Auf seiner Visitenkarte steht "Heinrich Haußmann, Büro für soziale Erfindungen". Vor rund 30 Jahren hat der 78-Jährige mit anderen den Nürnberger Tauschring ins Leben gerufen. Den Stein ins Rollen brachte ein loser Knopf an seinem Jackett: "Dir gehört mal der Knopf angenäht", sagte ihm eine Frau aus der Nachbarschaft und griff zu Nadel und Faden.
Haußmann dagegen kann gut anpacken, bei Umzügen helfen oder einen Schrank aufbauen. Für jede solche Tätigkeiten - Knopf annähen, Handwerken, Hecke schneiden oder Kind betreuen - schreiben sich die Tauschringmitglieder des Vereins gegenseitig Stunden gut.
Und zwar gilt: "Jede Stunde ist gleich viel wert", wie Kai Schmitt erklärt. Er ist erst seit Kurzem Mitglied des Tauschrings Nürnberg, hat aber bereits 69 Stunden auf seinem Konto angehäuft, vorwiegend mit Handy- und Computerberatung. Diese "Ersparnisse" könnte er nun beispielsweise gegen selbst gebackenen Kuchen, Schneeschippen oder Bürohilfe eintauschen.
Stepptanzen, Brotbacken, Büro organisieren
Oliver Brandt, der als früherer Verwaltungsangestellter gut in der Büroorganisation ist, hat einem Mann mit einer Behinderung an einigen Tagen geholfen, das Büro aufzuräumen. Zehn Stunden hat er dabei verdient. "Meine Miete kann ich damit nicht bezahlen", sagt er, "aber ich kann diese Stunden einsetzen oder sie spenden." Vielleicht, sinniert er, könne er in ein paar Jahren nicht mehr allein seinen Garten pflegen.
"Für einen Tausch muss nicht ein frierender Bäcker einen hungrigen Schneider suchen", erklärt Heinrich Haußmann. Das Prinzip beruhe auf der Ringform: Wer für das hungrige Tauschringmitglied ein Brot backt, erhält vielleicht von einem anderen Tauschringmitglied eine kompetente Kosten-Nutzen-Analyse, ob es sich lohnt, einen Laptop reparieren zu lassen.
200 Tauschringe in Deutschland
"Dass einer gar nichts kann, gibt es nicht", versichert der Vorsitzende jedem neuen Interessierten und erzählt die Geschichte vom älteren Herrn, der sagte, er habe nichts außer seinen Steppschuhen. Fortan war er als "Stepptänzer" im Verein aktiv, tanzte bis ins hohe Alter bei Geburtstagen und Faschingsfeiern, irgendwann nur noch im Sitzen, und war dennoch "ein Highlight und der Renner".
200 Tauschringe sind derzeit in einem deutschlandweiten Verzeichnis eingetragen, das Tilo Rößler führt. Der Vorsitzende des Tauschrings Pirx bei Dresden stellt fest, dass die Vereine seit der Corona-Pandemie einen Mitgliederschwund erlitten haben, einige hätten ganz aufgehört zu arbeiten. "Es gibt viel Konkurrenz wie Nachbarschaftshilfen oder Angebote in den sozialen Medien", sagt er. Rößler hat früher bundesweite Treffen der Tauschringe mitorganisiert. Aber seit einigen Jahren habe es keine mehr gegeben.
Eine andere Währung als Geld
Eine Anhängerin der Tauschring-Idee war die SPD-Politikerin Regine Hildebrandt (1941-2001), die um die Jahrtausendwende selbst einen solchen Verein gründete. "Keine Macht dem Geld! Seid Menschen, die friedlich tauschen, was sie brauchen, helft, wenn ihr Leid seht, zieht den Nachbar aus dem Sumpf, bevor er versunken ist", schrieb sie 1999 dazu in einem Text für die Wochenzeitung "Die Zeit".
Um eine andere Währung als Geld geht es auch Heinrich Haußmann. Er suche nach der "menschlichen Währung", damit sich die Schere zwischen Arm und Reich nicht noch weiter auftue, sagt er. Mit den Theorien von Ökonomen wie Silvio Gesell (1862-1930) hat er sich befasst und empfindet das Prinzip des Zinseszinses als sozial ungerecht, weil es Vorteile für immer größer werdende Vermögen bringt.
Kampf für Gemeinnützigkeit
Tauschringmitglieder handeln stattdessen mit Zeit statt Geld - mit Zeit für das Bügeln eines Hemds, für Gartenarbeit oder fürs Zuhören. Aber nicht nur Tätigkeiten, auch Gegenstände wie ein Schrank können in Stunden umgerechnet werden. Die Gleichung erläutert Vorsitzender Haußmann: Der Stundensatz, gegen den er eingetauscht werden könne, richte sich nach Überlegungen wie "Stört mich der Schrank, ist er ein Kunstwerk und fragt ihn überhaupt jemand nach".
Die Finanzämter halten solche Tauschgeschäfte für ein Handeln im "eigenwirtschaftlichen Interesse". Deshalb sind Tauschring-Vereine nicht als gemeinnützig anerkannt. Kai Schmitt, das Neumitglied in Nürnberg, hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, daran etwas zu ändern: "Wir wollen versuchen, da eine neue Rechtsprechung zu erreichen." Er denkt über spezielle Tauschringe nach, die sich für Naturpflege, Inklusion oder Integration einsetzen.
Sicher sind sich die Tauschring-Fürsprecher, dass ihr Engagement Menschen aus der Einsamkeit holt. Haußmann erinnert sich wieder an den inzwischen verstorbenen Stepptänzer: "Das schafft Selbstbewusstsein - Dinge zu können, die andere brauchen."



