"Ich hoffe, wieder nach Venezuela zurückzukehren"

Ein Motorradfahrer fährt an einem Graffiti vorbei, das den ehemaligen venezolanischen Präsidenten Maduro an einer Wand in Caracas darstellt.
Cristian Hernandez/AP/dpa
Aktuell wird weltweit von der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro Maduros berichtet – nur innerhalb Venezuelas nicht, sagt die angehende Journalistin Isabella Terán im Interview mit evangelisch.de.
Wie geht es weiter, Venezuela?
"Ich hoffe, wieder nach Venezuela zurückzukehren"
Nach dem US-Angriff auf Venezuela und der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro bleibt die Lage im Land angespannt. Während die Interimsregierung unter Delcy Rodríguez damit beginnt, politische Gefangene freizulassen, sind Kritiker noch immer entsetzt über die völkerrechtswidrigen US-Einsätze. evangelisch.de-Redakteurin Alexandra Barone hat mit Isabella Terán gesprochen, einer gebürtigen Venezolanerin und angehenden Journalistin, die seit 2017 in Deutschland lebt.

Isabella Terán kommt aus Venezuela und ist 2017 aufgrund der schwierigen politischen und sozioökonomischen Lage nach Deutschland ausgewandert. In diesem Jahr schloss sie ihr Studium der Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main ab.

Aktuell ist sie Teil des journalistischen Ausbildungsprojekts Medienstarter in Frankfurt, wo sie ihren Weg in den Journalismus fortsetzt. Mit evangelisch.de spricht sie über die derzeitige Situation in Venezuela, ihre Sorgen und Hoffnungen.

evangelisch.de: Der US-Angriff auf Venezuela hat die Welt überrascht. Kam es tatsächlich überraschend oder war davor etwas zu spüren in Venezuela? 

Isabella Terán: Ende letzten Jahres gab es bereits Hinweise auf zunehmende Spannungen zwischen Venezuela und den USA, und diese Anspannung war auch im Land deutlich spürbar. Trump hatte seinen Kampf gegen den Drogenhandel in Venezuela angekündigt und US-Schiffe an die venezolanische Küste entsendet. Viele Menschen ahnten dann schon, dass es irgendwann zu einer Invasion bzw. zu einem Angriff kommen könnte, ohne zu wissen, was von einem Tag auf den anderen passieren würde.

Isabella Terán ist gebürtige Venezolanerin und Teil des journalistischen Ausbildungsprojekts Medienstarter in Frankfurt am Main, wo sie ihren Weg in den Journalismus fortsetzt.

Auch meine Eltern in Venezuela haben mir immer wieder gesagt, wie angespannt sie täglich waren und wie groß die Unsicherheit darüber war, was als Nächstes kommen könnte. Der sogenannte "Angriff", den ich und viele Venezolaner:innen allerdings nicht als Angriff, sondern eher als Festnahme des Diktators wahrnehmen, hat uns dennoch überrascht und schockiert. Gleichzeitig hielten viele ein solches Szenario bereits für möglich.

Wie stehen die Venezolaner bzw. Deine Familie und Freunde zu den USA und Trump? Hat der Angriff Erleichterung gebracht? Sorgen sie sich um die Zukunft?

Terán: Die Festnahme des Diktators Maduro hat uns alle zunächst schockiert, danach kam aber auch Freude auf. Es ist, denke ich, normal, sich über die Festnahme eines Diktators zu freuen, der ein Land zerstört, unermessliches Leid verursacht und für Tötungen sowie die Flucht von Millionen Venezolaner:innen verantwortlich ist.

Doch sehr schnell folgte die Unsicherheit: Was kommt jetzt? Ist Trump die Freiheit und Demokratie Venezuelas wirklich wichtig? Ich spreche bewusst von Trump, weil seine Politik aus meiner Perspektive oft eher von eigenen Interessen als vom Wohl anderer Länder geprägt wirkt.

"Demokratie spielte für Maduro und sein Regime keine Rolle – jetzt hoffen wir, dass sie zumindest für Trump und die USA nicht in Vergessenheit gerät"

Wir Venezolaner:innen dürfen uns über die Festnahme Maduros freuen, das bedeutet aber nicht, dass wir Trump oder seine Politik unterstützen oder die Zukunft nun als einfach sehen. Unsere Priorität ist ein möglichst schneller demokratischer Übergang, der vor allem dem venezolanischen Volk dient.

Demokratie spielte für Maduro und sein Regime keine Rolle – jetzt hoffen wir, dass sie zumindest für Trump und die USA nicht in Vergessenheit gerät. Im Jahr 2024 hat das venezolanische Volk Edmundo González Urrutia zum Präsidenten gewählt. Das zu ignorieren, ist kein demokratisches Handeln.

Die venezolanischen Regierung hatte angekündigt, bis zu 400 politische Gefangene freizulassen, die Organisation für Presse- und Meinungsfreiheit Espacio Público begrüßte das. Deine Mutter ist Journalistin. Wie war die Situation der Journalisten in Venezuela vor dem US-Angriff? Was erhoffen sich Deine Mutter und ihre Kollegen von der Zukunft?

Terán: Die Regierung hat die Freilassung "einer großen Anzahl" politischer Gefangener angekündigt, doch bislang ist dies kaum umgesetzt worden. Laut Medienberichten wurden bisher nicht einmal ein Prozent der politischen Gefangenen freigelassen. Freiheit wird nicht angekündigt – sie wird umgesetzt. Dieses Vorgehen der Regierung ist jedoch nicht neu. Deshalb fordern wir weiterhin die Freilassung aller politischen Gefangenen, unter denen sich auch viele Journalist:innen befinden.

"Journalist:innen leben in ständiger Angst, etwas 'Falsches' zu sagen und können ihren Beruf nicht frei ausüben"

In Venezuela gibt es seit Langem keine Presse- und Meinungsfreiheit mehr. Davon sind Journalist:innen besonders betroffen. Zensur gehört zum Alltag, kritische Berichterstattung über die Regierung ist praktisch unmöglich, ohne persönliche Konsequenzen zu riskieren - von Entlassung bis hin zur Festnahme. Journalist:innen leben in ständiger Angst, etwas "Falsches" zu sagen und können ihren Beruf nicht frei ausüben.

Auch aktuell wird weltweit über die Festnahme Maduros berichtet – nur innerhalb Venezuelas nicht. Meine Mutter selbst wurde mehrfach zensiert, festgenommen und später wieder freigelassen. Für Journalist:innen ist es extrem frustrierend, nicht frei arbeiten zu können und ständig Angst vor Repressionen zu haben. Für die Zukunft hoffen sie auf ein demokratisches Land, in dem sie ihren Beruf frei und ohne Angst ausüben können.

"Durch meine Erfahrungen in Venezuela habe ich erkannt, wie wichtig Journalismus für die Demokratie eines Landes ist"

Warum willst Du Journalistin werden – was beeindruckt Dich an dem Beruf am meisten?

Terán: Meine Mutter als Journalistin zu erleben und sie als Vorbild zu haben, hat mich schon früh zu diesem Beruf geführt. Durch meine Erfahrungen in Venezuela habe ich erkannt, wie wichtig Journalismus für die Demokratie eines Landes ist. Journalismus ermöglicht Meinungsvielfalt und fördert den Dialog, etwas, das meiner Meinung nach heute in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft wichtiger ist denn je.

Mich beeindruckt besonders die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erklären und Demokratie zu schützen. Und letztlich gibt es kaum etwas Besseres, als sich intensiv mit unserer Welt auseinanderzusetzen und das als Beruf ausüben zu dürfen.

"Zum ersten Mal seit 26 Jahren Diktatur habe ich die Hoffnung, dass sich die Situation im Land tatsächlich verbessern könnte. Vielleicht sogar so weit, dass ich mir vorstellen kann, eines Tages zurückzukehren"

Wie ändert die jetzige Situation in Venezuela Deine Arbeit als Journalistin?

Terán: Zum ersten Mal seit 26 Jahren Diktatur habe ich die Hoffnung, dass sich die Situation im Land tatsächlich verbessern könnte. Vielleicht sogar so weit, dass ich mir vorstellen kann, eines Tages zurückzukehren und meinen Beruf dort in einem freien Venezuela auszuüben. Die Lage in Venezuela und meine Auswanderung haben mich stark geprägt. Ich glaube, ich blicke dadurch anders auf die Welt als viele andere.

Es ist nicht leicht, allein in einem anderen Land zu leben und für die eigenen Träume zu kämpfen, aber es ist auch eine große Bereicherung. Ich kenne heute zwei sehr unterschiedliche Länder und Kontinente und habe vielfältige Erfahrungen gesammelt. Ich weiß die Pressefreiheit sehr zu schätzen und sehe es als Aufgabe des Journalismus und auch meiner eigenen Arbeit, Wahrheit sichtbar zu machen und Demokratie zu schützen.

Nach der US-Militäroperation in Venezuela gibt es auch in Kolumbien Angst vor einem Eingreifen der Vereinigten Staaten, zumal Präsident Trump Kolumbien bereits mehrmals gedroht hat. Wie schätzt Du das ein?

Terán: Ich glaube nicht, dass Trump derzeit eine Operation in Kolumbien beginnen wird. Ich kann mir eher vorstellen, dass solche Aussagen Teil seiner politischen Rhetorik sind, auch um seine Macht zu demonstrieren und sein Handeln nicht infrage stellen zu lassen.

Natürlich wäre es äußerst problematisch, wenn die USA beginnen würden, in mehreren Ländern militärisch einzugreifen. Gleichzeitig ist es schwer vorherzusagen, wie sich die US-Politik entwickeln wird. Im Moment bleibt vielen Ländern nur, abzuwarten und auf das Beste für das eigene Land zu hoffen.

In der Nacht zum 3. Januar 2026 haben die USA Venezuela angegriffen. Wie die Zeit berichtete, wurde der venezolanische Präsident Nicolás Maduro entführt und außer Landes gebracht. Ihm soll in New York der Prozess gemacht werden. US-Präsident Donald Trump kündigte an, dass die USA Venezuela bis auf Weiteres selbst führen werden. Zudem sollen die USA Zugriff auf Venezuelas Ölindustrie erhalten.

Seit September 2025 griff die US-Armee immer wieder angebliche Drogenschmuggelboote Venezuelas an. Unter Kritikern gelten die Einsätze als völkerrechtswidrig. Das oberste Gericht Venezuelas hat Delcy Rodríguez, die bisherige Vizepräsidentin, vorübergehend zur Interimspräsidentin ernannt. Die venezolanischen Streitkräfte stellten sich hinter Rodríguez.