TV-Tipp: "Seeland – Ein Krimi vom Bodensee"

Fernseher vor gelbem Grund

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15. Dezember, ARD, 20.15 Uhr:
TV-Tipp: "Seeland – Ein Krimi vom Bodensee"
Mit "Seeland" kehrt der SWR nun nach Konstanz zurück, und der Auftakt der möglichen neuen Donnerstags-Krimireihe macht dem Schauplatz am Bodensee alle Ehre: Die Handlung trägt sich tatsächlich größtenteils auf dem Wasser zu. Die eigentliche Besonderheit ist jedoch die zentrale Figur, und das nicht nur, weil die Schauspieler Hayal Kaya hier ihre erste Hauptrolle in einer deutschen Produktion spielt: Mit Elena Barin ermittelt zum ersten Mal eine Person mit Transidentität. 

Es ist schon seltsam, dass ausgerechnet die Bodenseeregion, eine der schönsten Gegenden des Landes, jahrzehntelang von der Filmbranche weitgehend ignoriert worden ist. Erst der SWR-"Tatort" aus Konstanz machte sich die Vorzüge der Region als Krimischauplatz zunutze: Im Frühling und im Sommer bildet die Idylle einen reizvollen Kontrast zum grausamen verbrecherischen Treiben, im Herbst und im Winter sorgt der Nebel für perfekte Atmosphäre. Mittlerweile tummelt sich im Untersee das ARD-Vorabend-Team von der "WaPo Bodensee", während im großen Obersee ein deutsch-österreichisches Duo ("Die Toten vom Bodensee") sowie einmal pro Jahr der Schweden-Heimkehrer Robert Anders ("Der Kommissar und der See", beide ZDF) auf Mörderjagd gehen. Mit "Seeland" kehrt der SWR nun nach Konstanz zurück, und der Auftakt der möglichen neuen Donnerstags-Krimireihe macht dem Schauplatz alle Ehre: Die Handlung trägt sich tatsächlich größtenteils auf dem Wasser zu. Die eigentliche Besonderheit ist jedoch die zentrale Figur, und das nicht nur, weil die Türkin Hayal Kaya hier ihre erste Hauptrolle in einer deutschen Produktion spielt: Mit Elena Barin ermittelt zum ersten Mal eine Person mit Transidentität. 

Das ist allerdings nur zu erahnen, thematisiert wird dieses biografische Detail zunächst nicht, zumal es für die Krimiebene ohnehin unbedeutend ist: An einem sonnigen Sonntag bringt ein entflohener Mörder ein Ausflugsschiff in seine Gewalt. Mit an Bord ist die neue Dezernatsleiterin der Kripo Konstanz. Als ein Lokaljournalist entdeckt, dass einer der Passagiere bewaffnet ist, und erst die Polizei und dann den Kapitän informiert, kommt es zu einem Handgemenge, bei dem der Mann stirbt. Der Sträfling, Robert Böwe (Pascal Goffin), übernimmt das Kommando. Am Konstanzer Hafen bereitet sich derweil Barins Stellvertreter darauf vor, den Verbrecher in Empfang zu nehmen, doch der durchschaut den Plan und droht damit, Geiseln zu erschießen, wenn seine Forderungen – Lösegeld, Fluchtfahrzeug zum Flughafen Friedrichshafen, aufgetankte Maschine – nicht erfüllt werden. Barin gibt sich nicht als Polizistin zu erkennen, versucht aber, Einfluss zu nehmen. Außerdem gelingt es ihr, dank einer cleveren Idee Kontakt zu ihrem Team zu halten, obwohl Böwe alle mobilen Telefone einkassiert hat.

Dass ein Gangster ein Vergnügungsschiff kapert, ist nicht gänzlich neu, das gab's erst zuletzt auch in einem "Tatort" aus Köln ("Hubertys Rache", 2022), hat aber was (Buch: Stefan Wild, Lisa Brunke). Trotzdem dauert es eine Weile, bis der erste "Seeland"-Krimi wirklich in Fahrt kommt. Anfangs wirkt der Film wie die Neunzig-Minuten-Version einer Vorabendserie, zumal die Mitwirkenden dem weitaus größten Teil des Publikums ausnahmslos unbekannt sein dürften. Immerhin ist die Konstellation interessant: Die Nummer zwei, Achim Schatz (Julian Bayer), hatte selbst Ambitionen auf den Chefposten, was die Zusammenarbeit mit der neuen Vorgesetzten nicht gerade erleichtert. Die interessanteste Rolle an Land spielt allerdings ein mit Martin Rapold charismatisch besetzter Staatsanwalt aus der Schweiz, der seine eigenen Ziele verfolgt und Schatz mehrfach dazu animiert, sich über die Dienstanweisungen seiner neuen Chefin hinwegzusetzen. Zusätzlich spannend wird die Geschichte, weil Böwe offenbar einen Komplizen an Land hat, der dafür sorgt, dass er über jeden Schritt der Polizei informiert ist. 

Regie führte Holger Haase, in dessen Filmografie ein Film wie "Seeland" eine echte Ausnahme darstellt: Der Regisseur hat die letzten sieben Episoden der ZDF-"Herzkino"-Reihe "Ella Schön" und zuvor überwiegend heitere Komödien inszeniert, die bis auf ganz wenige Ausreißer nach unten mehr als sehenswert waren. Haases letzter Ausflug an den Bodensee, "Familienerbe" (2022), war allerdings nur bedingt geglückt. Sein Abstecher ins ungewohnte Thriller-Genre wirkt mitunter, als habe er mal ganz was Anderes drehen wollen; bis er erkennen musste, dass das schmale Budget klare Grenzen setzt. Deshalb beschränken sich die "Action"-Szenen im Wesentlichen darauf, dass die Passagiere in Zeitlupe vom Schiff springen, als der Kapitän "Rette sich, wer kann" durchsagt; für Nervenkitzel sorgt ansonsten vor allem die Musik (Jens Grötzschel). Immerhin hat Haase versucht, aus dem Etat das Beste zu machen, und gemeinsam mit Kamerafrau Lena Katharina Krause mehrfach besondere Blickwinkel gefunden. 

Ansonsten lebt der Reihenauftakt jedoch von den Drehbuchideen (hinter dem Pseudonym Stefan Wild verbirgt sich Stefan Dähnert, Autor vieler sehenswerter "Tatort"-Krimis) sowie den Seebildern; gerade die Nachtaufnahmen des illuminierten Auflugschiffs sind schön anzuschauen. Interessant sind auch die vertrauensbildenden Maßnahmen der Kommissarin, die Böwes Zeit im Gefängnis gut nachempfinden kann, weil sie, wie sie ihm anvertraut, ihre eigene Jugend in der Türkei ganz ähnlich erlebt habe. Außerdem erfährt sie, dass sich seine Verhaftung, in deren Verlauf eine Polizistin ums Leben gekommen ist, ganz anders abgespielt hat, als es in seiner Akte steht. Selbst wenn Krimifans alsbald ahnen werden, wer der Maulwurf ist: Im letzten Akt und spätestens beim dramatischen Finale entpuppt sich die Vorabendunterstellung als voreiliges Etikett. 

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