Licht schöpfen für die Seele

Spendenkerzen im Dom St. Peter
epd-bild/Norbert Neetz
Eine Kerze anzuzünden kann ein religiöses Ritual sein. Hier brennen Spendenkerzen im Dom St. Peter in Regensburg. (Archivbild)
Kerzenstationen in Kirchen
Licht schöpfen für die Seele
Kerzen leuchten nicht nur an Ostern in der Kirche. Kerzenstationen oder Opferlichter ziehen Touristen, Gläubige und Zufallsbesucher das ganze Jahr über an. Sie werfen eine Münze ein, entzünden ein kleines Licht: ein Gebet ohne Worte.

In großen Kirchen flackern warm-golden unzählige Teelichter auf Kerzenstationen. Sie stehen für Gebete, Bitten, Erinnerungen an Verstorbene oder einfach Augenblicke der Stille.

Dort werde religiöse Erfahrung mit Händen greifbar, sagte der Psychologe Hans-Gerhard Behringer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es entstehe ein "größerer Raum", den Menschen wahrnähmen, "ein Moment der Ruhe, des inneren Friedens". Viele spürten danach in ihrem Inneren mehr Lebenskraft, hat er beobachtet.

Kerzenlicht sei schon immer ein Symbol der Hoffnung gewesen, sagt Behringer. Die Kerze im Ostergottesdienst steht für die Auferstehung Jesu und die Überwindung des Todes. Behringer, der im schweizerischen Davos lebt, sieht das Entzünden eines Lichts an einer Kerzenstation auch als "ein seltenes Stück analoges Tun", ein Gegenstück zur allgegenwärtigen Digitalisierung. "Das ist anders als ein Klick im Internet", sagt der Autor: "Es macht etwas mit einem."

Gebet ohne Worte

In großen Metropol-Kirchen wie in Köln, München und Hamburg ist das Anzünden von Opferkerzen ein gern genutztes Ritual. Allein im Kölner Dom habe der Kerzenverbrauch "nach dem Corona-Einbruch wieder ein gleichbleibendes Niveau von rund zwei Millionen pro Jahr erreicht", erklärt Markus Frädrich vom Metropolitankapitel.

Im Hamburger Michel werden jährlich ungefähr 150.000 Kerzen zum Leuchten gebracht. "Insbesondere in der Sommersaison, aber auch zu Advent und Weihnachten werden viele hundert Kerzen pro Tag entzündet oder für das Gebet zu Hause mitgenommen", erklärt Ines Lessing von der evangelischen Hauptkirche St. Michaelis: "Im Kirchraum entzünden viele Touristen oder Menschen, die selten in eine Kirche kommen, eine oder mehrere Kerzen. Wir vermuten auch und gerade, wenn die Worte für ein gesprochenes Gebet fehlen - in Zeiten der Trauer und Angst, aber auch der Freude."

Tradition der Opferkerzen

Der Münchner Dom "Zu Unserer Lieben Frau" zählt pro Jahr rund 2,5 Millionen Besucher, erklärt Christian Horwedel von der Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats München. Menschen, die den Dom besuchen, "zünden weiterhin gern Opferkerzen an. Daran hat sich in den vergangenen Jahren wenig verändert."

Im Hamburger Michel wurde die Tradition der Opferkerzen als Votivkerzen Anfang der 1990er Jahre vom damaligen Hauptpastor Helge Adolphsen begründet, wie Lessing erklärt. Mittlerweile gebe es drei Kerzenorte in der Kirche und einen Ort in der Krypta: "Wir nutzen echte Kerzen in Form von Teelichtern, die speziell für den Michel produziert werden."

Wärme, Trost und Lebenskraft

Das Licht-Ritual in einer Kirche könne einigen Menschen - insbesondere Männern - zunächst eine gewisse Überwindung abverlangen, räumt Psychologe Behringer ein. Doch gerade das mache die Geste zu einer tiefen seelischen Erfahrung. Das Anzünden eines Lichts werde zur intimen Handlung ohne große Worte. "Man könnte es nennen: intim werden mit Gott." Ob jemand dabei "Gott" sage, eine größere Kraft erahne oder gar keinen religiösen Hintergrund habe, bleibe bewusst offen, so der Theologe und Therapeut. "Licht schöpfen" sei etwas Elementares - das Bedürfnis nach Wärme, Trost und Lebenskraft.

Online-Service zur Erleuchtung

Für viele sei das Anzünden einer Kerze Ausdruck einer "neuen Spiritualität ohne Organisiertheit, ohne Glaubenssätze und Dogmen", sagt Behringer. Dabei spiele das konfessionelle Etikett - wie evangelisch oder katholisch - kaum mehr eine Rolle.

Doch auch an den Kerzen ist die Digitalisierung nicht vorbeigegangen. Der Kölner Dom etwa bietet einen Online-Service ("Meine Kerze") an, berichtet Frädrich: "User können ihre Anliegen und ihr Gebet per Nachricht einsenden - das Dom-Team nimmt diese Bitten täglich mit in den Dom und zündet dort stellvertretend eine Kerze an." Diese Anliegen und Gebete seien sehr persönlich und sehr verschieden. "Oftmals sind es Bitten in persönlichen Krisen: Vor Prüfungen, bei Krankheiten oder in anderen besonderen Lebenssituationen erbitten viele Menschen Gottes Hilfe."