Haben Bäume ein Bewusstsein?

Religionswissenschaftler und Pfarrer Simon Wiesgickl untersucht den Graben zwischen Mensch und Bäumen
epd-bild/privat
Simon Wiesgickl forscht über neuere ökologische Lesarten für biblische Texte, über den "Baum der Erkenntnis" aus dem Garten Eden hinaus.
Göttliche Bäume in der Bibel
Haben Bäume ein Bewusstsein?
Können Bäume zuhören oder Pflanzen Daten speichern? Der Religionswissenschaftler Simon Wiesgickl untersucht für seine Habilitation an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen (FAU), wie groß der Graben zwischen Mensch und Bäumen ist.

Menschen fühlen sich laut dem Religionswissenschaftler und Pfarrer Simon Wiesgickl instinktiv zu Bäumen hingezogen. Je gefährdeter der Wald sei, umso größer sei die Zuneigung der Menschen zu Bäumen, sagte Wiesgickl im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das bekannte Lied "Mein Freund, der Baum" (1968) oder der Kampf gegen das Waldsterben zeigten, "dass es in unserer Kultur ein ganz starkes Gefühl zu einzelnen Bäumen oder Baumarten gibt".

Wiesgickl forscht in seiner Habilitation an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen (FAU) unter anderem zum Bewusstsein von Bäumen. Wenn ein Bestsellerautor wie Peter Wohlleben sage, dass ihm sein neustes Buch eine Buche diktiert hat, findet Wiesgickl das nicht abseitig.

"Die kritische Frage lautet: Wie weit können wir Bäumen zuhören und ihre Sprache in die menschliche Sprache übersetzen", sagte er. "Gerade wird kulturwissenschaftlich darüber diskutiert, wie handlungsmächtig Pflanzen sind."

Er aber untersuche, inwieweit Bäume in der Literatur und religiösen Erzählungen mit eigener Stimme versehen und ihnen Intentionen, Bewusstsein oder Verantwortung zugeschrieben werden. Als Beispiel führt er unter anderem die Bibel an: In den biblischen Psalmen jubelten die Bäume Gott zu, und in der Offenbarung sei die Rede von Bäumen, deren Blätter zur Heilung der Völker beitragen. "Wenn man es also zuspitzen möchte, ist die Frage nicht, ob Bäume Handlungsmacht und Subjektstatus haben, sondern warum wir davon ausgehen, dass sie es nicht haben."

Religionswissenschaftler Wiesgickl forscht über biblische Baumbilder: In den Psalmen jubelten die Bäume Gott zu, und in der Offenbarung sei die Rede von Bäumen, deren Blätter zur Heilung der Völker beitragen.


Der Mensch habe sich erst in der Frühen Neuzeit als außerhalb der Natur stehend gesehen und nicht mehr als Teil von ökologischen Bezügen. Dagegen habe Wiesgickl in Nordindien bei indigenen Gemeinschaften erfahren, dass diese eine andere Mensch-Natur-Beziehung pflegen. "In vielen dort ist das mehr als Menschliche fester Bestandteil von Flüssen, Wäldern oder Bergen", erklärt er. In der Himalaja-Gegend liegt der Kangchenjunga, der dritthöchste Berg der Erde, der von der Volksgruppe der Rong als Bruder und Teil der Familie angesehen werde.

Ein weiteres Indiz für die enge Beziehung zwischen Mensch und Bäumen und die besondere Bedeutung von Bäumen sieht Wiesgickl auch im Christbaum: "Der Weihnachtsbaum ist in unserer Kultur jemand, für den wir Lieder wie 'O Tannenbaum' singen und von dem wir sogar etwas lernen können."