Ostern und Ramadan im Schatten des Krieges

Felsendom mit goldener Kuppe
Elias Feroz
Der Felsendom in Jerusalem steht auf dem Tempelberg.
Religiöse Feiern in Jerusalem
Ostern und Ramadan im Schatten des Krieges
Wie leben, beten und feiern Menschen ihre Religion, wenn ständig die Gefahr besteht, dass eine Bombe einschlagen könnte? Wie gehen jüdische, muslimische oder christliche Gläubige damit um, wenn sie ihre heiligen Stätten nicht wie gewohnt besuchen können? Evangelisch.de-Autor Elias Feroz gibt Einblicke in einen schweren Alltag, der alle betrifft.

Die Kultur- und Heiligenstätten in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten mussten bereits seit Beginn des Gazakrieges bei den Besucherzahlen stark einbüßen. Nun, mit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran hat die Situation jedoch ein ganz neues Ausmaß angenommen.

Die Altstadt in Jerusalem gleicht einer Geisterstadt. Die meisten Märkte in der Altstadt sind geschlossen und Gläubigen wird auch der Zugang zur Al-Aqsa-Moschee verwehrt. Seit über einem Monat fanden keine Freitagsgebete mehr dort statt.

"Die Situation ist momentan sehr schwierig, weil wir das Al-Aqsa-Gelände nicht betreten dürfen", erzählt Arafat Amro, der mehr als 15 Jahre im Islamischen Museum der Al-Aqsa-Moschee gearbeitet hat. Gerade für Personen, die ihren Lebensunterhalt in der Altstadt verdienen, ist die Lage katastrophal. Die israelischen Behörden haben die Sperrung der Al-Aqsa-Moschee im besetzten Ostjerusalem nun mindestens bis zum 15. April verlängert. Ob das muslimische Gotteshaus nach diesem Datum tatsächlich wieder zugänglich sein wird oder ob die Schließung erneut ausgeweitet wird, ist unklar. Seit der israelischen Besetzung Ostjerusalems im Jahr 1967 war die Moschee noch nie über einen derart langen Zeitraum für muslimische Gläubige gesperrt.

Streit um den Zugang zu den Heiligtümern

Die offizielle Hüterschaft über die muslimischen und christlichen heiligen Stätten in Jerusalem hat das jordanische Königshaus, die in einem spannungsgeladenen politischen Umfeld ausgeübt wird. In dieser Funktion finanziert und verwaltet Jordanien über die Waqf-Behörde ("Waqf" ist arabisch und kann mit "Stiftung" übersetzt werden) die Instandhaltung sowie die Aufsicht des Al-Aqsa-Geländes und weiterer religiöser Orte. Diese Aufsicht stößt jedoch immer wieder an ihre Grenzen, da Israel ihre praktische Ausübung sowohl in der Vergangenheit als auch gegenwärtig einschränkt.

Die israelische Regierung rechtfertigt die Ende Februar, nach dem Angriff auf den Iran, verhängte Maßnahme mit Sicherheitsvorgaben des Heimatfront-Kommandos, die große Menschenansammlungen untersagen. Auch das jüdische Pessach-Fest, das an die in der Bibel beschriebene Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei erinnert, steht im Schatten des Krieges. Da die traditionellen Feierlichkeiten wie die Pilgerfahrt zur Klagemauer unter die strengen Versammlungslimits des Heimatfront-Kommandos fallen, bleibt der Zugang zum Heiligtum des Judentums ebenfalls stark reglementiert.

Die Sicherheitsmaßnahmen sind nicht unbegründet: Erst unlängst schlugen etwa iranische Raketensplitter in der Jerusalemer Altstadt ein. Obwohl es bei diesem Vorfall keine Verletzten gab, verdeutlichte er die Gefahr für die historischen Viertel, die kaum über moderne Schutzbunker verfügen. Viele Palästinenser:innen sehen die Blockierung des Tempelbergs und der Al-Aqsa-Moschee durch die israelischen Behörden jedoch auch als Provokation. Verstärkt wird dieses Gefühl durch Äußerungen des rechtsextremen israelischen Ministers Itamar Ben-Gvir, der in der Vergangenheit immer wieder mit Forderungen nach der Errichtung eines Dritten Jüdischen Tempels auf dem Gelände für massive Spannungen sorgte. 

Die Altstadt von Jerusalem in der Dunkelheit.

Zwischen Al-Aqsa und jüdischer Tempelsehnsucht

Der Tempelberg in Jerusalem, auf Arabisch als Haram al-Scharif bezeichnet, zählt zu den religiös bedeutendsten Orten für Juden, Muslime und Christen. Die Al-Aqsa-Moschee gilt als drittwichtigste Moschee des Islams. Der islamischen Überlieferung zufolge begann von hier die Himmelsreise des Propheten Mohammad. Zugleich befanden sich an diesem Ort die beiden Tempel des antiken Judentums, von denen der Zweite Tempel im Jahr 70 n. Chr. durch die Römer zerstört wurde. Nach der traditionellen jüdischen Lehre ist die Errichtung des Dritten Tempels eng mit der Ankunft des Messias verknüpft. 

Zwischen der zionistischen Siedlerbewegung, der auch Ben-Gvir angehört, und der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde gibt es in dieser Hinsicht einen tiefen Riss, was den Umgang mit dem Tempelberg anbelangt. Die große Mehrheit der ultraorthodoxen Rabbiner lehnt nämlich das Betreten des Tempelbergs und erst recht den Bau eines Tempels durch Menschenhand strikt ab. Der Bau des Tempels sei demnach ein göttlicher Akt, der in der Zukunft liege. Ben-Gvir hingegen verfolgt eine radikal andere Linie. Er versteht den Ort als politisches Machtzentrum und fordert eine aktive jüdische Übernahme, um die messianische Ära durch menschliches Handeln und staatliche Souveränität voranzutreiben. Dieser Gegensatz führt dazu, dass Ben-Gvirs Vorstöße auf dem Tempelberg nicht nur Muslime provozieren, sondern auch von vielen traditionellen Rabbinern als schwere Sünde scharf kritisiert werden.

Gottesdienst im Ausnahmezustand

Für die muslimische Bevölkerung Jerusalems, aber auch anderer Städte waren diese Einschränkungen insbesondere während des Fastenmonats Ramadan schmerzlich – einer Zeit, die traditionell der intensiven spirituellen Einkehr und dem gemeinsamen Gebet gewidmet ist. Auch zum Fest des Fastenbrechens (arabisch: Eid al-Fitr) blieb ihnen der Zugang verwehrt. Berichten zufolge wurden Gläubige teils gewaltsam am Betreten der Altstadt gehindert. Tausende Menschen verrichteten ihr Festgebet deshalb unter freiem Himmel in der Nähe des Damaskustors, eines der Eingangstore zur Altstadt, außerhalb der Stadtmauern.

Auch christliche heilige Orte in Jerusalem bleiben von den aktuellen Spannungen nicht unberührt. Am 29. März 2026 kam es zu einem historischen Präzedenzfall: Die israelische Polizei verweigerte dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, den Zugang zur Grabeskirche, die im Christentum als Ort der Kreuzigung und Auferstehung Jesu gilt. Pizzaballa wollte dort die traditionelle Palmsonntagsmesse feiern. Trotz der Einhaltung aller Sicherheitsvorgaben wurde die Delegation auf ihrem privaten Weg zur Kirche gestoppt und zur Umkehr gezwungen. Der Fall sorgte international für viel Kritik.

Infolge der Kritik intervenierte der israelische Präsident Isaac Herzog und äußerte sein Bedauern auf X bezüglich des Vorfalls. Dem Patriarchen wurde schließlich der Zugang für weitere Gottesdienste gestattet. Die israelische Polizei teilte daraufhin auf ihrer offiziellen Webseite mit, dass man sich mit Kardinal Pizzaballa auf einen Rahmen für die anstehenden Osterzeremonien verständigt habe, die in einem "symbolischen und begrenzten Format" stattfinden sollen. Auch Vatican News bestätigte diese Einigung zwischen dem Lateinischen Patriarchat und den israelischen Behörden, wies jedoch darauf hin, dass die kriegsbedingten Beschränkungen bestehen bleiben und die Liturgien für Gläubige weltweit per Livestream übertragen werden. 

 

Die Lage in den palästinensischen Gebieten

Während der Krieg mit dem Iran die gesamte Region überschattet, trifft er Palästinenser:innen in den von Israel besetzten Gebieten auf besonders existenzielle Weise: Im Gegensatz zur israelischen Zivilbevölkerung verfügen die Menschen in Städten wie Bethlehem kaum über eine vergleichbare Schutzraum-Infrastruktur, wie Pater Issa Thaljieh, der der griechisch-orthodoxen Gemeinde Bethlehems angehört, im Interview erzählt. "Zwar finden die Gottesdienste in Bethlehem statt, doch die Atmosphäre ist von Furcht und Trauer geprägt. Da es keine öffentlichen Schutzbunker gibt, bleibt den Gläubigen bei Alarm oft nur die Flucht in Gebäude, möglichst entfernt von Fenstern und Außenwänden, die bei Einschlägen oder dem dabei entstehenden Druck zerstört werden könnten", erzählt der Pater.

Zudem bleibt die Situation im Gazastreifen trotz der im Oktober angekündigten Waffenruhe prekär und fordert seitdem hunderte Todesopfer. "Ich stehe mit dem dortigen Priester in Verbindung", erzählt der Pater. "Er schilderte mir, dass die Lage nach wie vor schwierig ist. Man könne in der Umgebung immer wieder Explosionen hören", fügt er hinzu. Damit bleibt das diesjährige Osterfest für die christliche Minderheit – wie auch die beinahe zeitgleichen stattfindenden Feste der anderen Weltreligionen – von einer tiefen Ungewissheit geprägt.

Hinweis: Eine Radioreportage vom Deutschlandfunk gibt einen akustischen Eindruck in den Geschäftsalltag in Jerusalems Altstadt.