Stolz blicken sie in die Kamera - Mädchen und Jungen, alte Frauen und einige Männer. Sie tragen traditionelle hessische Trachten: Die farbenfrohen stammen aus katholischen Gegenden, die dunklen, gedeckten Töne aus den evangelischen Gebieten. Für ein Fotoprojekt setzte die Marburger Fotografin Anna Scheidemann die Trachten kunstvoll in Szene. "Ich habe mich gefragt: Wollen wir diese Kleidung im Schrank lassen oder etwas Neues daraus machen? Diese Diskussion möchte ich führen für Hessen."
Über ihr Interesse an Mode und Handarbeit kam die Fotografin zu den hessischen Trachten. Inspiriert hätten sie bekannte Designer wie Valentino, der in seinen Kollektionen Elemente aus der Volkskunst verwende, erzählt sie in ihrem Studio in Marburg. Scheidemann stammt aus der Ukraine, seit elf Jahren lebt sie in Marburg. Oma und Mutter brachten ihr den Umgang mit Nadel und Faden bei.
Von einem Kleiderständer fischt sie einen bunten Ringelpulli. Sie hat ihn selbst gestrickt, Vorbild für die Farbmischung waren Marburger Trachten. In ein Kleid mit Weste sind Elemente aus der Schwälmer Tracht eingearbeitet, als Inspirationsquelle für einen leichten, schimmernden Faltenrock diente eine evangelische Tracht. Mit einer Freundin präsentierte sie vor vier Jahren eine Modenschau in Berlin. Die beiden Ukrainerinnen experimentierten mit Upcycling-Techniken und verwendeten dafür alte Trachten.
"Was ist der nächste Schritt für die Trachten?" Diese Frage bewege sie. "Man kann sie im Museum einfrieren oder sie überdenken und neu konstruieren." Die traditionelle Kleidung sei aus den Dörfern verschwunden - zu schwer, zu unbequem. Aber einzelne Elemente wie die filigranen Stickereien, die farbenprächtigen Bänder oder die Spitze ließen sich perfekt in moderne Fashion-Trends integrieren.
Bommeln deuten auf Wohlstand hin
Für das Projekt fotografierte Anna Scheidemann zum Beispiel eine alte Frau, die ihre Tracht noch täglich trug. Junge Mädchen zogen Kleidung an, die über die Generationen in ihrer Familie weitergegeben wurde. Andere Models sprach die Fotografin auf der Straße an und lieh sich Trachten aus dem Hinterlandmuseum in Biedenkopf aus.
Dort finden sich traditionelle evangelische Trachten aus dem westlichen Landkreis Marburg-Biedenkopf. "Die Stoffe waren oft reich bestickt", erklärt der Museumsleiter Andreas Vetter. "Das musste die junge Frau selbst anfertigen, und es war Ausdruck ihrer Fähigkeiten." Bestimmte Elemente wiesen auf den gesellschaftlichen Status hin: An der Farbe des Unterrocks konnte der heiratswillige junge Mann erkennen, ob die Angebetete noch frei war. Die Strümpfe verrieten: je mehr Bommeln an den Bändern, desto wohlhabender die Frau.
Veröffentlichung auf vogue.com
Zur Tracht gab es keine Alternative, verdeutlicht der Museumsleiter. "Man musste sie tagein, tagaus tragen." Die Oberkleider wurden "praktisch nie gewaschen". Kein Wunder, dass die Kleidung spätestens ab dem Zweiten Weltkrieg nach und nach ganz verschwand.
Doch in Scheidemanns Fotos lebt die Tradition auf. Er finde die Kombination spannend, sagt der Museumsbeauftragte des Kreises, Gerald Bamberger: Menschen aus der heutigen, pluralen Gesellschaft in einer traditionellen Kleidung zu zeigen. "Das schafft einen neuen Zugang zur Welt der Trachten."
Das Fotoprojekt zog bereits Kreise. Auf ihrer Plattform vogue.com veröffentlichte die Modezeitschrift Vogue Fotos von Anna Scheidemann.
"Als wir die Präsentation in Berlin hatten, schrieben zwar viele Magazine über die Schau, aber nicht über die hessischen Trachten", bedauert die Fotografin. Auf Festen begegneten ihr gelegentlich Trachten, doch stammten sie meist aus Bayern: Dirndl und Lederhose. "Aber Hessen hat selbst einen wichtigen Schatz, auf den es stolz sein darf."
Als nächstes Projekt würde sie gern Trachten aus ganz Hessen in einem Fotoband präsentieren, und neben die Fotos die historischen Erklärungen stellen: Was bedeutet der Dutt? Zu welchem Anlass wurde welche Tracht getragen? Es gebe noch viel zu entdecken, sagt die Ukrainerin.



