TV-Tipp: "Die Verteidigerin: Der Gesang des Raben"

Fernseher vor gelbem Grund

© Getty Images/iStockphoto/vicnt

25. Januar, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Die Verteidigerin: Der Gesang des Raben"
Wenn die Indizien eindeutig sind und der Täter gestanden hat, gibt es nach menschlichem Ermessen keinen Grund, an seiner Schuld zu zweifeln; zumal es zuvor einen bezeugten Streit mit dem Opfer gegeben hat. Allerdings hätte es sowohl beim Ermittlungsteam wie auch bei der Staatsanwaltschaft mindestens für Irritationen sorgen können, dass es keinerlei Hinweise auf eine Gewalttat gab; von einer Leiche ganz zu schweigen.

Zumindest dafür hatte der mutmaßliche Mörder eine einleuchtende Erklärung: Nach der Tat hat er den leblosen Körper zerteilt und an die Schweine verfüttert. Und so würde Samuel Brunner vermutlich noch heute im Gefängnis schmoren, wenn nicht gut fünf Jahre nach seiner Verurteilung in einem Waldsee das dort offenbar vor Jahren mutwillig versenkte Auto seines vermeintlichen Opfers entdeckt worden wäre. An der Leiche haben neben dem Zahn der Zeit auch die Fische genagt, aber es handelt sich eindeutig um Walter Schwarz, den Vater von Brunners damaliger Freundin. Deshalb sorgt die vom Gericht bestellte Pflichtverteidigerin Anna Northrup (Martina Gedeck) dafür, dass das Verfahren wieder aufgerollt wird. 

Die Handlung klingt, als sei das Drehbuch nach einer Vorlage von Ferdinand von Schirach entstanden. In den Büchern des prominenten Juristen geht es regelmäßig um die Erkenntnis, dass Straftaten oft nicht so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Der eigentliche Reiz des Films "Die Verteidigerin" mit dem poetischen Titelzusatz "Der Gesang des Raben" liegt jedoch im Schauplatz: Regisseurin Mara Eibl-Eibesfeldt und ihre Koautorin Carola Diekmann haben die Geschichte im Schwarzwald angesiedelt; die Landschaft hat mit ihren morgendlichen Nebenbildern ebenso wie die unheilvoll dräuende Musik (Lorenz Dangel) ganz erheblichen Anteil an der düsteren Atmosphäre. Das war auch schon in Eibl-Eibesfeldt Langfilmdebüt so: Das Kinodrama "Im Spinnwebhaus" (2016) erzählte mit eindrucksvollen Schwarzweißbildern die Geschichte dreier verwahrloster Kinder. Die Bildgestaltung oblag damals Jürgen Jürges und diesmal dem nicht minder renommierten Holly Fink. Ein besonders sinistrer Schauplatz ist das überwiegend in dunklem Holz gehaltene Hotel mit seinen vielen ausgestopften Tieren, in dem Northrup unterkommt.

Entscheidender für die Qualität des im SWR-Auftrag entstandenen möglichen Reihenauftakts ist jedoch die Arbeit mit dem Ensemble. Abgesehen von Therese Hämer als Hotelbesitzerin, die die Anwältin nach einigen Tagen vor die Tür setzt, damit ihr guter Ruf keinen Schaden nimmt, sowie Jörg Witte als nur widerwillig kooperativer Chef des örtlichen Polizeipostens sind die meisten Mitwirkenden zwar wenig bis gar nicht bekannt, aber sehr präsent. Besonders einprägsam ist Gustav Schmidt in der männlichen Hauptrolle, zumal er den reizbaren Brunner keineswegs als Opfer eines Justizskandals verkörpert.

Tatsächlich bleibt lange offen, ob der junge Mann den Vater seiner Freundin (Vanessa Loibl) nicht doch auf dem Gewissen hat, selbst wenn er die Tat nun leugnet. Bei der Untersuchung des Autos aus dem See findet die Kriminaltechnik allerdings Einschusslöcher, die von Jagdgewehren stammen könnten. Der alte Schwarz hat sich regelmäßig mit Jägern angelegt, weil ihm die Tiere näher waren als die Menschen. Aber wenn Brunner die Tat nicht begangen hat, warum hat er sie dann damals gestanden? 

Martina Gedeck überzeugt als Verteidigerin

Von der Neugier auf die Antwort abgesehen lebt "Die Verteidigerin" vor allem vom eindringlichen Spiel der Titeldarstellerin. Martina Gedeck versieht die erfahrene Juristin, die sich von der Unleidlichkeit ihres Mandanten nicht bremsen lässt, mit einer interessanten Mischung aus Freundlichkeit und Hartnäckigkeit. Die ist auch nötig, denn das Dorf empfängt weder den zunächst wieder freigelassenen Brunner noch sie selbst mit offenen Armen: Erst sprüht jemand "Verpiss dich" auf ihren Wagen, dann versagen die Bremsen; ob die Sabotage tatsächlich, wie der Werkstattbesitzer (Sascha Maaz) meint, das Werk von Mardern war, wird sie nie erfahren.

Dafür stellt sie alsbald fest, dass damals erhebliche Verfahrensfehler begangen worden sind. Die einzige Person, die ein ähnlich großes Interesse an der Aufklärung des Falls hat, ist eine junge Polizistin (Deniz Orta), die sie auf dem Laufenden hält. Mit Hilfe eines kleinen, aber wirkungsvollen Drehbucheinfalls hat Eibl-Eibesfeldt immerhin dafür gesorgt, dass die Verteidigerin inmitten der allgemeinen Feindseligkeit kleine Oasen findet: Dank ihrer sympathischen Vorliebe für Eiscreme verschafft sie sich und dem Film einige willkommene Ruhepausen.

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