Wo sich Jesus und Satan in der Bar treffen

Der Hamburger Comicsammler Burkhard Conrad steht hinter den Comics
epd-bild/Evelyn Sander
Der Hamburger Comicsammler Burkhard Conrad. Ihm gefällt besonders, dass die Künstler in den Comics keine fertigen Antworten liefern.
Göttliche Comics
Wo sich Jesus und Satan in der Bar treffen
Nicht nur Asterix und Mangas, auch Göttliches tummelt sich in Comics. Welche göttlichen Bilder es gibt und warum Comics kein Kinderkram sind, wissen zwei Experten.

Natürlich hat Burkhard Conrad früher mal Asterix gelesen. Mittlerweile wurden die wackeren Gallier jedoch von anderen Welten abgelöst. "Ich liebe schräge Geschichten", sagt der Hamburger Comicsammler, der sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema beschäftigt. Dass Comics hierzulande eher belächelt werden, kann er nicht nachvollziehen: "Sie decken die gleiche Bandbreite ab wie andere Literatur auch." Das Thema Religion fasziniert ihn dabei besonders. "Auf die Frage, ob sich Beten und Gotteshoffnung in unserer heutigen Zeit überhaupt noch lohnt, gibt es auch in Comics interessante Einsichten", findet der 52-jährige Politikwissenschaftler.

Für sein Hobby ist Cornrad gerne mal in Frankreich unterwegs: "Hier wird diese Kunstform ernster genommen als in Deutschland." Conrad stöbert auf Flohmärkten, im Internet und in kleinen Läden nach neuen Schätzen - auch mit religiösen Motiven. "Gott, Götter und Göttliches streifen schon lange durch Comics - mal mit einem gewaltigen Vorschlaghammer, mal in einer lichten Wolke, mal als Hippie-Jesus, mal als moderner Buddha", weiß er. Ihm gefällt besonders, dass die Künstler keine fertigen Antworten liefern: "Sie geben eher Anstöße zum eigenen Weiterdenken", beobachtet Conrad, der auch Vorträge über Religion in Comics hält.

Im Jahr 1938 erschien der erste Action-Comic mit der Figur Superman, es folgten weitere Superhelden. "Sie haben die Rolle von Ersatzgottheiten: Sie tun Wunder, beschützen Menschen, können fliegen, verhindern Katastrophen und stürzen sich in apokalyptische Endzeitprügeleien", erklärt Literaturwissenschaftler Dennis Bock aus Wedel. Es sei ein weit verbreitetes Missverständnis, dass sich Comics vornehmlich an eine jugendliche Zielgruppe richteten: "Gerade US-amerikanische Comics hatten immer eine erwachsene Zielgruppe im Blick, für sie wurden die Comics konzipiert", sagt der freie Wissenschaftler, der zu Religion im Comic forscht.

Damals wie heute spiegeln die Geschichten wichtige Themen der Gesellschaft und die amerikanische Kultur wider. In den 1990er Jahren beginnt die "Religionswelle": Das Christentum, seine Geschichte, die katholische Kirche, der Islam, das Judentum und andere Glaubensformen werden seitdem in Comics thematisiert. Kritisiert werden Religion und christliche Kirchen als gesellschaftliche Organisationen. Es geht um Beziehungen von Islam und Judentum, die Auslegung von Koran und Thora im 21. Jahrhundert, um Sinnsuche und Spiritualität.

Geschichten aus altem Testament

"Vor allem alttestamentarische Geschichten werden in Szene gesetzt, dazu kommen religiöse Erlöser- und Heldenmythen", erklärt Bock. Comics greifen Sinnkrisen und angesichts des Leids in der Welt auch die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes auf. Hier steht Gott vor Gericht, Jesus trifft sich mit Satan in einer Bar, wird Praktikant bei einem Superhelden oder Adam und Eva essen verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis, an dem Penisse und Vulven wachsen. "Comics spielen mit Klischees, wollen Dialoge anstoßen und provozieren", sagt der 45-Jährige.

Für ihn sind Comics selbstverständlich eine Gattung der Literaturgeschichte. Eine Nische, die es nicht leicht hat. Obwohl das Interesse daran zunehme, könnten sich viele kleine Comicverlage nur "gerade so" über Wasser halten. Bock hofft auf eine Trendwende: "Seit gut zehn Jahren sind Graphic Novels in Deutschland salonfähig." Aktuell trage der Manga-Boom zu einer weiteren Popularisierung in Deutschland bei.

Sprechblasen-Geschichten werden beliebter, bestätigt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. So stiegen 2024 die Zahl der Neuerscheinungen auf 1.134 gedruckte und 511 digitale Comics, dazu kommen unter neuen Manga-Titeln 1.814 Print- und 1.250 E-Books. Insgesamt sei das ein Plus von 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, geht aus den aktuellsten verfügbaren Zahlen hervor. Der Umsatzanteil von "Comic, Cartoon, Humor, Satire" betrug damit zehn Prozent in der Warengruppe Belletristik. "Seit 2010 ist der Anteil in dieser Warengruppe deutlich gestiegen", informiert der Börsenverein.

Ebenso ist die Bandbreite der Themen größer geworden: Comics stellen Biografien historischer Persönlichkeiten vor, vermitteln Wissen über Zeitgeschichte ebenso wie über die LGBTQ+-Bewegung und informieren über den Klimawandel. Auch stellen sie Fragen nach Glauben oder dem Sinn des Lebens. "Der Titel 'Maus. Die Geschichte eines Überlebenden' über den Holocaust zählt zu den wichtigsten Titeln der Comicgeschichte", findet Experte Bock. Comics seien längst mehr als Superman oder Asterix. "Sie vermitteln immer mehr ernste Themen - nur eben anders."