Am Rhein heißt es Karneval, in Bayern und Norddeutschland Fasching, im Südwesten Fastnacht. Doch was alle Regionen gemeinsam haben: Überall verkleiden sich jetzt in der heißen Phase der tollen Tage nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene.
Der Psychologe Karl-Heinz Renner, Professor an der Universität der Bundeswehr in München, erklärt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), woher die Lust am Verkleiden kommt. Und ob die Verkleidung auch einen Einfluss auf das Verhalten der Person hat, die sich kostümiert.
epd: Herr Renner, vor allem in den Faschings- und Karnevals-Hochburgen begegnen uns in diesen Tagen Scharen von Menschen in Kostümen. Da laufen Piraten, Märchenfiguren, Funkenmariechen, Superhelden, Prinzessinnen, Clowns und Tiere aller Art durch die Straßen. Woher kommt aus ihrer Sicht diese Lust am Verkleiden?
Karl-Heinz Renner: Das hängt unter anderem mit Konventionen und kulturellen Prägungen zusammen. In bestimmten Regionen ist das Verkleiden jetzt einfach üblich, beispielsweise im Rheinland. Da wirkt vielleicht auch Gruppendruck: Man will nicht ausgeschlossen, kein Spielverderber sein und verkleidet sich, weil es alle anderen auch tun. Spaß ist auch wichtig - und Kreativität, die sich in besonders originellen Kostümen ausdrückt. Ich erinnere mich unter anderem an ein Paar auf einem Karnevalszug in Düsseldorf, das sich als Badezimmer verkleidet hat, mit einem Klodeckel, den sie sich umgehängt haben.
"Nicht ernst gemeint"
Wichtig ist aber auch: In Verkleidungen lässt sich eine neue Identität ausprobieren, so etwas wie ein Rollenspiel im Schutzraum der Verkleidung. In der Psychologie sprechen wir von potenziellen Selbst- oder Idealbildern. Wenn die probeweise Umsetzung funktioniert, umso besser. Wenn nicht, lässt sich immer noch sagen: Das war die Rolle, die ich gespielt habe, das war Spaß, das war nicht ernst gemeint. So hat man dann einen gewissen Freiraum, in dem Verhaltensweisen ausprobiert werden können, in einem bestimmten Rahmen auch über die Stränge geschlagen werden darf. Das hat aber Grenzen, etwa wenn sexuelle Belästigungen und Übergriffe auftreten, die es im Karneval leider auch gibt und bei denen Verkleidungen und die Anonymität von Maskierungen missbraucht werden.
Hat das Verkleiden Geschichte?
Renner: Ja, Verkleidungen gibt es schon seit Jahrtausenden - und in ganz unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Zielen. Wir kennen das beispielsweise aus keltischen Riten, die Verkleidungen genutzt haben, um den Winter zu vertreiben. In den römischen Saturnalien, Roms wichtigstem Volksfest zu Ehren des Gottes Saturn, wurde die etablierte Ordnung vorübergehend außer Kraft gesetzt, die soziale Ordnung umgekehrt. Dann haben die Herren die Sklaven bedient. Diese Idee der Umkehr, die Möglichkeit, mal jemand ganz anderes zu sein, die sehen wir bis heute im Karneval.
Hat dabei die Verkleidung einen Einfluss auf das Verhalten?
Renner: Es ist ja meist nicht ganz zufällig, dass man eine bestimmte Verkleidung wählt, als Superheld, als Luke Skywalker oder auch als Star wie Lady Gaga. In der Psychologie haben wir einen Forschungszweig, der sich Enclothed Cognition nennt. Da geht es um die Grundidee, dass Kleider, die man trägt, über ihre symbolische Bedeutung auf kognitive Prozesse wirken, auf Stimmungen, Aufmerksamkeit, Verhaltensweisen.
In Versuchen hat man tatsächlich Effekte gefunden, etwa durch einen Kompetenz symbolisierenden weißen Arztkittel, mit dem Probanden bessere Konzentrations- und Aufmerksamkeitsleistungen erzielt haben als im Maleroverall. Das hat gezeigt: Formelle Kleidung wie ein Arztkittel kann Gefühle von Macht und Selbstvertrauen steigern. Und Verkleidungen können etwas über die Wünsche und Ideale aussagen, die eine Person hat.
Kleider machen Leute
Da ist also was dran an dem Satz: Kleider machen Leute?
Renner: Absolut. Kleider machen Leute - in dem Satz steckt ein Kern Wahrheit. Das sind zwar keine großen Effekte, da ist man kein ganz anderer Mensch. Aber es hat schon Auswirkungen, die individuell verschieden sein können. Ein Gedanke dazu: Wenn mich ein Mitarbeitender fragt, was er oder sie zum ersten englischsprachigen Vortrag auf einer internationalen Tagung anziehen soll, dann rate ich: Überleg doch mal, in welcher Kleidung du dich wohl und sicher fühlst.
Wo hört Kleidung auf und wo fängt Verkleidung an?
Renner: Die Übergänge sind sicher fließend. Und das ist natürlich sehr subjektiv. Auch wenn sich die Regeln vielfach gelockert haben, so gibt es ja immer noch berufliche Zusammenhänge mit starken Konventionen, was Frauen und Männer zu tragen haben - Frauen im Business-Kostüm, Männer mit Krawatte. Subjektiv können sich in diesen Kontexten Personen schon verkleidet fühlen, obwohl sie nur Konventionen erfüllen. Andererseits kann man es auch genießen, sich mal schick anzuziehen, wenn man in die Oper geht, ins Konzert, oder ins Theater.
Nachlässigkeit als Signal
Wie sehr das Milieu mit den damit zusammenhängenden Konventionen die Kleidung prägt, habe ich exemplarisch mal in einer Kommission mit Juristen, Sozialwissenschaftlern, Mathematikern und Naturwissenschaftlern beobachten können. Die Gruppen konnte man ziemlich trennscharf an ihrer Kleidung unterscheiden. Die Juristen hatten alle einen Anzug an, mit Krawatte. Mathematiker und Naturwissenschaftler trugen schlabberige Sweatshirts und Jeans. Die Sozialwissenschaftler waren irgendwo dazwischen, kamen schon mit Sakko und Hemd, aber ohne Krawatte.
Im Grunde kann die etwas nachlässige Kleidung, die einige Mathematiker vielleicht tragen, auch als eine Art Verkleidung interpretiert werden, die signalisiert: Schaut mal, meine Kleidung und mein Aussehen sind nicht so wichtig. Ich bewege mich in höheren geistigen Sphären. Für mich ist die abstrakte Schönheit der Mathematik das Entscheidende.


