Essen gehen gegen Einsamkeit

Menschen sitzen an Tischen und essen zusammen
epd/Selina Gross
Die Zahl einsamer Menschen wächst. Die Räumlichkeiten der evangelischen Kirchengemeinde im Frankfurter Stadtteil Fechenheim werden jeden Donnerstagmittag zu einem Begegnungsort.
Kirche bittet zu Tisch
Essen gehen gegen Einsamkeit
Die Zahl einsamer Menschen wächst, helfen können ihnen gemeinsame Mahlzeiten. Eine evangelische Frankfurter Kirchengemeinde bittet zu Tisch.

Teller klappern, Besteck klirrt. An den Tischen sitzen Menschen, die sich angeregt unterhalten. Manche tun das sehr laut mit ihrem Gegenüber, andere sprechen ganz leise, aber direkt am Ohr ihres Sitznachbarn. Die Räumlichkeiten der evangelischen Kirchengemeinde im Frankfurter Stadtteil Fechenheim werden jeden Donnerstagmittag zu einem Begegnungsort, fast schon einem Lokal. Zu der Aktion "offener Mittagstisch" sind alle eingeladen, die gemeinsam mit anderen Mittagessen möchten.

Zwischen den Tischen laufen Männer und Frauen mit hellblauen Schürzen hin und her. Sie bewirten die Gäste, aber vor allem halten sie mit ihnen Small Talk. "Schön, dass du wieder da bist." "Wie geht es Ihnen?", "Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen." Lächeln, nicken und das Gesagte noch einmal wiederholen, wenn etwas nicht verstanden wurde.

"Ich finde es wichtig, dass die Menschen sich wohlfühlen, deshalb ist hier alles wie im Restaurant", sagt Ursula Jung. Die 74-Jährige ist eigentlich Küsterin der Gemeinde, doch einmal in der Woche bedienen sie und ihr ehrenamtliches Team 50 bis 70 Gäste. "Zu uns kommen alle", sagt Jung. Mit "allen" meint sie Menschen mit Migrationshintergrund, Bürgergeldempfänger, Rentner, alleinerziehende Mütter, Obdachlose. "Aber es sind immer mehr Frauen als Männer."

Einsamkeit kann alle treffen

Die Gäste des Offenen Mittagstisches bilden beinahe exemplarisch genau die Bevölkerungsgruppen ab, die statistisch am häufigsten von Einsamkeit betroffen sind, sagt Einsamkeitsforscher Martin Gibson-Kunze vom Kompetenznetz Einsamkeit, einer Forschungsinitiative zu den Folgen und Ursachen von Einsamkeit. "Es gibt gewisse Risikofaktoren, die Menschen schneller einsam werden lassen", etwa Armut oder Sprachbarrieren, aber "tendenziell kann Einsamkeit jeden betreffen".

Besonders deutlich sähe man das seit der Pandemie, denn nicht nur stiegen die Einsamkeitszahlen gesamtgesellschaftlich, die Betroffenen seien auch immer jünger geworden. Früher wären Menschen über 75 Jahre am stärksten betroffen gewesen, heute nähmen sie einen kleineren Teil der Statistik ein. Stattdessen gebe jede neunte Person zwischen 18 und 74 Jahren eine hohe Einsamkeitsbelastung an. "Das entspricht insgesamt acht Millionen Menschen." Diese Zahlen seien ernst zu nehmen, denn Einsamkeit sei komplex und Linderung individuell.

Einsamkeit macht auf Dauer krank

"Immer wenn sich Menschen einsam fühlen, stimmen die sozialen Beziehungen, die man bräuchte, nicht mit den Beziehungen überein, die man aktuell hat." So können sich nicht nur Menschen einsam fühlen, die isoliert leben, sondern auch Menschen, die eine Beziehung führen oder in einer Freundesgruppe sind, betont der Forscher.

Dass Einsamkeit jedem einmal begegnet, sei normal. Problematisch sei es nur, wenn die akute Einsamkeit chronisch wird. Ständige Einsamkeit mache krank, sagt Gibson-Kunze. In der Vergangenheit habe man Einsamkeit nur als direkte Folge eines Krankheitsbildes oder Schicksalsschlags gesehen. Dabei könne Einsamkeit auch Auslöser verschiedener Krankheiten sein. Neben körperlichen Risiken, drohten etwa schwere psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Suizidalität.

Es gibt keine universelle Lösung

"Leider gibt es nicht die eine Form von Einsamkeit und auch nicht die eine einsame Person", daher rät der Experte zu unterschiedlichen Wegen, um die Einsamkeit zu lindern. Neben therapeutischen Ansätzen oder Seelsorge sieht Gibson-Kunze viel Potenzial in "inklusiver Architektur und Orten der Begegnung". Draußen fehle es an offenen Plätzen, um Menschen kennenzulernen. "Wir brauchen mehr Parkbänke, Orte, an denen man zusammen mit Anderen Pause machen und aufeinander zugehen kann." Genauso blieben geschützte Räume wie etwa Vereine und Kirchengemeinden wichtig, um Menschen eine weitestgehend kostenlose Möglichkeit zu geben, mit Anderen in Kontakt zu treten. Denn aus Sicht von Gibson-Kunze entstünden zwischenmenschliche Beziehungen nicht aus einer Laune heraus: "Die Umstände müssen stimmen."

Beim offenen Mittagstisch in Fechenheim sorgt Küsterin Jung dafür, dass alles passt und das Essen so preiswert ist, dass es sich jeder leisten kann. "Wir sammeln Spenden mit Fundraising und bewerben uns bei Stiftungen", sagt sie. So kann ein Großteil der Kosten für das Catering übernommen werden. Zur Weihnachtszeit organisiert Jung einen Adventskaffee im Anschluss an den offenen Mittagstisch. "Es soll jeder dazu kommen können, der möchte", auch an Weihnachten.