreizte Satire über Macht, Männlichkeit und Matriarchat.

Angeblich sind Frauen die besseren Menschen. Aber auch positive Klischees haben ihre Tücken: Wer von klein auf gelernt hat, Rücksicht zu nehmen und Bedürfnisse zu unterdrücken, macht es den Männern natürlich leicht, die klassischen Strukturen aufrecht zu erhalten. Radikale Feministinnen gehen daher davon aus, dass die Erde ohne Kerle zumindest friedlicher wäre.

Dummerweise wird ihr Sperma für die Fortpflanzung benötigt; Parthenogenese, die sogenannte Jungferngeburt, ist Säugetieren nicht möglich. Bereits 1974 hat der französische Schriftsteller Robert Merle in seinem Roman "Die geschützten Männer" ein Szenario entworfen, das vermutlich vielen Frauen gefallen dürfte: Ein Virus rafft in den USA alle dahin, deren Hormonhaushalt von Testosteron gesteuert wird. Was nun folgt, ist die Antithese zu der Theorie, eine von weiblichen Wesen gelenkte Welt wäre automatisch ein besserer Ort.

Es ist schon erstaunlich, dass das filmische Potenzial dieses Buchs fünfzig Jahre lang brach lag. Irene von Alberti (Buch und Regie) hat die Handlung in die Gegenwart übertragen und auf Deutschland beschränkt. Warum das Virus die Landesgrenzen respektiert, wird ebenso wenig erörtert wie seine Herkunft. Diese offenen Fragen sind jedoch bei weitem nicht die einzige Schwäche des Films, der immerhin interessant beginnt: Albertis Hauptfiguren sind die Chefinnen einer feministischen Partei, die bei der jüngsten Bundestagswahl knapp die Fünf-Prozent-Hürde übersprungen hat. Der mit 45 Prozent im Amt bestätigte konservative Bundeskanzler (Godehard Giese) bietet Anita Martinelli und Sarah Bedford (Britta Hammelstein, Mavie Hörbiger) eine Koalition an, doch dazu kommt es nicht mehr, als das Virus ausbricht. Bedford wird zur Interimskanzlerin ernannt und bildet ein weibliches Kabinett. Angesichts außergewöhnlicher Ereignisse sind ungewöhnliche Reaktionen alternativlos, aber dann werden die Maßnahmen immer extremer.

Zunächst orientiert sich das Drehbuch an realistisch anmutenden Rahmenbedingungen, wie sie auch während der Covid-Pandemie geschaffen wurden, selbst wenn der Krankheitsverlauf sehr zugespitzt ist, wie der Film bereits mit der ersten Szene verdeutlicht: Ein Mann sieht eine Frau im Bikini, prompt spielen seine Hormone verrückt, die Sekundärbehaarung wächst rasant, schließlich stirbt er im Zustand höchster Erregung. Als sich das Virus ausbreitet, wird den Männern empfohlen, daheim zu bleiben, später kommt es zur Ausgangssperre. Wer seinen Samen spendet und sich anschließend kastrieren lässt, genießt gewisse Vorzüge und darf darauf hoffen, in dem Matriarchat, dass Bedford nach und nach errichtet, Karriere zu machen. Auf diese privilegierte Kaste bezieht sich der Buchtitel.

Martinellis Mann Ralph (Yousef Sweid), Virologe und die zentrale Figur des Buches, wird derweil beauftragt, einen Impfstoff herzustellen. Die nötige Ausstattung für das abgeschottete Labor, in dem er und sein Team von der Außenwelt abgeschottet werden, wird von der Chefin eines Pharmakonzerns zur Verfügung gestellt; Hilda-Helsinki Pfeiffer (Bibiana Beglau) hat mit Schlankheitspillen ein Vermögen gemacht. Die Forschungen werden allerdings von Gesundheitsministerin Novac (Julika Jenkins) sabotiert: Zum Entsetzen von Anita Martinelli, mittlerweile zur Innenministerin gekürt, will die fanatische Männerhasserin das Übel buchstäblich "mit Stumpf und Stiel ausrotten."
Das Potenzial dieser Politsatire ist offenkundig, vielleicht wäre sogar ein bisschen sanfte Ironie gegenüber der "MeToo"-Bewegung möglich gewesen, aber davon ist "Die geschützten Männer" weit entfernt, weil Irene von Alberti viel zu oft zur Machete greift, wo ein Skalpell effektiver gewesen wäre. Mit Ausnahme des Ehepaars Martinelli sind sämtliche Figuren unnötig überzeichnet. Das gilt auch für die Darstellungen, die mitunter gar ins Lächerliche verrutschen.

Bibiana Beglau gelingt die Gratwanderung so gerade noch, bis auch die Unternehmerin dank zu vieler anaboler Steroide vom Virus erwischt wird, aber Mavie Hörbiger steigert sich in eine Performance, die zunehmend wie eine missratene Variation der Titelfigur aus Stanley Kubricks Nuklearsatire "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" (1964) anmutet. Insgesamt wirkt "Die geschützten Männer" wie ein zu groß geratenes Experiment aus der ZDF-Redaktion "Das kleine Fernsehspiel": Die Bildgestaltung (Constantin Campean) ist sehenswert, das Kostümbild aufwändig, Karim Sebastian Elias hat eine beeindruckende Kinomusik komponiert, aber der Umsetzung mangelt es erheblich an Tempo.