Der Hunger der Deutschen nach Krimis ist offenbar unstillbar. Das Phänomen ist natürlich nicht neu, aber in den letzten Jahren scheint das Angebot dank "True Crime"-Podcasts und entsprechender TV-Dokus noch mal größer geworden zu sein.
Eine Erklärung für den Erfolg ist neben der hierzulande ähnlich ausgeprägten Freude am Rätseln und Knobeln sicher auch das wohlige Gruseln. Das gilt gerade für Geschichten über Serienmorde, zumal es dabei immer auch um Macht geht, erst recht, wenn der Ermittler unmittelbar betroffen ist; und das ist der Ansatz dieses sehenswerten Auftakts zur neuen RTL-Krimireihe "Haveltod".
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Zumindest aus Sicht des Senders steht jedoch der Hauptdarsteller im Vordergrund. Wer es geschafft hat, in den letzten gut dreißig Jahren nie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zu sehen, wird Wolfgang Bahro womöglich gar nicht kennen, denn außerhalb der 1992 gestarteten täglichen Serie (er ist seit 1993 als Anwalt Jo Gerner dabei) ist er zumindest im Fernsehen tatsächlich nur selten zu sehen; und das ist, wie sich nun zeigt, durchaus bedauerlich.
Der Berliner, neben "GZSZ" regelmäßig auf den Bühnen seiner Heimatstadt aktiv, spielt einen Profiler, der sich vor einigen Jahren aus der Polizeiarbeit zurückgezogen hat: Der schwerkranke Mörder einer jungen Sportlerin hatte sich gestellt und die Tat gestanden; kurz drauf ist er in der Untersuchungshaft gestorben. Armin Weber hatte erhebliche Zweifel, aber die Akte wurde geschlossen. Seither unterrichtet der Kriminaldirektor an der Potsdamer Polizeiakademie.
Kürzlich ist ein Bestseller über seine spektakulärsten Fälle erschienen, "Im Kopf eines Killers"; darin geht es unter anderem um den Tod der Sportlerin. Den Mörder beschreibt er als Mann von minderer Intelligenz. Das lassen sich Narzissten erfahrungsgemäß nicht zweimal sagen, und tatsächlich weist ein aktueller Mordfall eindeutige Parallelen auf: Zumindest im Krimi hinterlassen Serienkiller gern eine Art Signatur. Deshalb vermutet der zuständige Ermittler, dass es sich bei dem Mörder einer Studentin, die erdrosselt im Glockenturm der Heilandskirche am Port von Sacrow entdeckt wird, um den gleichen Täter handelt.
Damit ist "Haveltod" bei der zweiten interessanten Personalie, die diesmal jedoch rein inhaltlicher Natur ist: Der Kommissar ist Webers Sohn Gregor (Felix Kreutzer). Die beiden haben damals zunächst gemeinsam ermittelt, doch dann hat Armin dafür gesorgt, dass Gregor versetzt wird, was der ihm nie verziehen hat; seither hatten sie kaum Kontakt.
Nun müssen sie sich notgedrungen zusammenraufen, und natürlich kommt es immer wieder zu Reibereien, weil Gregor das Gefühl hat, dass ihn sein Vater nach wie vor unterschätzt, obwohl Weber senior beim ersten Wiedersehen anerkennend feststellt: "wie der Vater, so der Sohn"; ein Satz, der im weiteren Verlauf des Films noch eine besondere Bedeutung bekommen wird. Zunächst will der ehemalige Profiler ohnehin nicht in die Ermittlungen einbezogen werden, aber dann fordert ihn der Mörder in Form eines grausigen Präsents quasi zum Zweikampf heraus.
Neben der abwechslungsreichen Handlung – Regisseur Andy Fetscher hat gemeinsam mit Willi Kubica und Florian Schumacher auch das Drehbuch geschrieben – fesselt "Im Kopf eines Killers" auch wegen der Umsetzung. Die rhythmische Musik (David Grabowski) sorgt gerade im Zusammenspiel mit der hochwertigen Bildgestaltung (Felix Poplawsky) nicht zuletzt dank kleiner Schockmomente für viel Spannung.
Weber bringt seinen Sohn am Abend nach Hause. Gregor bittet ihn zwar nicht rein, aber die Kamera bleibt trotzdem da, schwenkt in Richtung Gebüsch und erfasst eine düstere Gestalt, die das Haus beobachtet. Regelrecht entfesselt ist eine Szene, in der Gregor den vermeintlichen Täter durch ein Einkaufszentrum verfolgt. Der Mann hatte die Wohngemeinschaft des Opfers beobachtet. Die dank der Neonbeleuchtung recht bunte WG besteht ausschließlich aus jungen Männern und Frauen, die "Content" kreieren, aber längst nicht so viel Umsatz machen wie die tote Melina, die in ihren Videos stets verkleidet war; der Mörder muss gewusst haben, wer sich hinter der Maske verbarg.
Jenseits der hohen handwerklichen Qualität lebt "Im Kopf eines Killers" trotzdem in erster Linie vom Katz-und-Maus-Duell zwischen Profiler und Killer: Ein passendes Zitat aus Webers Buch ist der Startschuss zu einem packenden Finale, bei dem das Leben von Gregors Frau auf dem Spiel steht. Ansonsten kommen die weiblichen Mitwirkenden jedoch eindeutig zu kurz, einzig Sinje Irslinger kann als Gregors Partnerin ein paar heitere Akzente setzen; in dieser Hinsicht hat die Reihe erheblichen Nachholbedarf.


