Der Krimi macht seinem Titel alle Ehre: "Nachtschatten" ist ein weiterer düsterer "Tatort" aus Dresden. Der Film beginnt mit einer Flucht: Eine sichtlich verwirrte junge Frau mit Blut an der Kleidung bahnt sich wie von Dämonen verfolgt ihren Weg durch die abendliche Innenstadt und wird schließlich in Bahnhofsnähe aufgegriffen, weil sie plötzlich ein Messer in der Hand hat.
Nach und nach schält sich die Vorgeschichte heraus: Das sechzehnjährige Mädchen heißt Amanda. Sie hat offenbar ihr gesamtes bisheriges Dasein in einem Keller verbracht, gemeinsam mit ihrer Schwester Jana, der nun eine drakonische Strafe droht: Weil Amanda weggelaufen ist, fürchtet sie, dass der strenge Vater, der die beiden nur einmal pro Woche mit Essen und Trinken versorgt hat, Jana verdursten lassen wird. Aber eigentlich habe er sie bloß beschützen wollen, denn: "Die Welt ist ein böser und gefährlicher Ort."
Es gelingt Leonie Winkler (Cornelia Gröschel), das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen, und natürlich will sie alles tun, um Jana zu finden. Allerdings gibt es ein Problem: Amanda hat keine Ahnung, wo sich ihr Gefängnis befindet. Außer ihrem Vornamen weiß sie nichts über ihre Identität. Eine medizinische Untersuchung bestätigt immerhin ihre Angaben: Der ausgeprägte Mangel an Vitamin D belegt, dass sie in ihrem Leben nie in der Sonne war, außerdem ist sie stark unterernährt. Den Rest ihrer Erzählungen hält Winklers Chef Schnabel (Martin Brambach) jedoch für Humbug, zumal eine Psychiaterin seine Skepsis bestätigt: Ihrer Ansicht nach leidet Amanda unter einer psychischen Störung.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Die Abteilung ist ohnehin unterbesetzt, seit Winklers Partnerin Gorniak den Dienst quittiert hat. Trotzdem lässt sich Schnabel schließlich erweichen: Winkler kriegt 24 Stunden, um Jana zu finden. Eine Veröffentlichung von Amandas Foto führt immerhin zu einem ersten Hinweis: Eine alte Frau erzählt, sie habe nachts öfter zwei weibliche Personen beim Picknick auf einem Spielplatz beobachtet; das deckt sich mit der Erzählung des Mädchens, dass sie und Jana ihr Gefängnis hin und wieder im Schutz der Dunkelheit verlassen durften. Die Untersuchung des Kellers in dem Wohnblock bleibt allerdings ergebnislos; und die Zeit verrinnt.
Episodenhauptdarstellerin Emilie Neumeister ist für Rollen dieser Art dank ihrer besonderen Ausstrahlung immer eine gute Wahl. Amanda prägt den ersten Akt des Films, den Regisseurin Saralisa Volm und ihr Kameramann Roland Stuprich der Handlung entsprechend trostlos gestaltet haben: Abgesehen von einem kurzen Spaziergang Winklers mit dem Mädchen sind die Bilder betont unbunt; gerade die Innenaufnahmen sind von einer konsequenten optischen Tristesse. Das ändert sich im nächsten Akt: Ausgerechnet die Kellerszenen, ebenfalls mit Neumeister, nun allerdings als Jana, strahlen mit ihrem freundlichen rötlichbraunen Licht eine irritierende Geborgenheit aus.
Das erfahrene Krimi-Publikum wird allerdings frühzeitig ahnen, was es mit dieser zweiten Ebene auf sich hat. Dass Nina Kunzendorf nicht bloß engagiert worden ist, um Schnabel und Winkler die Kellertüren im Wohnblock zu öffnen, versteht sich ebenfalls von selbst. Trotzdem gelingt es Volm, die Spannung durchgehend hoch zu halten, zumal weitere Rechercheergebnisse für zusätzliche Verwirrung sorgen (Drehbuch: Viola M.J. Schmidt): Die Suche in der genetischen Datenbank ergibt zwar einen Treffer, aber der führt ins Nichts. An dem Messer, mit dem Amanda anfangs unterwegs war, finden sich dafür die DNS-Spuren einer nahen Verwandten; nun gilt das Mädchen als Hauptverdächtige in einem möglichen Tötungsdelikt.
Volm knüpft mit "Nachtschatten" an die Qualität ihre bisherigen Arbeiten an: In ihrem Kinodebüt "Schweigend steht der Wald" (2022), ein Heimatdrama mit Henriette Confurius, stößt eine Forststudentin auf ein grausiges Geheimnis. Der Fernsehfilm "Bis zur Wahrheit" (2024) ist ein differenziert erzähltes Drama mit Maria Furtwängler als erfolgreiche Chirurgin, die im Urlaub vom Sohn eines befreundeten Paars vergewaltigt wird.
Ihre ersten Berufsjahre hat Volmals Schauspielerin verbracht, eine Erfahrung, die auch ihre Arbeit als Regisseurin prägt, denn davon profitieren nicht zuletzt die Hauptdarstellerinnen ihrer Filme. Emilie Neumeister ist mit ihrem sparsamen Spiel eine ausgezeichnete Besetzung für die reizvolle Doppelrolle, zumal sie als Amanda durchaus gruselig wirkt. Maßgeblichen Anteil an der unheilvollen Atmosphäre hat auch die Musik: Volms bevorzugter Komponist Malakoff Kowalski hat auf Melodien verzichtet und stattdessen einen unheilvoll dräuenden Hintergrund geschaffen.

