Seit 1928 ist dieses bunte Glasfenster Teil der evangelischen Kreuzkirche Oberammergau: Höhnisch feixend umringen darauf drei Häscher den gefesselten Jesus mit Dornenkrone. Ihre Gesichter sind Prototypen des Juden-Klischees, wie sie in damals zeitgenössischen Karikaturen gezeigt wurden. Einer der dargestellten Peiniger trägt dunkelgelbe Schuhe - die Farbe, die schon im Mittelalter als Symbol für Neid und Falschheit galt und mit der sich Bettler, Prostituierte und Juden markieren mussten.
Seit ein paar Wochen macht nun eine Texttafel in der Kreuzkirche auf die Geschichte ihrer Fenster aufmerksam. "Der Kirchenvorstand distanziert sich vom Rückgriff auf antijüdische Klischees in der Erbauungszeit der Kirche", heißt es dort: "Sie sind verletzend und widersprechen dem biblischen Zeugnis." Zugleich erinnerten die Darstellungen an das "judenfeindliche Erbe in der christlichen Tradition" und mahnten dazu, selbiges zu überwinden.
Fast 100 Jahre war die antisemitische Botschaft des Fensters "Die Geißelung Christi" unentdeckt geblieben, erst am Rande der Passionsspiele 2022 hatte die amerikanische Judaistik-Professorin Amy-Jill Levine bei ihrem Besuch der Kreuzkirche darauf aufmerksam gemacht.
Scham über die eigene Blindheit
Die Oberammergauer Pfarrerin Heike-Andrea Brunner-Wild, die den "Fensterfall" bei ihrem Amtsantritt 2023 geerbt hatte, erinnert sich an "ein Stück Scham", die der Kirchenvorstand angesichts der Blindheit auf allen Ebenen - von der Ortsgemeinde bis zum Kunstreferat der Landeskirche - damals empfunden habe.
Diese Angst von Gemeinden, beschämt zu werden, möchte Anika Sergel-Kohls vermeiden. Die Pfarrerin ist Referentin im Büro des Münchner Regionalbischofs, der sich - bis März 2023 in Person von Christian Kopp, heute Thomas Prieto Peral - des Oberammergauer Falls angenommen hatte. Denn Scham sei eine Gefahr für die Aufarbeitung, "weil das andere abschreckt", sagt die Theologin. Sie ist seit 2023 Mitglied einer Arbeitsgruppe, die gerade eine Handreichung zu antisemitischer Bildkunst für die evangelischen Gemeinden in ganz Bayern erarbeitet.
Rüstzeug, um Bilder richtig zu deuten
Auch Axel Töllner, landeskirchlicher Beauftragter für den jüdisch-christlichen Dialog, gehört dazu. Ziel der Broschüre, die im Sommer 2026 vorliegen soll, sei es, "Grundlagen zu schaffen und Möglichkeiten zu eröffnen, wie man mit einfachen Mitteln zeigen kann: Wir verschließen die Augen nicht", erklärt er. Schon jetzt wisse er von einigen bayerischen Gemeinden, die sich mit manchen Kunstwerken in ihren Kirchen unsicher fühlten. Ihnen wolle die Broschüre ein Rüstzeug an die Hand geben, um "Bilder einordnen und lesen" zu können, sagt Töllner.
NRW-Leitlinie als Grundlage
Schützenhilfe kommt dabei aus Nordrhein-Westfalen: Dort haben fünf katholische Bistümer und drei evangelische Landeskirchen im März 2025 unter dem Titel "… und jetzt?" die gemeinsamen "Leitlinien zum Umgang mit antijüdischen Bildwerken an und in Kirchenräumen" herausgegeben. "Wir wollen und müssen wissen, wo es in unseren Kirchen antijüdische Darstellungen gibt", sagt Thomas Frings, Referent für interreligiösen Dialog im Erzbistum Köln. Als Kirche dieses belastende Erbe aufzuarbeiten "sind wir unseren jüdischen Geschwistern schuldig". Die 40-seitige Broschüre schaffe eine "Sehhilfe", die Gemeinden befähige, noch unentdeckte Darstellungen zu finden und sich dann kritisch damit auseinanderzusetzen. Laut Frings ist das Heft bislang die einzige Handreichung dieser Art in ganz Deutschland.
Für die Bayern ist der NRW-Leitfaden ein Glücksfall, weil er "kompakte Infos zu den wichtigsten Fragen" biete, sagt Axel Töllner. In Rücksprache mit den Kollegen in Köln und Düsseldorf habe man den Text als Grundlage für die bayerische Landeskirche verwendet, für die hiesigen Gegebenheiten überarbeitet und um eigene Bildbeispiele ergänzt - demnächst werde der Entwurf im Landeskirchenrat präsentiert. Töllner hofft, dass sich mithilfe der Broschüre noch mehr Menschen in evangelischen Gemeinden das Thema "antijüdische Bildkunst" zum Anliegen machen und ihre Kunstwerke, Wandgemälde, Abendmahlskelche oder Altarkreuze noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. "Am Ende sind die Sachen ja da - die Augen zu verschließen, hilft nichts", sagt der Experte.
Bei den Protestanten in Oberammergau, deren kleines Fenster so eine große Welle ausgelöst hat, ist die Aufarbeitung trotz Texttafel noch lange nicht erledigt. "Im Sommer 2028 feiern wir das 100. Jubiläum der Einweihung der Kirche", berichtet Pfarrerin Brunner-Wild. Bis dahin solle ein neuer Kirchenführer entstehen, der die Erkenntnisse zur Geschichte und Wirkung der Fenster aufnimmt. Zudem seien einige Vorträge zur Kirchengeschichte geplant. "Tatsächlich träumen wir auch von einem neuen Kunstwerk, zum Beispiel einem Kirchenfenster im Altarraum der Kirche", sagt die Theologin. Konkrete Pläne für so ein "Gegenkunstwerk" gebe es aber noch nicht.


