Josua Boesch - Pfarrer und Ikonenmaler

Josua Boesch (1922-2012), Schweizer Pfarrer und Ikonenmaler, bei der Arbeit in seiner Werkstatt.

© Verein Josua Boesch

Josua Boesch (1922-2012) bei der Arbeit in seiner Werkstatt.

Evangelischer Mystiker
Josua Boesch - Pfarrer und Ikonenmaler
Josua Boesch (1922-2012) war reformierter Pfarrer in der Schweiz, ehe er Beruf und Familie verließ und sich in ein italienisches Kloster zurückzog, um Ikonen zu malen. Günter Hänsel spricht mit Simon Peng-Keller, einem Weggefährten Boeschs, über dessen Leben und Werk. Ein Mensch, der ganz in Gott lebte und durch seine Kunst davon Kunde gab.

Herr Peng-Keller, was für ein Mensch war Josua Boesch?

Simon Peng-Keller: Josua Boesch war ein zeitlebens suchender und fragender Mensch mit einer ausgeprägten Begeisterungsfähigkeit, die er sich bis ins hohe Alter bewahrte. Man könnte auch sagen, dass er in sich den Künstler und den Mönch vereinte - also jemand war, der immer wieder in eine starke Resonanz mit seiner Mit- und Umwelt trat und zugleich das Bedürfnis nach Einsamkeit, Rückzug und Stille hatte.

Boesch hat sowohl familiär als auch beruflich tiefgreifende Krisen und Veränderungen erlebt: Ehescheidung, Wohnortwechsel und Beendigung seines Dienstes als Gemeindepfarrer. Er zog in die Einsamkeit eines katholischen Eremitenklosters in Italien und richtete sich dort eine Werkstatt in seiner Zelle ein. Wonach sehnte sich Josua Boesch?

Peng-Keller: Mit seinen eigenen Worten könnte man sagen: er suchte nach seiner Ikone, nach seiner tiefsten Berufung, nach der Begegnung mit Gott. Neben den Brüchen und Diskontinuitäten, die Sie eben genannt haben, gab es übrigens in seinem Leben auch starke Kontinuitäten. So hat er beispielweise auch in Camaldoli noch regelmässig gepredigt und war bis ins hohe Alter seelsorglich tätig, so wie er auch schon als Gemeindepfarrer seine Kreativität gelebt hat, etwa im Religionsunterricht.

Er schuf eine Vielzahl von Ikonen. Sie entstanden in Stille und Einsamkeit. Was macht diese Ikonen so besonders?

Peng-Keller: Mit den künstlerischen und kunsthandwerklichen Möglichkeiten, die er sich als Gold- und Silberschmied in jungen Jahren erworben hat und mit dem Hintergrund eines reformierten Theologen entwickelte Josua Boesch eine neue Form christlicher Ikonographie, die eine große spirituelle Tiefe in sich birgt. Was für die ostkirchlichen Ikonen zutrifft, gilt auch für jene Josua Boeschs: sie sind bildgewordenes Evangelium und ein Medium des Betens und Meditieren. Wer sich auf sie einlässt, kann durch sie mit der Gegenwart des Auferstandenen in Berührung kommen.

"Das Feuer betrachtete er als den eigentlichen Künstler"

Die Ikonen entstanden aus Gold, Silber, Messing und Kupfer. Welche Bedeutung haben diese Metalle? Wie verstand er den Brennvorgang?

Simon Peng-Keller: Als Josua Boesch mit etwa 50 Jahren den Goldschmied in sich neu entdeckte, realisierte er, dass ihm sein früherer Beruf die Grundlage für eine neue Aufgabe gab. Er nahm sich vor, mit denselben Materialien und Techniken weiterzuarbeiten, doch auf eine neue Weise. Das betraf insbesondere auch die vier Metalle, mit denen ein Goldschmied gewöhnlich arbeitet. Im ikonografischen Kontext bekamen diese Metalle und ihr Verhältnis zueinander eine neue Bedeutung: Gold steht für das Göttliche, Silber für das Menschliche, Messing für das Alltägliche und Kupfer für das Leiden. Das Feuer betrachtete Josua Boesch als den eigentlichen Künstler. Es selbst schaffe nur die Grundformen, das Feuer gebe ihnen Schönheit und Tiefe. Deshalb werden die Brennspuren nicht getilgt, sondern sind Teil der ikonografischen Botschaft.

Er lebte aus der Stille und der Einsamkeit. In seinem Tagebuch schreibt er am 17. Juli 1985: "Würde mich jemand fragen, was mich am tiefsten beruhigt, ich antwortete ihm: Schönheit und Stille. Beide gehören für mich zusammen, denn Schönheit verbreitet Stille."  Was war es, was Josua Boesch so an der Stille und der Schönheit beruhigte?

Peng-Keller: Wichtig ist das Zusammenspiel zwischen beidem. Josua Boesch war einer Schönheit auf der Spur, die sich in der Stille zeigt und zugänglich wird. Die Ruhe und Beruhigung ist zugleich die Voraussetzung wie die Folge der Begegnung mit dieser Schönheit. Wenn sie einem aufgeht, wird man in eine tiefe Ruhe geführt, und wenn man in die Stille geht, kann man sie eher finden.

Josua Boeschs Tagebucheinträge sind Texte, die geistliche Tiefe atmen. Er schreibt am 30. April 1971: "Zurück in meinem Alltag. Ich staune und staune. Theophilie: DU in mir und ich in DIR. Obwohl ich ganz mich bin: ich in DIR. Obwohl DU ganz DICH bleibst: DU in mir. DU und ich eins. Unvermischt. Einander erfüllend, ergänzend, zum Ganzen bringend. Einung, würde Meister Eckhart sagen, nicht Identifikation."  Was meint Josua Boesch mit "Theophilie"?

"Jemand, der Gott als Liebender verehrt"

Peng-Keller: Josua Boesch greift in den Zeilen, die Sie zitiert haben, die Sprache des Johannesevangeliums und der christlichen Liebesmystik auf. Ein Theophiler ist jemand, der Gott nicht in der Ferne, sondern in der Nähe sucht, der ihn nicht als Lehrer, sondern als Liebender verehrt, der weniger über Gott, als zu und mit Gott spricht.

In seinem Tagebucheintrag vom 30. Juni 1986 schreibt er weiter: "Ikone. Ebenbildlichkeit: mein Bild auf SEINEM Antlitz schauen und IHN SEIN Bild auf meinem Antlitz schauen lassen. Das auslernen lernen."  Welche spirituelle Haltung bringt er uns in diesem Tagebucheintrag nahe?

Peng-Keller: Ich höre aus diesem Eintrag Staunen und Ergriffenheit heraus sowie Demut in einem starken Sinne dieses Wortes: eine Demut, die sich nicht selbst klein macht, sondern dankbar und staunend wahrnimmt, dass Gott grösser über uns denkt, als wir es selber tun. 

Boesch reflektiert in seinen Tagebucheinträgen, so am 17. Januar 1972, auch seine homosexuelle Veranlagung. Er schreibt: "Mein Urgewicht heisst Homophilie. Das ist der Stein, geschaffen von DIR."  In seinem Eintrag vom 11. März 1972 schreibt er weiter: "Die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern macht um-fassende Liebe transparent und klar. Darum gehört auch sie zum Gleichnis der Liebe Gottes wie die heterophile Liebe. Beide sind kostbar und heilig. Man darf sie nicht gegeneinander ausspielen. Aber das müssen wir erst lernen."  Litt Boesch unter den Vorurteilen seiner Zeit?

Peng-Keller: Ja, sehr. Er hat ja auch ein halbes Leben gebraucht, um offen zu seiner homosexuellen Veranlagung zu stehen, um sich nicht deswegen abzulehnen und in ihr eine Gabe Gottes zu entdecken.

Kostbar und heilig bezeichnet Josua Boesch die Liebe zwischen Menschen. Ein befreiender Gedanke zu seiner Zeit?

Peng-Keller: Nicht nur zu seiner Zeit, finde ich. Wir leiden ja nach wie vor daran, dass Spiritualität und sinnliche Liebe zwischen Menschen allzu lange als Gegensatz betrachtet worden sind.

Welche Impulse gehen von Boeschs Leben und Werk für eine heutige Spiritualität aus?

Peng-Keller: Von dem vielen, was hier gesagt werden könnte, wähle ich zwei Impulse heraus. Zum einen unterstützen Josua Boeschs ikonografisches Werk ebenso wie die Texte, die er dazu geschrieben hat, die Suche nach heutigen Formen christlicher Kontemplation. Alle, die sich zu einer kontemplativen Spiritualität hingezogen fühlen, finden hier einen reichen Schatz an Anregungen. Zum anderen ist Boeschs Weg, so wie er ihn selbst in dem Buch "Morgendämmerung" nachzeichnet, eine Ermutigung zum spirituellen Aufbruch. Da er sich selbst auch als Spätzünder beschreibt, der erst mit fünfzig zu seiner wahren Berufung fand, spricht dieses Buch in besonderer Weise in eine Gesellschaft hinein, in der immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen dürfen.

Neuerscheinungen zum Leben und Wirken Josua Boeschs: https://www.tvz-verlag.ch/search/result?schnellsuche=boesch

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