Wie Männer in eine Essstörung abrutschen

Junger Mann im Fitnessstudio
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Daniel Mau liebt die Jagd nach extremer Leistung.
Abnehmen um jeden Preis
Wie Männer in eine Essstörung abrutschen
Es geht manchen nicht darum, gut genug zu sein: Es geht darum, der Beste zu werden. Selbstoptimierung kann auch Männer in eine Essstörung treiben. So erging es auch Daniel Mau.

Morgens vor der Schule ins Fitnessstudio, nach dem Unterricht ins Tischtennistraining und abends noch einmal aufs Laufband. Fortschritte sind das Einzige, was zählt - denn die Waage lügt nicht. Daniel Mau will abnehmen, und das um jeden Preis.

Wenn Mau heute trainieren geht, denkt er oft an seine Routine von damals zurück. "Ich war auf Effizienz getrimmt", erzählt der heute 23-Jährige. "Mein Alltag war komplett darauf ausgelegt, optimal trainieren zu können." Sport hat er schon immer gemacht, Tischtennis begleitete ihn seit seiner Kindheit. 2020 wird aus Spaß am Spiel das Ziel, abzunehmen. Mit 17 Jahren und 150 Kilogramm wächst in der Corona-Zeit seine Abneigung gegen den eigenen Körper. "Ich fand mich selbst widerlich und abstoßend", erinnert er sich.

Er beginnt mit Spaziergängen und Home-Workouts, steigert sein Training und stellt seine Ernährung um. Schließlich entscheidet er sich für Intervallfasten. Von da an dreht sich für den Abiturienten alles nur noch darum, sein Kaloriendefizit einzuhalten.

Kaloriendefizit wird zum Zwang

Für den Sport- und Ernährungsmediziner Lutz Lührs aus Wiesbaden sind Veränderungen wie diese ein "absolutes Warnsignal". Zwar führe nicht jede Diät zu einer Essstörung, aber der Übergang könne schleichend sein. Laut Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit tritt eine Essstörung oft in Begleitung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Zwangsstörungen auf.

Daniel Mau erzählt seine Geschichte
 

Auch Daniel Mau kann nicht anders, als Extremen hinterherzujagen. Als sich die Corona-Richtlinien lockern, meldet er sich im Fitnessstudio an, spielt weiter Tischtennis und isst zu wenig: "Auch wenn ich sehr viel Sport gemacht habe, habe ich nur etwa 1.800 bis 2.000 Kalorien täglich zu mir genommen", erinnert er sich. "Ich war unkonzentriert, schwach und habe auch viel schlechter geschlafen." Doch er hört nicht auf, sich zwanghaft zu kontrollieren. "Das ging so weit, dass ich angefangen habe, die Kalorien von Zero-Getränken mitzutracken", erzählt Mau.

Zahl der Essstörungen nimmt seit Corona zu

Radikale Gewichtsabnahme sei nur eines der Kriterien, die auf eine Essstörung hinweisen, sagt der Mediziner Lührs. "Genauso sind übertriebenes Beschäftigen mit dem Essen und eine regelrechte Angst vor bestimmten Lebensmitteln wichtige Hinweise." In Deutschland erkranken nachweislich mehr Frauen und Mädchen an Essstörungen. Trotzdem ist Daniel Mau kein Einzelfall. Laut Zahlen des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit erkranken von 1.000 Jungen und Männern durchschnittlich etwa zehn an einer Binge-Eating-Störung (Essanfälle), sechs an Bulimie (Essanfälle mit anschließendem Erbrechen) und zwei an Magersucht (Essensvermeidung). Seit der Pandemie werde eine Zunahme der Erkrankungen registriert. Besonders in sozialen Medien werde das deutlich.

"Du vergleichst dich immer mit anderen", sagt Mau. Auch er habe mit der sogenannten "Gym-Bubble" auf Instagram und TikTok Erfahrungen gemacht. Online gelten extreme Körperbilder als Ideal. Ein normales "Sixpack" reiche schon lange nicht mehr aus, sagt Mau. "Heute ist das nicht mal mehr eine Durchschnittsfigur." Bei den Männern in der Szene sei aktuell die sogenannte "inverted Triangle"-Figur begehrt. Eine Körperform, bei der betont breite Schultern, eine kräftige Rückenmuskulatur und eine besonders schmale Körpermitte im Fokus stehen.

Hilfsangebote für Menschen mit Essstörungen reichen von Online-Beratungen bis hin zu ambulanten und stationären Therapien. Universelle Lösungen für Probleme mit der Ernährung gibt es nach Angaben des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit nicht. Heilung sei langwierig und sehr individuell. Mau haben etwa auch Gespräche mit seiner Partnerin geholfen. Er lerne weiterhin, dass seine Leistung ihn nicht definiere und dass er auch mit ausgewogener Ernährung seine Ziele erreichen könne, sagt er. Trotzdem habe er alte Verhaltensmuster und Gedanken rund ums Essen noch nicht ganz ablegen können. "Ich erlebe immer wieder Momente, in denen ich im Kopf Kalorien schätze oder mein Essen strategisch plane", gesteht der junge Mann.