Sind wir als Gesellschaft italienischer geworden?

Kind isst Spaghetti
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Das italienische Nationalgericht, die Spaghetti, gehört mittlerweile auch zum deutschen Speiseplan.
Italienische Gastarbeiter
Sind wir als Gesellschaft italienischer geworden?
Rund 70 Jahre nachdem Italien und Deutschland das Abkommen über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften geschlossen haben, erzählen in Rom die Kinder der sogenannten Gastarbeiter von ihren Erfahrungen.

Als die Familie im August 1973 in Kalabrien losfuhr, herrschte dort der typisch italienische Sommer: Sonne, Hitze, Strand. "30 Stunden Zugfahrt später kamen wir in Deutschland, genauer gesagt in Köln an - und dort war Herbst. Das war wirklich schlimm." Amabile Luciano Sacco war zwölf Jahre alt, als er mit Eltern und vier Geschwistern von Italien nach Deutschland zog.

Sein Vater hatte diese Reise schon Jahre zuvor zum ersten Mal gemacht - er war einer von Tausenden sogenannten Gastarbeitern, die jenseits der Alpen ein neues Leben fanden. Die deutsche Botschaft in Rom erinnerte in dieser Woche mit einer Veranstaltung an das Abkommen zwischen Deutschland und Italien über Anwerbung und Vermittlung italienischer Arbeitskräfte.

Das Anwerbeabkommen, am 20. Dezember 1955 in Rom unterzeichnet, war das erste seiner Art. Der Vertrag sah zunächst nur die Beschäftigung von 100.000 Italienern vor. Es wurden über die Jahre mehr und mehr. Spanier und Portugiesen, Griechen und Türken sowie Jugoslawen folgten. "Gastarbeiter - Ein Wort, viele Geschichten", war die Veranstaltung in Rom überschrieben. Eine dieser Geschichten ist die von der Familie von Amabile Luciano Sacco.

Schule schlimmer als Wetter

Noch schlimmer als das Wetter sei die Schule gewesen, erinnert Sacco sich. Mit dem Bus wurden die Kinder abgeholt und in einen Nachbarort von Gevelsberg gefahren, wo die Familie lebte. "Diese Vorbereitungsklasse in der Hauptschule, die war wirklich ein Schlag", sagt er. Von dem, was gesprochen wurde, habe er nichts verstanden. "Sogar die Straßenschilder, alles war einfach nur unbekannt und fremd."

Saccos Vater arbeitete zunächst als Straßenbauarbeiter, später in einer Fabrik. Es kamen nicht nur Arbeitskräfte nach Deutschland, es kamen Menschen, mit ihnen oft deren Familien. Doch über Integration dachte damals kaum jemand nach, Konzepte gab es nicht wirklich. Auch deshalb, weil ursprünglich vorgesehen war, Arbeitskräfte nur für ein paar Jahre ins Land zu holen. Auch die meisten Italiener gingen davon aus. Die Rückkehr nach Hause war für viele keine Option, sondern Lebensplan.

Amabile Luciano Sacco war 12 Jahre alt, als er mit seinen Eltern und den vier Geschwistern von Italien nach Deutschland zog. Sein Vater war einer von Tausenden so genannten Gastarbeitern.

Für Sacco kam der persönliche Durchbruch in Sachen Integration im Matheunterricht. In dem Fach war er schon immer sehr gut. Bis zu diesem einen Tag saß er immer alleine, "niemand wollte sich mit mir einen Tisch teilen." Dann schrieb der Lehrer eine Textaufgabe an die Tafel, die niemand lösen konnte. Doch der Lehrer ahnte, dass Sacco die Lösung wusste. Er ließ eine andere Lehrkraft holen, die den Text für Sacco ins Italienische übersetzte, der Junge ging an die Tafel und legte los. Problem gelöst - zumindest das mathematische.

Auch in sozialer Hinsicht sei das die Wende für ihn gewesen: "Die anderen in der Klasse merkten, dass ich auch eine Person bin, die denkt, nicht nur 'ein Ausländer'." Von da an habe er Mitschülern regelmäßig in Mathe geholfen. "Sie haben mir auf Deutsch ganz langsam den Text der Aufgaben erklärt, und als ich den begriffen hatte, hab' ich ihnen die Lösung gezeigt. Die waren alle begeistert." Kurz nach Weihnachten sei er zum ersten Mal zu einem Geburtstag eingeladen worden. Sacco entschloss sich später dazu, als Italienischlehrer selbst für den Abbau sprachlicher Barrieren zu sorgen. Er und seine Geschwister konnten in Deutschland studieren. Lebenswege, die in Kalabrien nicht denkbar gewesen wären.

Auch der Vater von Sandro Moraldo zählte zu den Gastarbeitern. 1957 habe er die erste Pizzeria in Heidelberg eröffnet, erzählt sein Sohn heute. Moraldo, der Sohn, der diese Geschichte in der deutschen Botschaft in Rom erzählt, ist heute Professor für deutsche Sprache, Kultur und Literatur an der Universität Bologna/Forlì. Europa, sagt er, sei nicht nur ein Vertrag, sondern "die Summe unserer miteinander verflochtenen Geschichten". Im November vergangenen Jahres hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue in einer Veranstaltung, zu der auch Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella kam, den Einwanderern für deren Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands gedankt.

Diese Menschen hätten entscheidenden Anteil am wirtschaftlichen Aufstieg unseres Landes, sagte Steinmeier. Deutschland schulde ihnen Dank und Respekt, auch weil sie oft auf Vorurteile und Ablehnung gestoßen seien. Es habe lange gedauert, "bis unser Land, bis mein Land die beachtliche Lebensleistung jener Menschen würdigte, die damals zu uns gekommen sind", sagte Steinmeier weiter. Dabei hätten die Einwanderer Deutschland nicht nur wirtschaftlich gutgetan: "Sie haben uns geholfen, als Gesellschaft insgesamt ein wenig italienischer zu werden - und das meine ich nicht nur kulinarisch."