Selbstverständlich beginnt der Film mit dem Klassiker "Für mich soll’s rote Rosen regnen". Den Chanson kennt heutzutage zwar nicht mehr jedes Kind, aber er ist zweifelsohne Teil des deutschen Kulturguts: als Schwulenhymne, als Trauerlied sowie natürlich als bekanntester Titel von Hildegard Knef. Klar, da sind noch der zum Skandal gewordene und von Tumulten begleitete Nachkriegsfilm "Die Sünderin" (1951), in dem sie sechs Sekunden lang nackt zu sehen war, oder ihr autobiografischer Bestseller "Der geschenkte Gaul" (1970), aber die "Roten Rosen" (1968) sind bis heute ihr Erkennungslied.
Am 28. Dezember 1925 wurde "die Knef" geboren, 2002 ist sie gestorben, diverse TV-Dokumentationen sowie ein Spielfilm ("Hilde", 2009, mit Heike Makatsch) haben ihre von ständigem Auf und Ab geprägte einzigartige Karriere gewürdigt. Was also könnte ein Dokumentarfilm einem jüngeren Publikum, das die Schauspielerin, Sängerin und Autorin womöglich nicht mal dem Namen nach kennt, geben? Vor allem wohl ihre Widerstandskraft.
Tatsächlich taugt Hildegard Knef nach wie vor als Vorbild, und das in gleich mehrfacher Hinsicht: weil sie sich als Frau in der von Männern dominierten Welt des Showgeschäfts behauptet hat; und weil sie Niederlagen verkraftet hat, die viele andere aus der Bahn geworfen hätten. Was sie auszeichnete, wird heute gern mit dem Begriff Resilienz umschrieben: Jeder Rückschlag schien sie nur noch stärker zu machen, seien es die vielen Karriereknicks oder die erheblichen gesundheitlichen Probleme, die Dutzende Operationen nötig machten.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Das Verdienst von Lucia Schmid (Buch und Regie) liegt nicht zuletzt darin, den äußeren Anschein zu hinterfragen. Zu diesem Zweck konterkariert sie die glanzvollen Aufnahmen von Konzerten, Filmpremieren oder Buchvorstellungen mit Knefs eigenen Worten. "Ich will alles" kommt ohne Kommentar aus. Stattdessen liest Nina Kunzendorf passende Passagen aus "Der geschenkte Gaul" oder "Das Urteil" (1975), jenem Buch, in dem die Sängerin ihre Krebserkrankung verarbeitet hat. Für weitere Einblicke ins Innenleben sorgen die Erinnerungen der 1968 geborenen Tochter Christina.
Ihre Schilderungen bezeugen die Kehrseite des von Knef geprägten und gepflegten Bilds einer selbstbewussten starken Frau, die in Wirklichkeit zutiefst verletzlich war. Umso bewundernswerter sind "ihre Kraft und der unbedingte Wille zu überleben, weiterzumachen", wie es Schmid formuliert; und das immer in der Öffentlichkeit. Auch in dieser Hinsicht ist der Film bemerkenswert aktuell. Nach landläufiger Meinung haben Prominente noch nie so wenig Privatleben gehabt wie heute, weil alles sofort im Netz steht, aber Topstars wie Hildegard Knef erging es einst kaum besser, wie die vielen von Schmid präsentierten und zum Teil mit unverhohlener Häme verfassten Schlagzeilen verdeutlichen.
Der Rest ist Collage, Potpourri, Kaleidoskop und Fleißarbeit: Spielfilmausschnitte wechseln mit Talkshowgesprächen, Konzertauftritte mit "Behind the scenes"-Momenten, also Eindrücken von Dreharbeiten oder Soundchecks. Die Interviews sind besonders fesselnd, weil sich Knef, den Kopf gern auf eine Hand gestützt, als hochintelligente, zutiefst nachdenkliche Person entpuppt, die selbst die mitunter weniger originellen Fragen klug beantwortet und keine Scheu hat, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Illustrationsmaterial hatte Schmid, dreifache Grimme-Preisträgerin und aus der gleichen Generation wie Knefs Tochter, vermutlich in Hülle und Fülle: In ihrem Bemühen, die Deutungshoheit über ihr Leben zu behalten, hat Knef lieber selbst die Initiative ergriffen, anstatt sie anderen zu überlassen; Fotos vom Krankenbett mit entstelltem Gesicht nach einer Schönheitsoperation würde ein Star ihres Kalibers heutzutage garantiert nicht mehr zulassen.
Neben der handwerklichen Qualität dieses auch dank vieler privater Fotos über weite Strecken schwarzweißen Films lebt "Ich will alles" – natürlich ein Zitat aus "Rote Rosen" – in erster Linie vom widersprüchlichen und entsprechend schillernden Charakter dieser faszinierenden Persönlichkeit, die dank Wolfgang Staudtes Trümmerfilm "Die Mörder sind unter uns" (1946) quasi über Nacht berühmt wurde, anschließend drei Jahre lang in Hollywood versauerte, später erst beruflich (als "Sünderin") und schließlich wegen einer wilden Ehe mit einem verheirateten Mann auch privat zur "Schande der Nation" wurde: "Aus Erfolg war Verfolgung geworden." Schmid bedient sich in diesen Momenten der Knef’schen Selbstironie aus einem weiteren berühmten Chanson: "Von nun an ging’s bergab."


