Zu ihrem 18. Geburtstag bekommen Jugendliche Post von der Bundeswehr. Männer müssen und Frauen dürfen einen Fragebogen ausfüllen. So regelt es das "Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes", das seit 1. Januar 2026 gilt. Ab 2027 werden junge Männer wieder gemustert. Dagegen regt sich Protest: Weitere "Schulstreiks gegen die Wehrpflicht" sind für den 8. Mai bundesweit angekündigt.
Das Thema Kriegsdienstverweigerung rückt wieder stärker auf die Agenda. Jan Gildemeister ordnet das aktuelle Geschehen aus Sicht der evangelischen Friedensarbeit ein. Zudem hat der Geschäftsführer der "Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden" (AGDF) ein paar Tipps für Eltern.
Herr Gildemeister, ist der "neue Wehrdienst" bereits ein erster Schritt zurück zur Wehrpflicht?
Jan Gildemeister: Einerseits nein, weil laut Aussage des Verteidigungsministers zunächst versucht werden soll, durch diese Ansprache und attraktive Bedingungen genügend Freiwillige für die Bundeswehr zu gewinnen. Andererseits ja, weil nun ab dem Jahrgang 2008 alle jungen Menschen systematisch für die Bundeswehr erfasst werden. Es wurde angekündigt, die Wehrpflicht für junge Männer wieder zu reaktivieren, wenn die geplanten Zuwachszahlen nicht erreicht werden.
Welche Rolle spielt das Thema Kriegsdienstverweigerung im Moment bei Jugendlichen? Spüren evangelische Beratungsstellen bereits eine steigende Nachfrage?
Gildemeister: Die Unsicherheit junger Menschen und ihrer Angehörigen war groß, als im letzten Jahr der Gesetzentwurf diskutiert wurde. Da wollten viele beraten werden. Seit Verabschiedung des Wehrdienstmodernisierungsgesetzes sind die Beratungszahlen wieder etwas runtergegangen. Manche Jugendliche überlegen den Kriegsdienst zu verweigern, andere wollen erst einmal nur informiert werden, wieder anderen geht es um den Umgang mit dem Fragebogen, den Männer ausfüllen müssen.
Mit dem Bundeswehr-Fragebogen stellt sich für viele Jugendliche eine grundlegende Frage: Könnte ich im Ernstfall einen Menschen töten? Wie können junge Menschen für sich klären, ob Sie einen Dienst an der Waffe mit ihrem Gewissen vereinbaren können?
Gildemeister: Die Jugendlichen stellen sich auch die Frage: Möchte ich mich der Gefahr aussetzen, getötet zu werden? Zu diesen grundsätzlichen Fragen kommen situative, die beispielsweise die aktuelle Lage und den Auftrag der Bundeswehr betreffen: Sind die jetzige Gesellschaft und das politische System es wert, dass ich dafür meinen Kopf hinhalte und mein Gewissen strapaziere? Was ist, wenn die Unionsparteien mit der AfD die Regierung stellen und über Bundeswehreinsätze entscheiden? Oder wenn die Bundeswehr den USA bei einem völkerrechtswidrigen Krieg wie dem gegen den Iran beispringt? Wenn Jugendliche versuchen, zu solchen schwerwiegenden Fragen eine Haltung zu entwickeln, brauchen sie Personen, mit denen sie sich vertrauensvoll austauschen können.
Viele Eltern wissen nicht genau, wie sie reagieren sollen, wenn ihr Kind Post von der Bundeswehr bekommt und plötzlich über Wehrdienst oder andere freiwillige Dienste nachdenkt. Wie können Eltern ihre Kinder in dieser Situation gut begleiten?
Gildemeister: Meine beiden Söhne sind bereits älter, aber wenn ich mich in die Situation von Eltern mit 18-jährigen Kindern hineinversetzte, würde ich Folgendes tun: Wenn meine Kinder sich interessiert zeigen, würde ich ihnen erklären, wie ich damals zu meiner Entscheidung gekommen bin, den Kriegsdienst zu verweigern und einen Zivildienst zu machen. Zum Zweiten würde ich mich ihnen mit ihren Fragen als Gesprächspartner zur Verfügung stellen. Aber nicht mit dem Ziel, sie von meiner Position zu überzeugen, sondern ihnen durch Nachfragen Gelegenheit geben, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und drittens würde ich ihnen raten, sich noch weitere Gesprächspersonen zu suchen, beispielsweise qualifizierte KDV-Berater:innen, Jugendgruppenleiter:innen oder Gleichaltrige.
Viele Jugendliche überlegen, statt eines Wehrdienstes ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder einen internationalen Freiwilligendienst zu machen. Gleichzeitig gibt es die Sorge: Falls später doch noch die Wehrpflicht kommt, zählt dieser Einsatz dann überhaupt oder muss man trotzdem noch ein Pflichtjahr leisten? Was raten Sie jungen Menschen in dieser Situation?
Gildemeister: Zum einen begrüße ich es sehr, wenn junge Menschen sich dafür entscheiden, einen Dienst für die Gesellschaft zu leisten und dabei wichtige Erfahrungen für sich zu machen. Zum anderen lese ich persönlich den Gesetzestext so: Wenn die Wehrpflicht eingeführt werden sollte, sind diejenigen von einem Dienst befreit, die jetzt einen Freiwilligendienst leisten. Dies ist auch insofern wahrscheinlich, da eine sogenannte Auswahlpflicht geplant ist und die Bundeswehr sowieso nicht so viele Wehrpflichtige benötigt. Insofern ermutige ich die Jugendlichen, einen Freiwilligendienst in Deutschland oder einem anderen Staat zu leisten.
Der Wehrdienst ist derzeit freiwillig. Wenn ein junger Mensch schon heute weiß: Militär kommt für mich nicht infrage. Sollte er vorsorglich seine Kriegsdienstverweigerung erklären, falls die Wehrpflicht doch wieder eingeführt wird?
Gildemeister: Eine vorsorgliche Verweigerung ist im Friedensfall weder notwendig, noch sinnvoll. Wir wissen heute nicht, welche Jahrgänge und Personengruppen konkret eingezogen werden, sollte die Wehrpflicht eines Tages reaktiviert werden. Vielleicht geht der Kelch ja an denjenigen vorbei, die in diesem oder im nächsten Jahr 18 Jahre alt werden? Oder an diejenigen, die im Fragebogen deutlich machen, dass sie nicht zur Bundeswehr möchten. Wer aber jetzt erfolgreich verweigert, wird gemustert und – so warnen manche – könnte später zu den ersten gehören, die einen Ersatzdienst leisten müssen.
"Es geht vielen Jugendlichen auf den Keks, dass ältere Männer zentrale Entscheidungen über ihr Leben treffen, ohne sie einzubeziehen."
In mehreren Städten haben Schülerinnen und Schüler bereits gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht demonstriert. Für den 8. Mai ist ein weiterer bundesweiter Aktionstag "Schulstreiks gegen Wehrpflicht" angekündigt. Was sagen diese Proteste aus Ihrer Sicht über die Stimmung in der jungen Generation?
Gildemeister: Ich nehme wahr, dass die junge Generation politisch recht interessiert ist und gehört und ernst genommen werden möchte. Auch wenn nur ein kleiner Teil streikt, um gegen eine Wehrpflicht auf die Straße zu gehen, so geht es doch vielen auf den Keks, dass ältere Männer so zentrale Entscheidungen für ihr Leben treffen, ohne dass sie ernsthaft einbezogen werden.
In der aktuellen Wehrpflicht-Debatte beschäftigen sich junge Menschen wieder stärker mit Fragen von Krieg, Frieden und Gewissen. Welche Chancen ergeben sich daraus für die Kirche und wie könnte sie diese nutzen, um für junge Menschen wieder relevanter zu werden?
Gildemeister: Für uns alle sind Fragen von Krieg und Frieden durch den russischen Angriffskrieg und die Forderung, dass Deutschland kriegstüchtig werden soll, näher gerückt. Aktuell spüren wir auch die Auswirkungen des Angriffskrieges von Israel und den USA und der Reaktionen des Irans. Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung, von Fake News und der abnehmenden Bereitschaft, andere Positionen zu akzeptieren, brauchen wir dringend Räume für konstruktive Gespräche über friedenspolitische Streit-Themen. Ich sehe eine Chance für die Kirche darin, diese in der Breite anzubieten und so wieder an Glaubwürdigkeit und Relevanz, gerade für junge Menschen, zu gewinnen. Dies kann im Religions- oder Konfirmandenunterricht ebenso wie in der Jugendarbeit passieren. Die AGDF stellt hierfür gerade passende Veranstaltungskonzepte und Tipps zusammen, die im Mai online gehen sollen – nicht nur für die Jugendarbeit. Und eine Arbeitsgruppe Friedensbildung der Konferenz für Friedensarbeit will Material veröffentlichen. Zudem ist das flächendeckende Beratungsnetz für individuelle Gewissensfragen wichtig, das gerade entsteht.



