Iranerin: Nach dem Master im Maschinenbau arbeiten

Iranerin Sahar Nejad steht vor der Motorsport-Werkstatt der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen
epd-bild/Stefanie Walter
Demnächst macht die Iranerin Sahar Nejad ihren Master-Abschluss, Fachrichtung Maschinenbau, als eine der wenigen Frauen.
Integration im Rekordtempo
Iranerin: Nach dem Master im Maschinenbau arbeiten
Deutsch in nur einem Jahr gelernt, das Maschinenbaustudium bald abgeschlossen: Die Iranerin Sahar Nejad hat sich im Schnelltempo in das Leben in Deutschland eingefügt. Trotzdem wartet sie noch immer auf einen deutschen Pass.

In der Cafeteria der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen sind nur ein paar Tische besetzt. Sahar Nejad blickt in die Runde. "Klausurenphase." Viele Studenten lernen gerade zu Hause oder in der Bibliothek. Für sie selbst wird das Uni-Leben bald ein Ende haben. Demnächst macht sie ihren Master-Abschluss, Fachrichtung Maschinenbau, als eine der wenigen Frauen: Unter den aktuell 72 Studierenden in ihrem Master-Studiengang Maschinenbau an der THM sind nur zehn Frauen.

Die junge Iranerin flüchtete 2018 nach Deutschland. In Gießen lebte bereits ihre Tante. In nur einem Jahr lernte sie fließend Deutsch. Den Kurs finanzierte sie selbst, Unterstützung kam von einem befreundeten Ehepaar. 2020 schrieb sich Sahar Nejad an der THM ein. "Ich hatte schon immer Interesse an Technik." Bereits im Iran studierte sie drei Semester lang Maschinenbau. Ihr Vater war darüber nicht glücklich: Im Iran haben Frauen bislang keine Chance, in dem Beruf zu arbeiten.

Kurz nach Studienbeginn erhielt die Studentin über den Hessenfonds ein Stipendium für besonders begabte Flüchtlinge. Später kam ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes hinzu; ein Professor hatte sie vorgeschlagen. "Trotzdem drohte direkt nach meiner Einschreibung die Abschiebung", erzählt Nejad. Als Polizisten sie abholten, "waren sie überrascht, wie gut ich Deutsch sprach". Die Beamten rieten ihr, ihre Bücher mitzunehmen. Vielleicht komme sie ja wieder.

Mitglied im Motorsportteam der THM

Sahar Nejad musste zurück nach Italien, nach dem Dublin-Verfahren ihr Erst-Einreiseland. "Ich lernte einfach weiter." Deutsch und Technikwissen werde sie überall auf der Welt brauchen können, dachte sie sich. Der italienische Staat ließ sie bald wieder ausreisen.

Ein paar Meter von der Cafeteria entfernt befindet sich die Motorsport-Werkstatt der THM. Sahar Nejad schaut durchs Fenster in den dunklen Innenraum. Dort steht das Renn-Motorrad, das sie ein Jahr lang gemeinsam mit dem Motorsportteam entwickelt und gebaut hat. Die Maschine startete sogar bei einem Rennen in Spanien. Die Studentin engagiert sich auch ehrenamtlich, half bei einem Verein neu ankommenden Flüchtlingen und übersetzt zum Beispiel bei Elterngesprächen für den Landkreis Gießen.

Integration? Möglichst schnell in den Deutschkurs

Wie sie das alles geschafft hat? "Ich habe mich voll fokussiert auf die Dinge, die ich beeinflussen kann." Die 26-Jährige blendete den Gedanken aus, dass sie am nächsten Tag abgeschoben werden könnte. Dieses Leben im Ungewissen raube vielen Flüchtlingen die Kraft, beobachtet sie: "Sie müssten stattdessen eine Perspektive bekommen und möglichst schnell in Deutschkurse gebracht werden."

Vor anderthalb Jahren beantragte die Iranerin den deutschen Pass und wartet immer noch auf Antwort. Das frustriert sie. "Ich habe doch seit sieben Jahren bewiesen, dass ich es gut meine. Ich würde der Gesellschaft gern etwas zurückgeben."

Iranischen Frauen eine Stimme geben

Sahar Nejad arbeitet nebenher als Werkstudentin. Wie es nach dem Master-Abschluss weitergeht, hängt aber vor allem von den Behörden ab. Die Studentin ist als Flüchtling anerkannt, dennoch darf sie nicht einfach wegziehen - zum Beispiel nach Stuttgart, wo sie gern in der Automobilindustrie arbeiten würde, "am liebsten im Motorsport". Plan B lautet daher: einen zweiten Master-Abschluss in Data Analytics machen.

Hier in Deutschland, in der Freiheit, fühle sie sich verpflichtet, den iranischen Frauen eine Stimme zu geben. Angesichts der aktuellen Entwicklung im Iran durch den US-Angriff sieht Sahar Nejad vor allem die Menschen in den Gefängnissen in großer Gefahr. Die Kommunikation mit der Heimat verlaufe brüchig, phasenweise ist das Internet abgeschaltet.