Katzentage
Ein Bahnstreik erweist sich als Gelegenheitsamor gegenüber zwei Workaholics
Nach einer Fortbildung und einer gemeinsam verbrachten Nacht, fahren die Medizinerin Paula und der Verwaltungsjurist Peter, beide nicht mehr ganz jung und seit langem Kollegen, im Zug wieder nach Hause. Doch in Würzburg stranden sie aufgrund eines Bahnstreiks. Da es keine Möglichkeit gibt, auf anderem Weg weiter zu reisen, sind sie gezwungen, einige Tage in der fremden Stadt zu verbringen.
Die Bahn erweist sich hier sozusagen als Amor, der zwei Arbeitstiere dazu bringt, den durchgeplanten Alltag zu verlassen und wie die Katzen den Augenblick zu genießen und scheinbar planlos durch die herrliche Gegend zu streifen, den Frankenwein zu verkosten und die barocken Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Dabei nähern sich die beiden spielerisch und heiter einander an. – Mir gefällt dieser kleine Roman – wunderbar illustriert – sehr gut. Ein positives und optimistisches Buch, nicht frei von Überlegungen und Tiefgang, aber sehr froh stimmend.
Sollte man von der Weltenschwere dieser Tage erdrückt werden, ist es schön, einfach diesen Roman zu lesen. Cornelia von Forstner
Arenz, Ewald: Katzentage. Illustriert von Florian Bayer. DuMont 2025. 127 S. : Ill. ; 22 cm. ISBN 978-3-7558-0056-9, geb.: 22,00 €
Rift
Mit fünfzehn Dollar Tagesbudget erfüllen sich zwei Geschwister im Angesicht des Todes einen Traum. Eine letzte Reise zum Meer.
Zuzanna und Janko fliegen nach New York, um von dort zu einem Roadtrip der besonderen Art aufzubrechen. Die Schwester kümmert sich schon lange um den von Krankheit gezeichneten Bruder. Einen letzten Traum verfolgen sie: einmal die USA durchqueren, um den Pazifik zu sehen. Einmal noch in die Weite schauen, während sich ihr innerer Spielraum mehr und mehr zuzieht.
Sie treffen unterwegs hilfsbereite Leute, bekommen ein Auto überlassen und finden vorübergehende Herbergen. In einer filmreifen Szene finden sie einen Haufen Geldscheine in einer Matratze in irgendeinem Motel. Ein solches Märchen brauchen sie, um dem Ziel näherzukommen. Die Geologin Zuzanna kennt sich mit Eruptionen in den Tiefen der Erde aus. Sie weiß, welche Gefahren unter ihnen lauern, wenn große Gesteinsplatten gegeneinander stoßen und sich Energie entlädt. Ein Rift, ein langgezogener Graben in der Erdkruste, kann Menschen, Tiere, Pflanzen, Autos, alles verschlingen. Auf dieser Tour durch Nordamerika liegen Kindheitstraum und Untergangsszenario gefährlich dicht beieinander. Doch das Ziel rückt in erreichbare Nähe ...
Zwei Geschwister wissen schmerzlich um die drohende Endlichkeit des Lebens. Das schärft ihre Sinne durch sich wechselnde Landschaften und legt auch Träume von Leser:innen frei. Christine Behler
Schwabe, Marina: Rift. Roman. Steidl 2025. 156 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-96999-492-4, geb.: 24,00 €
Rom sehen und nicht sterben
Lebensroman, Romführer, autobiographische Auseinandersetzung mit dem Krebs? Nichts von allem - doch etwas von jedem!
Der dreijährige Aufenthalt in Rom endet für Peter Wawerzinek in Berlin mit der Diagnose "Magenkrebs". Nach Rom zurückgekehrt - die Stadt sehen und dann erst sterben oder nicht sterben? Wawerzinek behält das Heft in der Hand. Ein Roman in Briefform geschrieben. Der eingedrungene Fremdkörper wird von Wawerzinek quasi sprachlich mit Wortschöpfungen, Wortspielen, und seinem norddeutschen Humor in die Mangel genommen, verfremdet und auf Distanz gehalten. Der unbekannte Briefadressat wird zum wichtigen, schweigenden Gesprächspartner und die verstorbene Großmutter zur Quelle vieler hilfreicher Lebensweisheiten. Ein Buch voll von unbändigem durch nichts begründeten Optimismus. Die Krankengeschichte nimmt ihren Verlauf - Untersuchungen, langwierige und belastende Chemotherapie, Ängste, Verwirrung, Operation, Genesung und Nachsorge. Dann die erlösende Nachricht: Überleben, neue Liebe - mit der Partnerin zurück in Rom, in der ewigen Stadt, zurück ins Leben.
Ein hervorragender Roman über Krebs, Vergänglichkeit und doch Lebensbejahung, Humor und Sprachkunst. Wolf-Peter Koech
Wawerzinek, Peter: Rom sehen und nicht sterben. Roman. München: Penguin 2025. 219 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-328-60405-1, geb.: 24,00 €
Die Lebensentscheidung
Kann man entscheiden, wie lange man lebt? Ein ganz spezieller Jetset zwischen Wien und Brüssel.
In Demut abzuwarten, was passiert, gar das Psalmwort "Meine Zeit steht in deinen Händen" duldsam zu empfinden – das ist nicht die Sache von Franz Fiala in Robert Menasses neuem Buch. Für den Euro-Bürokraten lief es zuletzt nicht gut in Brüssel, mit Verachtung blickt er auf seine Vorgesetzten, die den Treckerdemos so schnell nachgaben, er will kündigen – eine "Lebensentscheidung". Er will sich um seine kranke Mutter in Wien kümmern. Er will, dass sie ein gutes Ende nimmt. Und nun beginnt ein reges Hin und Her zwischen Brüssel und Wien, Heiratsplänen und Schmerzbekämpfung, denn es geht ihm schlecht. Immer schlechter, Er zögert den entscheidenden Arztbesuch hinaus, die "unerhörte Begebenheit", die zu einer Novelle gehört. Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das ist jetzt kein Spoiler, denn die Leserin ahnt das längst, sie weiß es sogar, vom Klappentext. Jetzt trifft Fiala die wirkliche "Lebensentscheidung": Er will seine Mutter überleben, ihr den Schmerz ersparen, den Sohn zu verlieren. Irre, wie die beiden sich treiben und quälen, mit liebevoller Unehrlichkeit, einem absurden Geheimhaltungswettbewerb, bis zum fulminanten Ende. Großartig! Anne Buhrfeind
Menasse, Robert: Die Lebensentscheidung. Novelle. Berlin: Suhrkamp 2026. 157 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-518-43274-7, geb.: 22,00 €
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