Das Leid der Menschen sowohl in Israel als auch in den palästinensischen Gebieten gleichermaßen in den Blick zu nehmen, sei der Schlüssel für die Öffnung von neuen Wegen, die am Ende zu einem gerechten Frieden führen könnten, sagte der Vorsitzende des Weltkirchenrats, Heinrich Bedford-Strohm, am Donnerstagabend bei einem Vortrag in Bielefeld. Nötig sei ein "Niederreißen der Empathie-Abschottungsmauern".
Richtig verstandene Solidarität mit Israel bedeute, sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einzusetzen, erklärte der Vorsitzende des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Nur so könnten die Menschen auf beiden Seiten in nachhaltiger Sicherheit leben. Alle Kräfte, die sich auf einen solchen Weg einließen, müssten gestärkt werden.
Bedford-Strohm plädierte für eine strategisch-kooperative Vernetzung von christlich-jüdischem und christlich-palästinensischem Dialog. Beide seien Ausdruck dafür, aus schrecklichem Leid heraus zu einer Kultur des Respekts vor dem Leben zu kommen und kompromisslos für die Würde jedes Menschen einzutreten. Dieses notwendige gemeinsame Engagement vertrage "keine Blasenbildung zwischen den Palästina-Unterstützern und den Israel-Freunden".
Es habe gute Gründe, dass sich Deutschland als Land in seiner Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg Israel und seiner Sicherheit besonders verpflichtet gefühlt habe, sagte der evangelische Theologe. Ein Engagement für das Existenzrecht Israels sei allerdings nur dann glaubwürdig, wenn es von einem Engagement für die weltweite Geltung von Menschenrechten und für eine Achtung des internationalen Rechts begleitet werde.
Bedford-Strohm verteidigte die Israel-Palästina-Erklärung des ÖRK. Er halte zwar den Begriff "Apartheid" nicht für hilfreich, räumte er ein. Es müsse jedoch möglich sein, auch in Deutschland "das himmelschreiende Unrecht" im Gaza-Streifen genauso deutlich anzusprechen wie die Kriegsverbrechen der islamistischen Hamas. Die Mitgliedskirchen des Weltkirchenrats setzten sich für die Überwindung von Gewalt ein.
Der Zentralausschuss des ÖRK hatte im Juni in einer Erklärung die Politik Israels gegenüber den Palästinensern verurteilt. Die "Realität der Apartheid" müsse beim Namen genannt und es müssten Sanktionen gegen Israel verhängt werden. Die EKD distanzierte sich von dem Apartheid-Vorwurf.
Der ÖRK umfasst derzeit rund 350 Mitgliedskirchen mit weltweit mehr als 580 Millionen Christen. Die römisch-katholische Kirche ist nicht Mitglied, arbeitet aber mit dem Weltkirchenrat zusammen.