Junge Frauen werden mit falschen Versprechungen geködert und zur Prostitution gezwungen: Als Krimithema ist das zwar nicht neu, aber Mia Maariel Meyer hat für ihr Thriller-Debüt als Autorin einen reizvollen Ansatz gewählt. Der Arbeitstitel von "Kalte Sonne", dem insgesamt vierten Film mit Ulrike C. Tscharre als Zielfahnderin Hanna Landauer vom LKA Düsseldorf, lautete "Fremde Töchter", und das bezieht sich auf gleich mehrere Aspekte der Handlung.
Sie beginnt mit einem Prozess: Maria Weinert hat als Kopf der Organisation "Pink Rose" Minderjährige in Leibeigenschaft gehalten und sexuell ausgebeutet sowie psychisch und physisch schwer misshandelt. Eine junge Frau sagt aus, sie habe die Angeklagte in einem Chatforum kennengelernt. Weinert habe sie auf Partys mitgenommen, wo sie ältere Männer massieren sollte. Dabei sei es jedoch nicht geblieben: "Es war, als würde mir die Seele weggerissen."
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Der Prolog endet mit einer Flucht: Die verurteilte Menschenhändlerin (Susanne Wuest), zuvor im Gerichtssaal nur von hinten zu sehen, sitzt pfeifend in einem JVA-Transporter. Plötzlich erschüttert ein Krachen den Kleinbus, Schüsse fallen; und Maria Weinert lächelt. Regie führte wie beim zweiten "Zielfahnder"-Krimi "Blutiger Tango" (2019) Stephan Lacant, aber diesmal ist seine Inszenierung gerade auch dank der vorzüglichen Bild- und Lichtgestaltung (Kamera: Michael Kotschi) und der packenden Musik (Michael Klaukien) ungleich fesselnder. Dass die beiden Hauptfiguren diesmal deutlich mehr Tiefe bekommen als zuletzt ("Polarjagd", 2024), ist jedoch eine Frage des Drehbuchs: Tscharres Filmpartner Hanno Koffler ist Meyers Mann.
Der Arbeitstitel gilt daher auch Lars Röwer: Der Kommissar engagiert sich in diesem Fall über das normale Maß hinaus, als ginge es um seine eigenen Töchter. Kollegin Landauer ist dagegen merkwürdig distanziert, reagiert des Öfteren unleidlich und leistet sich gleich mehrere zum Teil folgenschwere Fehler. Einen allerdings etwas dürftigen Hinweis für ihr Verhalten liefern Meyer (als Regisseurin hat sie zuletzt Caroline Wahls Roman "22 Bahnen" verfilmt) und Lacant gleich zu Beginn, als die Polizistin ihre Tochter bei einer Theaterprobe besucht, aber die eigentliche Erklärung folgt erst viel später, als sie der jungen Frau eine Sprachnachricht schicken will und die Begrüßung "Hier ist deine Mutter" nicht über die Lippen bringt.
Von solchen Momenten des Innehaltens abgesehen bietet "Kalte Sonne" vor allem Nervenkitzel: Im Anschluss an den Prolog mit der Befreiung Weinerts zeigt der Film eine leicht bekleidete junge Frau, die an einem Yachthafen in Panik durch die Nacht flieht, ein mobiles Telefon in einen Postbriefkasten wirft und bald darauf von ihren Verfolgern gestellt wird. Wochen später kommen Landauer und Röwer nach Malta: Das Smartphone enthält Fotos vermisster junger Frauen, die Bilder sind auf einer Yacht entstanden, aber der Makler des Boots weiß von nichts, er vermiete mehrere solcher Schiffe, und tatsächlich offenbart ein Vergleich der digitalen Fotodaten mit dem Logbuch, dass die Aufnahmen woanders gemacht worden sein müssen.
Das LKA-Duo bleibt trotzdem an dem Mann dran, und tatsächlich führt er die beiden indirekt auf die Spur der Menschenhändlerin: Allem Anschein nach hat sie sich vom ehemaligen Charité-Arzt Meingast (Godehard Giese), der sich vor einigen Jahren als Schönheits-Chirurg auf Malta niedergelassen hat, ein neues Gesicht machen lassen. Deshalb drängt die Zeit: Wenn Landauer und Röwer die Frau nicht zu fassen kriegen, bevor die Operationswunden verheilt sind, wird sie für immer verschwinden.
Im Rahmen der Suche nach der Verbrecherin kommt es zu einigen angemessen spannend umgesetzten Verfolgungsjagden und Schießereien, zumal Landauer und Röwer schließlich entführt werden und um ihr Leben fürchten müssen, aber offenbar sollte es auch eine menschelnde Ebene geben, weshalb Kim Riedle als gefallener Star und Meingasts Gattin eine ganz ähnliche Rolle spielt wie zuletzt in einem "Tatort" aus Stuttgart ("Ex-It", 2026). Eine Szene gegen Ende, als die lebensmüde Frau ihr an Jeffrey Epsteins Partnerin Ghislaine Maxwell erinnerndes finsteres Treiben rechtfertigt, soll vermutlich Betroffenheit wecken, ist aber weder darstellerisch noch inhaltlich überzeugend; erst recht nicht gemessen an dem Schicksal, das die jungen Frauen erleiden. Davon abgesehen ist "Kalte Sonne" rundum sehenswert, wenngleich überaus düster. "Die Welt ist kein guter Ort", stellt ein Polizist fest, der sich von Weinert kaufen ließ. Der Film lässt keine Zweifel daran, dass diese Formulierung deutlich untertrieben ist.



