"Hoffnung ist Entscheidung des Glaubens"

Bischof Dr. Imad Haddad
Volker Rahn / EKHN
In einem Exklusivinterview berichtet Dr. Imad Haddad, Bischof der Evangelisch Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, darüber, wie christlicher Glaube in extremen Situationen Halt geben kann.
Jerusalemer Bischof Haddad
"Hoffnung ist Entscheidung des Glaubens"
Gewalt, politische Spannungen und immer schwierigere Lebensbedingungen prägen den Alltag christlicher Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland. Im Gespräch mit Dr. Andreas Goetze vom Zentrum Oekumene der EKHN und EKKW, spricht Dr. Imad Haddad, Bischof der Evangelisch Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, darüber, wie christlicher Glaube in extremen Situationen Halt geben kann.

Wie erleben christliche Palästinenserinnen und Palästinenser ihren Alltag im Heiligen Land – einer konfliktreichen Region?

Bischof Haddad: Palästinensische Christinnen und Christen leben kein anderes Leben als Muslime im Heiligen Land. Schwierigkeiten und Hürden im täglichen Leben betreffen alle Palästinenserinnen und Palästinenser gleichermaßen: Wir alle leben zusammen. Das Leben ist für uns voller Einschränkungen.

Wir leben hinter Mauern. Unsere Bewegungsfreiheit ist erheblich begrenzt durch viele Checkpoints und mobile Schranken, die zwischen Städten, Regierungsbezirken und Dörfern eingerichtet wurden. Wir wissen nie, welche Straßen gesperrt oder passierbar sind. Diese schwierige Situation verschlechtert sich mit jedem Tag.

"Jüdische Siedler in den besetzten Gebieten Land kaufen dürfen, was die illegalen Enteignungen palästinensischen Landes legitimieren soll"

Entscheidungen des israelischen Kabinetts haben für uns unmittelbar eine neue Realität zur Folge: So sollen nun jüdische Siedler in den besetzten Gebieten Land kaufen dürfen, was die illegalen Enteignungen palästinensischen Landes legitimieren soll.

Immer schwerer wird es für unsere Lehrkräfte in der Westbank, die in Jerusalem unterrichten, dafür eine Erlaubnis zu bekommen. Dadurch wird die Planung eines geregelten Unterrichts deutlich erschwert. Ich bin auch persönlich betroffen. Mein Bischofssitz in Jerusalem liegt in der Nähe der Auferstehungskirche in der Altstadt. Ich habe aber nicht die gleichen Rechte wie jüdische Israelis in Jerusalem.

Wie erleben Sie die Kontrollen an den Checkpoints?

Bischof Haddad: Ich werde an den Checkpoints angehalten und nach meiner Genehmigung gefragt. Dann dauert es eine gewisse Zeit, bis die Soldaten die Papiere geprüft haben. Bei all den Demütigungen, die die Menschen an den Checkpoints erleben müssen, ist es mir wichtig, dass wir uns unsere Menschlichkeit bewusst machen. Deshalb lächle ich trotzdem, wenn ich dort einen Soldaten mit seinem Maschinengewehr sehe, und grüße ihn mit einem `Guten Morgen´. Manchmal überrascht das den Anderen und in diesem Moment kann ich das menschliche Wesen hinter dem Pokerface erkennen.

Die eigentlich erniedrigenden Situationen an den Checkpoints erinnern mich daran, wie ich meinen Glauben leben und meine Überzeugungen als Christ zeigen möchte. Wie kann ich als menschliches Wesen, als Ebenbild Gottes für die Welt leben? Ich gehe davon aus: Meine Menschlichkeit hängt nicht von den Handlungen der Anderen ab; ich versuche, selbst zu handeln und nicht nur auf das zu reagieren, was andere tun. 

Welche Aufgabe hat die christliche Kirche in dieser Situation?

Bischof Haddad: Unser Ruf und unser Zeugnis als Kirche ist es, vor Ort zu sein. Aber wir müssen ehrlich sagen: Viele wandern aus oder spielen mit dem Gedanken daran. Doch ich wehre mich gegen Ratschläge von außen, dass wir das Land nicht verlassen und uns nicht schwächen lassen sollen. Denn die Lebensrealität vor Ort zeigt: Es ist unerträglich. Deshalb versuchen wir als Kirche, in dieser deprimierenden, verzweifelten Lebenssituation neue Hoffnung und Möglichkeiten zu schaffen.

"Unsere Schulen stärken die Schülerinnen und Schüler in ihrem Selbstbewusstsein durch kreative Angebote. Sie lernen, dass sie selbst viel mehr können, als sie denken"

Wir helfen den Menschen ganz praktisch durch unser Diakonie-Programm. Wir kümmern uns um Säuglinge, Kinder, Jugendliche, Mütter und Familien. Wir unterstützen sie beispielsweise bei der Gesundheitsvorsorge. Im Bereich Bildung suchen wir zu vermitteln, nicht nur auf das zu schauen, was nicht geht. Unsere Schulen stärken die Schülerinnen und Schüler in ihrem Selbstbewusstsein durch kreative Angebote. Sie lernen, dass sie selbst viel mehr können, als sie denken, und werden so motiviert, trotz der Schwierigkeiten ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Als Kirche fragen wir, was die Menschen konkret brauchen. Wie können wir euch mit unseren begrenzten Möglichkeiten unterstützen? Wie können wir helfen, Einkommensmöglichkeiten zu schaffen? Wie können wir für die Zukunft planen? Wir bieten hier Orientierung, selbst wenn wir wissen, dass in dieser gewaltsamen Zeit all die Pläne von jetzt auf gleich zunichtegemacht werden können.

Was kann aus Ihrer Sicht getan werden, um dem Frieden in Nahost näher zu kommen?

Bischof Haddad: Die Lage ist für uns bedrohlich. Es geht um unsere Existenz. Wir möchten das Leben wählen, den Frieden in uns selbst durch die Schwierigkeiten hindurch, aber manchmal sind wir dazu nicht in der Lage. Ohne internationale Unterstützung wird es nicht gelingen, die Situation für alle Menschen in unserer Region in eine andere, lebenswerte Weise zu verwandeln. Lebenswert bedeutet, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Es ist wichtig, eine echte Staatsbürgerschaft zu erhalten, die nicht durch Besatzung oder Extremismus in Bezug auf Geschlecht, Religion oder ethnische Zugehörigkeit bedroht ist.

"Frieden wird niemals geschehen, wenn er nur aus theoretischen Vereinbarungen besteht"

Welche Rolle könnte die internationale Gemeinschaft einnehmen, um Frieden im Heiligen Land zu fördern?

Bischof Haddad: Die Einstellung muss sich ändern. Bisher versucht die internationale Gemeinschaft, dem Frieden näherzukommen, indem sie Abkommen und politisch akzeptierte Formulierungen verfasst. Aber Frieden wird niemals geschehen, wenn er nur aus theoretischen Vereinbarungen besteht. Abkommen müssen vor Ort in die Praxis umgesetzt werden und sie müssen praktikabel und lebbar sein. Frieden muss umgesetzt werden. Und manchmal braucht es äußeren Druck, damit Konfliktparteien Schritte in Richtung Frieden gehen.

Was gibt Ihnen Hoffnung, in einer Situation, die wenig Hoffnung verspricht?

Bischof Haddad: Hoffnung ist nicht die Abwesenheit von Verzweiflung. Hoffnung ist auch kein Wunsch, kein Traum oder eine Theorie. Weil wir in harten Zeiten leben, wird Hoffnung zu einer Entscheidung, zu einer Entscheidung des Glaubens. Zu hoffen bedeutet, sich vorzubereiten auf ein besseres Morgen.

So lässt sich Hoffnung im realen Leben umsetzen, gegen alle Verzweiflung, gegen alle Widerstände, gegen alle Hindernisse. Was mir Hoffnung gibt, ist, wenn Menschen immer noch lachen können in einer Zeit, in der das Leben vielfach trostlos ist. Und wenn Menschen uns besuchen, für uns beten und ich konkret für uns einsetzen. Denn das Leben wird getragen durch Hoffnung. Deshalb bleiben wir vor Ort.

Zur Person: Seit Januar 2026 ist Dr. Imad Haddad der Bischof der Evangelische Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land (ELCJHL) mit Sitz in Jerusalem. Er stammt aus Beit Jala und wurde 2008 ordiniert. Seine bisherigen Stationen umfassen Pfarrdienste in Beit Sahour und Ramallah, bevor er 2020 nach Amman wechselte. Im Mai 2025 erhielt er die Doktorwürde vom United Lutheran Seminary in Gettysburg/Philadelphia (USA). Haddad ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er folgte im Bischofsamt auf Dr. Sani Ibrahim Azar, der die ELCJHL seit 2018 leitete.