Judenhass in der Klimabewegung

Palästinensische und israelische Flagge
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Was hat Klimaschutz mit Israel und Palästina zu tun? Ein Buch deckt eine schleichende Israel-Feindlichkeit unter Klimaaktivisten auf. (Symbolbild der palästinensischen und israelischen Flagge)
Aufgedeckt
Judenhass in der Klimabewegung
Sie sind jung, sie halten sich für progressiv, links, "woke" und wollen die Welt besser machen, ja sogar retten. Sie engagieren sich in Subkulturen und Bewegungen mit einem emanzipatorischen Selbstbild. Besonders beliebt derzeit: die Klimabewegung.

Sie nennen sich "Extinction Rebellion" (XR), "fridays for future" oder die "Letzte Generation". Sie fallen vor allem durch lautstarke und extravagante Aktionen auf. Kaum aber bekannt ist, dass in Teilen der Klimabewegung Boykottkampagnen gegen den jüdischen Staat proklamiert werden.

Auch beim Kampf für Klimagerechtigkeit werden alte antisemitische Mythen neu belebt. Das aktuelle Buch "Judenhass Underground, Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen" deckt erschreckende Zusammenhänge auf.

"Die Klimabewegung an sich ist natürlich total unterstützenswert. Gleichzeitig ist das eine sehr junge Bewegung", sagt Nicholas Potter, Mitarbeiter der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin. Er ist Mitherausgeber des Buches und hat recherchiert, dass sich viele junge Aktivistinnen und Aktivisten in der Klimabewegung zum ersten Mal eine Meinung zu Israel und Palästina bilden und dass das vor allem in den sozialen Medien stattfindet.

Wer kapert die Klimabewegung für Israelhass?

Was aber hat Klimaschutz nur mit Israel und Palästina zu tun? "Das sieht man ganz klar bei Fridays for Future International. Die Gruppe behauptet im Namen der ganzen Klimabewegung zu sprechen. In Wahrheit stecken hinter dem Twitteraccount Fridays for Future International nur wenige Menschen, die eine klare antiisraelische Position haben. Das kapert quasi die Klimabewegung für Israelhass", sagt Potter.

Junge Menschen in der Klimabewegung weltweit würden aber genau diese antisemitischen Posts lesen, in denen sie zum Widerstand gegen den jüdischen Staat aufgerufen und so beeinflusst werden. So gibt es Aufrufe zur "Klimaintifada" und Untergruppen, die sich "Fridays for Palestine" nennen. Über die sozialen Medien werden antisemitische Stereotype verbreitet: Die Klimakrise betreffe Palästinenser:innen "unverhältnismäßig stark". Israel "vergiftet Leben" im Gazastreifen, indem es für die Verunreinigung des Trinkwassers verantwortlich sei – eine Neufassung des mittelalterlichen antisemitischen Stereotyps des jüdischen Brunnenvergifters. Israel betreibe mit seinen
Klimaschutzbemühungen zudem "Greenwashing", Klimaschutz sei
also nur ein hinterlistiger Plan, um von der Unterdrückung der
Palästinenser:innen abzulenken.

Nicholas Potter, der sich selbst als links und progressiv bezeichnet, erklärt dieses Phänomen so: "Viele Leute kommen in diese junge Bewegung, die vielleicht schon woanders aktiv waren. Sie bringen die Themen mit, mit denen sie schon vorher beschäftigt waren. Und das kann zum Beispiel auch ein sehr antiimperialistisches Weltbild sein, das Israel als das ultimativ Böse in der Welt darstellt und dem jüdischen Staat seine Daseinsberechtigung abspricht."

Dieser Antisemitismus etwa bei "Fridays for Future International" ist kein einmaliges Phänomen. Nicht alle innerhalb der Klimabewegung sind jung und unerfahren. Roger Hallam etwa, Mitgründer von Extinction Rebellion, ist schon Mitte 50. Der Brite ist durch viele Aussagen aufgefallen, die als geschichtsrelativierend empfunden wurden. Hallam hat zum Beispiel gesagt, dass die Shoah "just another fuckery in human history" sei, also nur ein weiterer Scheiß der Menschheitsgeschichte. Eine Aussage, die an die Worte des AfD-Spitzenpolitikers Gauland erinnern.

Klimakrise wird mit Vernichtungslagern der Nazis verglichen

Im Februar 2019 verglich Hallam auf einer Veranstaltung von Amnesty International die Klimakrise mit Auschwitz. Im Magazin "Spiegel" verglich er Extinction Rebellion mit der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Letztlich benutze der Klimaaktivist die Shoah für sein Anliegen, auf Kosten der jüdischen Opfer, sagt Nicholas Potter: "Die Provokation ist geplant. Er hat auch gesagt, die Klimakrise ist wie das Gas, das durch die Röhre fließt und hat damit einen bewussten Vergleich mit den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten gezogen."

Hinzu komme der vermeintliche Gerechtigkeitskampf für den sogenannten "globalen Süden". Spätestens seit dem Antisemitismus-Skandal auf der "documenta 15" seht die Frage im Raum, wer oder was denn nun genau "der globale Süden" ist. Buchmitherausgeber Stefan Lauer hat da näher hingeschaut.

"Diese Trennung in den globalen Süden und den Norden ist ein Rückschritt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war dieses antiimperialistische Denken aufgebrochen worden. Dass man nicht mehr von dem einen Bösen auf der einen Seite und den armen Unterdrückten auf der anderen Seite gesprochen hat, sondern gesehen hat, dass diese Rollen innerhalb von Gesellschaften und innerhalb von Gruppen unterschiedlich verteilt sind, dass Situationen komplex sind", sagt Lauer.

Nun aber werde wieder plump in Gut und Böse unterteilt. Nämlich: Alle Juden sind Unterdrücker und böse, alle Palästinenser sind Unterdrückte und gut. Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete sind so groß wie das Bundesland Hessen. Wenn man es aber für seine Ideologie gebrauchen will, passt der ganze globale Süden und Norden hinein.

Fatal sei, dass solche Narrative auch in der Klimabewegung um sich griffen. Nikolas Lelle hat einen Artikel über den israelbezogenen Antisemitismus in den links-progressiven Subkulturen geschrieben. "Ich würde auf jeden Fall sagen, dass Israelhass in bestimmten Szenen wieder zum guten Ton gehört. Das ist so eine Art Ticket, das man zieht. Wenn man sich als progressiv versteht, wird es immer mehr normal, dass man Israel ablehnt", sagt Lelle.

Fridays for Future Deutschland versucht gegenzusteuern

Allerdings versuche zumindest Fridays for Future Deutschland, gegenzusteuern. Man biete Seminare zu Israel und dem Nahostkonflikt an und arbeite mit Jüdischen Gemeinden zusammen, um aufzuklären und antisemitische Narrative aufzudecken. Doch der Schaden sei jetzt schon unübersehbar, warnt Buch-Mitherausgeber Nicholas Potter: "Da sehe ich das Problem, dass antisemitische Positionen normalisiert werden. In manchen links geprägten Bewegungen gehört es immer mehr zum Grundkonsens, dass wenn man politisch links sein will, man den jüdischen Staat vollkommen ablehnen muss. Das ist gefährlich."

Buchtipp:

Stefan Lauer (Hg), Nicolas Potter (Hg): 

"Judenhass Underground
Antisemitismus in emanzipatorischen Subkulturen und Bewegungen
"

252 Seiten, 22 Euro, 2023, Verlag Hentrich&Hentrich
ISBN: 978-3-95565-615-7