"Einsamkeit ist Last und Lust"

Caspar David Friedrich - Der Mönch und das Meer

© Caspar David Friedrich/Public domain/Wikimedia Commons

Das Bild "Der Mönch am Meer" von Caspar David Friedrich kann ein Sinnbild für "die völlige Verlorenheit im Kosmos sein", sagt Philosoph Wilhelm Schmid im Interview mit Pfarrer Günter Hänsel zum Thema Einsamkeit in Zeiten der Pandemie.

Interview mit Wilhelm Schmid
"Einsamkeit ist Last und Lust"
Einsam, Alleinsein, Vereinzelt. Gegenwärtig wird viel über Einsamkeit und Alleinsein gesprochen. Die Pandemie-Zeit hat die bedrückende Erfahrung von Einsamkeit offengelegt. Der Berliner Pfarrer Günter Hänsel spricht mit dem Berliner Philosophen Wilhelm Schmid über die Last und Lust von Einsamkeit.

Günter Hänsel: Herr Schmid, gegenwärtig wird viel über Einsamkeit und Alleinsein gesprochen. Viele Bücher sind dazu in letzter Zeit erschienen. Wie erklären Sie sich das?

Wilhelm Schmid: Das Thema gab es schon immer für viele Menschen, aber jetzt ist das Scheinwerferlicht darauf gerichtet, Grund ist natürlich die Pandemie-Erfahrung.

Die Corona-Krise hat das Erleben von Einsamkeit offengelegt und sogar verstärkt. Endlich sprechen wir offen darüber. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Schmid: Ja, natürlich. Ich selbst hatte seit vielen Jahren ein Arbeitsmanuskript dazu in der Schublade. Jetzt muss ich damit nicht mehr kommen, jetzt gibt es genug darüber zu lesen.

Der Philosoph Odo Marquard spricht schon in seinem Aufsatz von 1983 von der "Last und der Lust der Einsamkeit" . Wohnt der Einsamkeit beides inne?

Schmid: Genau so ist es. Die Lust wird allerdings jetzt ein wenig vergessen, weil die Last für viele übermächtig ist.

In der Literatur und in der gegenwärtigen Diskussion werden unterschiedliche Begriffe verwendet: einsam, alleinsein, abgeschieden, isoliert, verloren, frei und ungebunden. Was verstehen Sie unter Einsamkeit und Alleinsein?

Schmid: Wie so oft ist es eine Frage der Definition, und die kann nie endgültig und für alle verbindlich sein. Was mich angeht, will ich die Begriffe nicht unterscheiden, beides kann beides sein, Last und Lust.

Philosoph Wilhelm Schmid.

Als Pfarrer begegnet mir Einsamkeit: In der Begleitung von Trauernden, beim Besuch von älteren Menschen; aber auch unter jungen Menschen spüre ich Erfahrungen von Einsamkeit. Zum anderen nehme ich eine große Sehnsucht nach Zeiten des Alleinseins wahr, um das eigene Leben zu vertiefen. Viele Menschen suchen Ruhe und Einkehr in Klöstern. Einsamkeit hat also viele Formen?

Schmid: Selbstverständlich. Wichtig ist nur, dass der oder die Einzelne für sich herausfindet, was er oder sie braucht und was ihm oder ihr guttut. Aber auch, wovor er oder sie sich ängstigt. Restlos aus dem Leben zu schaffen ist die ängstigende Einsamkeit nicht, sie gehört zum Menschsein.

"Restlos aus dem Leben zu schaffen ist die ängstigende Einsamkeit nicht, sie gehört zum Menschsein."

Das Bild "Der Mönch am Meer" von Caspar David Friedrich verstehe ich als Veranschaulichung eines Menschen, der sich im Alleinsein mit der ganzen Welt als eins empfindet. Was drückt dieses Bild für Sie aus?

Schmid: Ja, es kann das Einssein sein. Es kann auch die völlige Verlorenheit im Kosmos sein. Caspar David Friedrich legte ja immer großen Wert darauf, dass es keine Eindeutigkeit in seinen Bildern gibt.

Im Wort "Alleinsein" steckt die Bedeutung des All-eins-sein, also eine Weltbeziehung des Verbundenseins mit allem...

Schmid: Ja, und auch das allein sein.

Odo Marquard spricht von einer "Kultur der Einsamkeitsfähigkeit"² . Er nennt drei Momente, die für ihn zur Kultur der Einsamkeitsfähigkeit gehören: Humor, Bildung und Religion. Zur Religion schreibt er: "Zur Kultur der Einsamkeitsfähigkeit gehört – auch und vielleicht unvermeidlicherweise – Religion: Gott ist – für den Religiösen – der, der noch da ist, wenn niemand
mehr da ist."³  Überrascht Sie, dass Odo Marquard die Religion anführt?

Schmid: Wie immer ein bisschen kompliziert ausgedrückt von ihm. Die Frage ist, was Religion ist. Viele denken da sofort an Kirchen. Religion ist aber (so meine ich jedenfalls) einfach ein Rückbezug auf etwas Wesentliches. Was das ist, darüber haben Menschen unterschiedliche Auffassungen, aber alle haben für sich etwas Wesentliches, an dem sie ihr Leben orientieren.

"Religion ist einfach ein Rückbezug auf etwas Wesentliches."

Hermann Hesse versteht Einsamkeit als existenzielle Grunderfahrung: "Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den anderen, jeder ist allein." Wie verorten Sie die existenzielle Grunderfahrung von Einsamkeit in Ihren Gedanken?

Schmid: Es gibt einen Moment im Leben, da muss jede und jeder ganz
alleine durch. Ich habe es gerade eben sehr, sehr schmerzlich erlebt. An Heiligabend ist nach langer Krankheit meine Frau gestorben. Die Kinder und ich waren um sie herum, sie war erkennbar todtraurig, gehen zu müssen, und wir konnten es nicht verhindern und nicht ihr abnehmen. So wird es dann auch einmal für uns sein.

"Es gibt einen Moment im Leben, da muss jede und jeder ganz alleine durch."

Sie gehören zu wichtigsten philosophischen Schriftstellern der Gegenwart. Suchen auch Sie Zeiten des Alleinseins auf?

Schmid: Ja, jeden Tag. Ich trinke nicht zuhause Kaffee, sondern gehe allein ins Café, um inspiriert vom Kaffeegenuss zu arbeiten. Auch gehe ich jeden Tag allein zu einem Spaziergang. Das brauche ich, um denken und schreiben zu können.

Mehr zu Einsamkeit
Die chrismon-Chefredakteurinnen Claudia Keller und Ursula Ott
Für sich sein, das kann man genießen. Aber spätestens in der Pandemie wurde klar: Vielen fehlt der direkte Austausch mit Familie, Freundinnen und Kollegen, viele leiden am Alleinsein. Was hilft? Das Webinar wendet sich an Menschen, die sich einsam fühlen. Und an Menschen, die sich um Einsame kümmern. Zu Gast: Diana Kinnert und Johann Hinrich Claussen.
ARD/Das Erste überträgt zu Pfingsten den evangelischen Gottesdienst aus der evangelischen Kirche St. Gertrud in Hamburg.

Wilhelm Schmid, geb. 1953 in Billenhausen. Er studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen. Als freier Philosoph lebt er in Berlin. Er lehrte als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt und hält zahlreiche Vorträge im In- und Ausland. Im Jahr 2012 wurde Wilhelm Schmid mit dem Meckatzer-Philosophie-Preis und 2013 mit dem Egnér-Preis ausgezeichnet. Seine Bücher werden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Kürzlich erschien sein neustes Buch "Heimat finden. Vom Leben in einer ungewissen Welt" (Suhrkamp, Berlin, 2021).