Der Titel ist nicht sexy, aber er passt perfekt: "Anatomie eines Falls" wirkt wie die Rekonstruktion eines authentischen Kriminalfalls. Das entsprechende TV-Genre heißt "True Crime", aber Regisseurin Justine Triet und ihr Koautor Arthur Harari erzählen eine fiktive Geschichte: Als ein Mann unter unklaren Umständen ums Leben kommt und ein Mord nicht ausgeschlossen werden kann, verdächtigt die Polizei umgehend die Ehefrau.
Das klingt äußerst überschaubar und wie die komprimierte Inhaltsangabe einer Krimiserien-Episode, aber der Film dauert zweieinhalb Stunden. Die Handlung trägt sich größtenteils an zwei Orten zu, hundert Minuten spielen allein im Gerichtssaal, und es wird praktisch unentwegt geredet. Trotzdem ist das Drama auch dank der fesselnden und streckenweise fast dokumentarisch anmutenden Umsetzung keine Minute zu lang, und das liegt vor allem an Sandra Hüller.
Die allein für "Toni Erdmann" mehrfach und insgesamt an die dreißig Mal für diverse Film- und Bühnenrollen ausgezeichnete Schauspielerin verkörpert eine erfolgreiche deutsche Schriftstellerin, die ihrem Mann zuliebe in dessen Heimat nahe Grenoble gezogen ist. Erst später trägt das Drehbuch nach, dass sich Sandra und Samuel entfremdet haben, seit der Sohn vor einigen Jahren bei einem Unfall einen großen Teil seines Augenlichts eingebüßt hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Zunächst äußert sich die tiefe Kluft zwischen dem Paar nur in lautstarker Musik: Mit einem immergleichen Stück in Dauerschleife sabotiert er ein Interview, das sie einer Studentin für deren Diplomarbeit geben soll. Weil ein Gespräch unmöglich ist, reist die junge Frau wieder ab; Sandra zieht sich mit Kopfhörern zurück. Als Sohn Daniel vom Hundespaziergang zurückkehrt, entdeckt er seinen Vater in einer Blutlache vor dem Haus; jede Hilfe kommt zu spät. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung finden sich Spuren eines Schlags auf den Kopf, Blutspritzer lassen in der Tat eine Gewalttat vermuten; es könnte sich aber auch um Suizid oder um einen Unfall gehandelt haben.
Was jetzt folgt, ist weniger die "Anatomie eines Falls", sondern die Sezierung einer Beziehung, die offenbar immer toxischer geworden ist. Höhepunkt der Gerichtsverhandlung ist das Abspielen eines Tondokuments: Samuel (Samuel Tehis) hat einen Tag vor seinem tödlichen Sturz heimlich einen Streit des Paars aufgezeichnet. Eine entsprechende Rückblende zeigt, wie die Auseinandersetzung abgelaufen ist: Er bezeichnet Sandra als Monster und wirft ihr vor, sie sauge ihn regelrecht aus.
Er müsse sich um den Sohn und das Haus kümmern und habe keine Zeit mehr, seinen eigenen literarischen Ambitionen nachzugehen, während sie immer erfolgreicher werde; für eins ihrer Bücher habe sie sogar eine Idee von ihm geklaut. Aus Sicht des sarkastischen Staatsanwalts (Antoine Reinartz) ist die Sache klar: Der Disput war bloß die Vorstufe zum Totschlag; so lautet auch die Anklage.
Perfiderweise bricht Triet den Bilderstrom mittendrin ab, nun ist nur noch die Tonspur zu hören: Der Ehekrach ist hörbar in heftige Handgreiflichkeiten ausgeartet, aber wer von wem geschlagen worden ist, bleibt ebenso offen wie die Umstände von Samuels Sturz. Beide Versionen, die Gewalttat ebenso wie ein Suizid, werden schlüssig im Rahmen von zwei Gutachten nachgestellt. Immer wieder scheint die Staatsanwaltschaft die besseren Argumente zu haben, aber Sandras Verteidiger (Swann Arlaud) entlarvt die Strategie seines Kontrahenten jedes Mal als reine Phantasmagorie aus wenigen Fakten und vielen Hypothesen.
Außerdem rückt nun mehr und mehr der Sohn in den Mittelpunkt: Der elfjährige Daniel muss als Prozesszeuge mitanhören, wie das Ansehen seiner Eltern in den Dreck gezogen wird. Bei der Rekonstruktion des Todestages hat er sich zwar in Widersprüche verwickelt, doch nun sorgt er überraschend dafür, dass die Ereignisse eine völlig unerwartete Wende nehmen.
Falls möglich, empfiehlt es sich, "Anatomie eines Falls" in der Originalversion zu sehen. Sandra spricht zwar auch französisch, aber nicht so gut, weshalb sich das Ehepaar auf Englisch verständigt hat; die Verhandlung ist jedoch auf Französisch, was die Schriftstellerin natürlich in eine schwächere Position bringt. Wie Sandra Hüller diese emotionale Achterbahn verkörpert, ist exzellent.
Für Triet hat sie schon als Nebendarstellerin in "Sibyl – Therapie zwecklos" (2016) mitgewirkt. Anders als bei Samuel Theis ist es kein Zufall, dass Rolle und Darstellerin den gleichen Vornamen haben: Die Regisseurin hat die Geschichte für Hüller entwickelt. Das Drama ist über drei dutzendmal ausgezeichnet worden, darunter gleich sechsmal mit dem Europäischen Filmpreis, unter anderem für Justine Triet und Sandra Hüller, die zudem für den "Oscar" nominiert war, und hat in Cannes 2023 die "Goldene Palme" als bester Film bekommen.

