Die Einsamkeit durchbrechen

Daniel Neudeck

© epd-bild/Valentin Schmid

Daniel Neudeck bietet auf seinem "´´Bänkle" immer freitags in einem im Tübinger Vorort Gespräche für Einsame an. Der Glaube an Jesus treibt den Industriekaufmann Neudeck an.

Seelsorgegespräch auf der Bank
Die Einsamkeit durchbrechen
Engagierter Christ bietet Gemeinschaft und Gebet für Einsame an
Eine Bank für Menschen, die das Gespräch suchen - das bietet Daniel Neudeck aus Kusterdingen bei Tübingen an. Er hat sogar seine Arbeitszeit reduziert, um noch mehr für einsame Menschen da zu sein.

Jetzt im Winter kommen weniger Leute vorbei, meint Daniel Neudeck nachdenklich. Immer am Freitagnachmittag lädt er jeden, der sich einsam fühlt, zu sich nach Kusterdingen (Landkreis Tübingen) ein. Genauer gesagt auf eine kleine Sitzbank vor seinem Haus. Aber welchen Sinn ergibt das jetzt bei Minusgraden? "Natürlich dürfen alle auch reinkommen", sagt Neudeck. Weil das Thema Einsamkeit so schambesetzt ist, falle es aber vielen Besuchern leichter, vor dem Haus Platz zu nehmen.

Laut Experten kann sich der Mangel an sozialen Kontakten ähnlich stark auf die Gesundheit auswirken wie Zigaretten, Bluthochdruck oder Übergewicht. Daniel Neudeck beschäftigte das schon länger, vor allem als der Beginn der Corona-Pandemie die Einsamkeit endgültig zur Volkskrankheit machte. Also schaltete er eine Anzeige, zu ihm aufs "Bänkle" zu kommen. "Ich weiß halt nicht, wo die Leute zu Hause sitzen", meint der 33-Jährige, "sonst würde ich sie auch besuchen kommen".

Einsamkeit sei nicht ein Zustand, sondern ein Gefühl. Auch in einer Gruppe könne man sich einsam fühlen. Seit es das "Bänkle" gibt, sei fast nie jemand vorbeigekommen, der alleine wohnt. Und entgegen den Erwartungen sind auch nicht nur Senioren betroffen. Menschen jeden Alters kommen vorbei, um Gemeinschaft zu haben. Oder um Anliegen zu teilen, für die ihnen sonst die Zuhörer fehlen.

Das "Bänkle" steht vor dem Haus, da manche Menschen ihr Anliegen als schamhaft empfinden und lieber draußen darüber reden.

Professionelle Seelsorge kann Neudeck nicht leisten. Aber er bietet jedem Besucher an, gemeinsam zu beten. Das habe bis jetzt auch noch keiner abgelehnt. Schließlich ist es der Glaube an Jesus, der den Christen Neudeck antreibt, dieser Not in der Gesellschaft zu begegnen. Seit einem Jahr hat der Industriekaufmann sogar seine Arbeitszeit reduziert, um noch mehr Zeit in Menschen zu investieren.

Ein teils ungelöstes Problem sieht er in der Erwartungshaltung, die bei manchen Besuchern entsteht. Da Neudeck nicht zu jedem eine Freundschaft aufbauen kann und schon gar keine Abhängigkeiten entstehen lassen möchte, musste er auch schon Absagen erteilen. "Manchen stieß das vor den Kopf", sagt er, "aber ich kümmere mich eben um die, die wirklich niemand haben".

Politik sucht Strategie gegen die Einsamkeit

Im Tübinger Bürgermeisterwahlkampf hatte die SPD-Kandidatin Sophie Geisel im Juli 2022 einen "Aktionsplan gegen Einsamkeit" vorgeschlagen. Und auch die SPD-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg forderte im September vergangenen Jahres eine Strategie gegen Einsamkeit. Eine flächendeckende Lösung sucht man aber bisher sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene vergeblich.

Großbritannien war nicht nur das erste Land, das 2018 ein Ministerium gegen Einsamkeit errichtete, sondern gilt auch als Erfinder der "Happy to Chat Bench". Die Aktion hat viele Nachahmer gefunden, zum Beispiel als der Landesseniorenrat Baden-Württemberg im Herbst 2021 in 20 Orten "Schwätzbänkle" schuf. Viele davon sind geblieben, weitere hinzugekommen. Die Garantie, auf der Sitzbank einen guten Gesprächspartner zu haben, bleibt aber eine Kusterdinger Besonderheit.

Vor gut einem Jahr wurde auch das ZDF auf das "Bänkle" im Tübinger Vorort aufmerksam. Entgegen der ersten Anfrage wurde Neudeck jedoch vom Interviewpartner zum Kontaktvermittler umfunktioniert, seine Bank auf eine leere Wiese verpflanzt. Heute freut er sich, dass die dort aufgezeichneten Gespräche Teil einer Dokumentation über Einsamkeit wurden. Er bedauert aber auch eine verpasste Chance: Das Konzept seines Engagements thematisiert der 40-minütige Film gar nicht.

Andere für das Konzept begeistern

Zwar hat der 33-Jährige wenig Interesse daran, sich und sein "Bänkle" noch populärer zu machen. Doch er wünscht sich, andere für das Konzept zu begeistern. Oder noch besser: Kontakte zwischen den Menschen zu knüpfen, sodass diese Zeit zusammen verbringen.

Ein weiterer Vorschlag eines Tübinger Bürgermeisterkandidaten klingt in diesem Zusammenhang noch nach: Markus Vogt von der Satire-Partei "Die Partei" hatte für einen Einsamkeits-Beauftragten geworben, der sich "sowohl um Psychologie als auch um fette Partys kümmert". Inwiefern dieses Vorhaben politisch ernst gemeint war, lässt sich sicher hinterfragen. Aber für Neudeck ist klar: "Die Aufgabe würde ich sofort machen."

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