Sollte ich einmal eine Einladung zu einer Beerdigung bekommen, auf der es heißt, man solle doch bitte in bunter und möglichst "lebensbejahender" Kleidung erscheinen, werde ich in einem Dilemma sein. Einerseits möchte ich den Willen der verstorbenen Person oder auch der Angehörigen respektieren. Die haben sich dabei ja etwas gedacht. Vielleicht wollen sie ausdrücken, wie dankbar sie für ein schönes und gelungenes Leben sind. Andererseits mag ich mich nicht hell oder bunt anziehen, wenn jemand gestorben ist. Ich will nicht einmal darüber nachdenken müssen, was ich zu einer Beerdigung anziehe, sondern ganz selbstverständlich zu schwarzer Kleidung greifen im Wissen darum, dass wohl alle das tun werden. Ich will während der Beerdigung nicht darauf schauen, was die Leute so anhaben. Ich will dasitzen oder stehen und traurig sein, die Gedanken ganz auf die verstorbene Person gerichtet. Ich will in meine Trauer spüren und sie ausdrücken.
Noch schlimmer als die Bitte, auf Trauerkleidung zu verzichten, ist darum für mich die Aufforderung: "Seid nicht traurig!" Manche Sterbende schreiben solche Worte für die Überlebenden auf und meinen es sicherlich gut. Mir jedoch würde das ungemein schwer fallen: Ich will traurig sein. Ich will aussehen wie drei, wie dreißig Tage Regenwetter. Ich will weinen.
Darum will ich auch lieber an einem Sarg stehen und nicht an einer Urne, wenn ich Abschied nehme. Ich möchte mindestens ahnen können, dass da ein Mensch drin liegt, der mir etwas bedeutet hat. Ich will mich von diesem Anblick erschüttern lassen und schauen, dass ich mich traue, noch einmal ganz nah ranzugehen, den Sarg will ich mit den Fingern zu berühren. Damit auch die Hände merken, wie weh es tut, dass dieser Mensch jetzt tot ist.
Ich habe Verständnis dafür, dass Sterbende und ihren Angehörigen sich trösten möchten, indem sie ihren Blick auf das Leben und ins Licht richten. Gerade wenn das Sterben länger dauert, braucht es diesen Blick. Aber man muss die Trauergemeinde nicht darum bitten. Meistens kommt die Heiterkeit ganz von allein. Bei einer Trauerfeier aber darf sie sich ruhig eine Weile zurückhalten, finde ich. Die Heiterkeit soll es aushalten, dass geschluchzt wird, dass die Stimme bricht beim Singen. O ja, gesungen werden sollte unbedingt auf einer Beerdigung! Auf Musik lauschen, die mal der verstorbenen Person etwas bedeutet hat, das gefällt mir auch sehr gut und bewegt mich. Weil man da innehält, sich in Erinnerungen verstricken lässt. Aber zu versuchen, selbst zu singen, obwohl man eigentlich nicht kann, es zu schaffen und dann vielleicht doch wieder zu abzubrechen und in Weinen auszubrechen – das ist für mich würdiges Trauern. Würdig, weil es der Traurigkeit einen Ausdruck verleiht, weil es sie nicht wegdrückt. Wenn mich jemand auffordert, bei einer Beerdigung nicht traurig zu sein, höre ich: "Das Leben geht weiter." Das stimmt natürlich, aber in meinen Augen nimmt dieser Satz, wenn er zu früh gesprochen wird, der verstorbenen Person etwas von ihrer Einzigartigkeit.
Darf man auf Trauerfeiern tanzen, wenn die verstorbene Person sich das gewünscht hat? Ja, natürlich, darf man das. Aber man darf auch hinfallen beim Tanzen, weinen und erstmal nicht mehr aufstehen wollen. Erlauben wir einander die Traurigkeit! Gewähren wir einander die Erschütterung, die der Tod in uns auslöst. Gönnen wir einander eine gemeinsame Zeit, in der es uns weh tut und in der wir uns fragen, worauf wir denn überhaupt noch hoffen sollen und können. Mit Tränen in den Augen will ich "Christ ist erstanden" singen, wenn der Sarg rausgetragen wird, oder bevor wir rausgehen und der tote Mensch dann in die Erde gelegt wird oder verrannt. Dann mag aus dem Körper ein Diamant werden oder eine Wolke oder Dünger oder Knochen. Dann mögen bei Butterkuchen und belegten Broten heitere Geschichten aus dem Leben erzählt werden. Dann will ich wieder bunte Sachen anziehen und trösten und trösten lassen. Aber eben erst dann.

