Als am 3. Oktober bekanntgegeben wurde, dass Sarah Mullally die Nachfolgerin des zurückgetretenen Justin Welby antreten wird, war das ein Meilenstein für die Church of England. Erst seit 20 Jahren weiht die Church of England Frauen zu Bischöfinnen. Nun steht zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Kirche.
In einem Gottesdienst in der Londoner St. Paul’s Cathedral wird heute (28. Januar) offiziell die Wahl des Domkapitels von Canterbury bestätigt. Da Sarah Mullally bisher die Bischöfin von London war, auch in diesem Amt war sie die erste Frau, wird sie in diesem Gottesdienst, wie es die Church of England formuliert, als Bischöfin von London in die Kirche einziehen und als Erzbischöfin von Canterbury am Schluss des Gottesdienstes ausziehen.
Justin Welby war am 12. November 2024 als Erzbischof von Canterbury zurückgetreten, nachdem in einem Untersuchungsbericht deutlich geworden ist, dass er im Umgang mit den Missbrauchsfällen durch John Smyth falsch gehandelt hat. Erst hatte er nach der Veröffentlichung des Berichts einen Rücktritt abgelehnt, um Verantwortung im Amt zu übernehmen. Nachdem der Druck innerhalb und außerhalb der Kirche enorm gestiegen war, erklärte er nach einem Gespräch mit König Charles III., dem Supreme Governor der Church of England seinen Rücktritt. Seine Amtszeit als Erzbischof von Canterbury und Primas von ganz England endete vor etwas mehr als einem Jahr zum Epiphanienfest am 06. Januar 2025. Seitdem leitete Stephen Cottrell, als Erzbischof von York und Primas von England die zweithöchste geistliche Autorität innerhalb der Church of England, die Kirche und die Anglikanische Gemeinschaft.
Bevor sich Sarah Mullally dazu entschied, Priesterin zu werden, absolvierte sie ein Studium, um als Krankenschwester zu arbeiten. Nach Stationen in verschiedenen Krankenhäusern übernahm sie die Position der Chief Nursing Officer im englischen Gesundheitssystem NHS (National Health Service). In diesem Amt war sie für die Beratung, Ausbildung und Leitung des Pflegepersonals in England verantwortlich. Für ihren Dienst im Gesundheitssektor wurde sie von Queen Elizabeth II. 2005 zur Dame Commander oft he Order oft he British Empire ernannt, seitdem sie den Titel "Dame" vor ihrem Namen trägt. Ihren Job innerhalb des NHS gab sie mit ihrer Weihe zur Priesterin in der Church of England auf.
Doch die Wahl von Sarah Mullally hat die Anglikanische Gemeinschaft vor große Probleme gestellt. Insbesondere die, vor allem afrikanischen und asiatischen, Kirchen innerhalb der Global Fellowship of Confessing Anglicans (GAFCON) akzeptieren die Wahl nicht. Dabei stellt aus ihrer Sicht einerseits das Geschlecht von Sarah Mullally, als auch ihre theologische Positionierung (zum Beispiel in Bezug auf die LGBTQ-Community) ein großes Hindernis für ihr Amt dar. So sprach die GAFCON von ihrer "Trauer" über die Wahl Mullallys und sagte, dass die Church of England damit gezeigt habe, dass sie ihre Autorität zur Leitung innerhalb der Anglikanischen Gemeinschaft verloren hat. Auch der Primas der Anglikanischen Kirche Ugandas, Stephen Kaziimba, kritisierte Sarah Mullally und ihre Ernennung. Die Situation mache ihn traurig, da ihre theologischen Ansichten deutlich machten, dass sie sich von traditionellen anglikanischen Werten, die die Autorität der Schrift für Glauben und Leben hochhalten würden.
Andere, wie zum Beispiel Emily Onyango, die erste Bischöfin der Kirche Kenias, hat die Personalentscheidung positiv gewürdigt, da nun Dinge anders gemacht werden würden und man wisse, dass es Gerechtigkeit in der Kirche geben werde. Auch der Erzbischof von Cape Town in Südafrika zeigte sich erfreut und sagte, dass die Wahl Mullallys eine aufregende Entwicklung sei.
Nach der heutigen Bestätigung ihrer Wahl in London fehlt zur vollen Amtsübernahme noch die offizielle Einführung in ihr neues Amt in Canterbury, die für den März geplant ist.


