Nach der Erfindung des Rades vor gut sechstausend Jahren dauerte es noch eine ganze Weile, ehe der Mensch das ganze Potenzial dieser Entdeckung ausschöpfte. Bis zur Revolutionierung des Individualverkehrs vergingen sogar mehrere Jahrtausende. Die Historie des Zweirads ist ohnehin faszinierend, zumal es viele verschiedene Spielarten gab, ehe ein Engländer vor rund 140 Jahren das heute noch geläufige Modell entwickelte. Diese Geschichte muss allerdings neu geschrieben werden, denn tatsächlich ist das Fahrrad, wie wir es kennen, kurz zuvor in Münster erfunden worden; ein klassischer Fall von erfolgreicher Industriespionage, zudem verbunden mit einem Mord.
Fall Nummer 48 für Hauptkommissar Frank Thiel und Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Axel Prahl, Jan Josef Liefers) spielt zwar trotzdem in der Gegenwart, hat aber einen konkreten Bezug zu dem damaligen Ereignis. Der Film beginnt im Jahr 1882. Die schwarzweißen Bilder von Kopfsteinpflaster und wallenden Nebeln wirken wie eine Hommage an die frühen Edgar-Wallace-Filme. Dazu passt auch die Handlung: Bevor das Mordopfer sein Leben aushaucht, gelingt es ihm, eine Zeichnung in eine feuerfeste Schatulle zu stecken. Zuvor hat der Mann eine auf dem Rücken liegende 3 auf das Blatt gezeichnet. Alles andere wird ein Opfer des Feuers, das der Täter gelegt hat. Bei Renovierungsarbeiten im Keller des Fahrradunternehmens Hobrecht ist das Gefäß vor einem halben Jahr kürzlich entdeckt worden. Es enthält den Entwurf eines modernen Rades und somit eine Sensation, die zudem viel Geld verspricht. Beim Traditionsbetrieb erhofft man sich vom Verkauf des "First Bike", einer mehrere tausend Euro teure High-Tech-Variante des vom Vorfahren skizzierten Modells, enorme Umsatzgewinne. Die 3 wird nicht weiter beachtet.
Schon allein die Idee, Vergangenheit und Gegenwart mit Hilfe des Zweirads zu verknüpfen, ist reizvoll, aber natürlich gibt es auch im Hier und Jetzt einen Todesfall: Als Firmenchef Kurt Hobrecht (Hannes Hellmann) in feierlichem Rahmen den potenziellen Verkaufsschlager präsentieren will, enthält die Kiste zum Entsetzen aller Anwesenden nicht etwa den Prototyp, sondern die tiefgefrorene Leiche seines älteren Bruders Albert, und nun entspinnt sich eine Handlung aus der Kategorie "Wer solche Verwandten hat, braucht keine Feinde". Ehrgeiz, Missgunst, Intrigen, Brudermord, eine grausame frühkindliche Misshandlung: Drehbuchautor Thorsten Wettcke zieht alle Register eines familiären Krimidramas.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Trotzdem gelingt es Regisseur Till Franzen in seinem zweiten "Tatort" aus Münster nach "Der Mann, der in den Dschungel fiel" (2023) mit Detlev Buck als heimgekehrter Abenteurer, dem Film die beim Publikum so beliebte heitere Note zu bewahren. Die Frotzeleien zwischen den beiden Hauptfiguren sind dabei diesmal gar nicht so ausgeprägt wie sonst, selbst wenn gerade das um ChrisTine Urspruch als Assistentin "Alberich" ergänzte Duo Prahl und Liefers gewohnt witzige Dialoge hat ("Willkommen auf Ihrem Niveau"). Lustiger wird’s allerdings, wenn die Komik aus der Situation heraus entsteht und Boerne, als die beiden nachts durchs Firmengebäude von Familie Hobrecht schleichen, auf ein Quietscheentchen tritt. Sehr schön gespielt ist auch die Hektik, in die der Rechtsmediziner stets verfällt, wenn ihn jemand dabei ertappen könnte, wie er Tag um Tag einen Zentimeter von einem Maßband abschnippelt; warum der passionierte Sportwagenfahrer plötzlich nur noch mit dem Fahrrad durch Münster braust, lässt sich ohnehin erahnen.
"Die Erfindung des Rades" ist der letzte Film mit Mechthild Großmann. Die Darstellerin der Staatsanwältin mit der Racke-rauchzart-Stimme hatte sich ausdrücklich Wettcke fürs Abschiedsdrehbuch gewünscht. Der Autor hat dafür gesorgt, dass Wilhelmine Klemm diesmal eine zentralere Rolle spielt als sonst, denn wie sich zu Thiels Verblüffung herausstellt, waren sie und Kurt Hobrecht vor fünfzig Jahren ein Paar. Der spätere Patriarch der Fahrraddynastie war sogar ihre erste und einzige große Liebe. Trotzdem hat sie den Antrag, den er ihr bei der gemeinsamen Reise nach Goa (natürlich im VW-Bus) machte, abgelehnt. Das Wiedersehen ist rührend, aber nun muss sie gegen ihn ermitteln lassen, denn er steht unter dem Verdacht, den Bruder auf dem Gewissen zu haben; aber auch seine drei Kinder sind keine Unschuldsengel. Selbstredend klärt Boerne am Schluss das Geheimnis der 3, und die Staatsanwältin erhält einen würdevollen Abgang. Ihre Nachfolgerin wird Lou Strenger, kürzlich noch ganz vorzüglich in der Rolle einer jungen Psychotherapeutin als Hauptdarstellerin des WDR-Zweiteilers "David und Goliath".


